Von Mark Wolter
23.06.2011
Fußball-WM 2011

Keine Endrunde ohne Neid

Vom ersten WM-Tor 1991 bis zu den beiden Titelgewinnen war die heutige Bundestrainerin immer dabei

Zum Auftakt der ersten Weltmeisterschaft der Fußballerinnen in China lief nicht alles rund. Als sich die Spielerinnen des Deutschen Fußball-Bundes am 17. November 1991 im Stadion von Jiangmen vor dem Anpfiff des ersten Gruppenspiels zur Mannschaftspräsentation aufstellten, blieben die Lautsprecher stumm. Die obligatorische Nationalhymne fiel aus und wurde erst knapp eine Stunde später nachgeholt – zum Anstoß der zweiten Halbzeit.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die 27-jährige Silvia Neid mit dem ersten deutschen WM-Tor schon Geschichte geschrieben, in der 17. Minute des Spiels gegen die Afrikameister aus Nigeria. Zwanzig Minuten später verletzte sich die Mittelfeldspielerin und konnte nur noch mit ansehen, wie ihre Mannschaft vom 4:0-Auftakt bis zum Halbfinale ein gutes Turnier spielte. Erst die US-Amerikanerinnen konnten das DFB-Team mit der siebenfachen Torschützin Heidi Mohr stoppen. »Sie waren viel professioneller vorbereitet. Wir waren noch Amateure und hatten ihrer Athletik nicht viel entgegenzusetzen«, erinnerte sich die damalige Spielführerin und heutige Nationalmannschaftsmanagerin Doris Fitschen später an den vierten Platz bei der Premiere.

Vier Jahre später bei der WM in Schweden war es wieder Neid, die das erste Tor erzielte. Das 1:0-Siegtor gegen Japan am 5. Juni 1995 in Karlstad war zugleich das 100. der WM-Geschichte. Und diesmal erlebte die gelernte Fleischfachverkäuferin und spätere Blumenhändlerin als Kapitän alle Spiele auf dem Platz mit, den Gruppensieg, den Halbfinalsieg gegen die favorisierten Chinesinnen und auch das 0:2 im Finale gegen die überlegenen Norwegerinnen.

Neid war bei allen Auftritten der Nationalmannschaft dabei. Beim ersten offiziellen Länderspiel im November 1982 gegen die Schweiz wurde sie als 18-Jährige nach 40 Minuten eingewechselt und erzielte 60 Sekunden später eines ihrer zwei Tore beim 5:2-Sieg in Koblenz. »Man hat sofort gemerkt, dass sie das Zeug zur Führungsspielerin hat«, meinte der erste Bundestrainer Gero Bisanz damals. »Wenn sie gut aufgelegt ist, kann sie unser Spiel allein bestimmen«, sagte er bei seiner letzten WM 1995.

Nach 111 Länderspielen und 48 Toren bestimmte Neid ab 1996 nahtlos das Geschehen von der Trainerbank mit – zunächst an der Seite von Chefcoach Tina Theune-Meyer. Bei der WM 1999 in den USA mussten beide das Viertelfinal-Aus nach einem 2:3 gegen die Gastgeberinnen verdauen, vier Jahre später konnten sie an gleicher Stelle den ersten WM-Titel feiern. Seit 2005 ist Neid nun Bundestrainerin, hat mit ihrem Team den Pokal 2007 in China souverän verteidigt und will es in den kommenden drei Wochen wieder schaffen. Und die Heim-WM soll nicht das Ende sein. Bis 2016 hat sie ihren Vertrag verlängert. Keine Endrunde ohne Neid – auch nicht in vier Jahren in Kanada.

China 1991

Geschichte: Auf Drängen von FIFA-Präsident João Havelange startet am 16. November 1991 die erste WM mit 12 Teams aus 49 Bewerberländern. Als Gastgeber wird China bestimmt, gespielt wird 2 x 40 Minuten.

Höhepunkte: Der Chinesin Ma Li gelingt der erste WM-Treffer der Geschichte gegen Norwegen, der Schwedin Lena Videkull der bis heute schnellste nach 30 Sekunden gegen Japan. Eröffnungs- und Endspiel in Guangzhou sehen jeweils 65 000 Zuschauer.

Stars: Die US-Stürmerinnen Michelle Akers, Carin Jennings und April Heinrichs – das »dreischneidige Schwert« genannt – erzielen 20 der 25 Tore ihres Teams. Akers trifft beim 7:0 im Viertelfinale gegen Taiwan allein fünfmal – immer noch Rekord.

Weltmeister: Die USA gewinnen das Finale gegen Norwegen 2:1. Die deutsche Mannschaft verliert das Spiel um Platz drei gegen Schweden mit 0:4.

Schweden 1995

Geschichte: In Schweden geht es nicht nur um den zweiten Titel, sondern auch um die Qualifikation für das erste Olympische Frauenturnier 1996. Die Spielzeit wird auf 90 Minuten hochgesetzt, die FIFA experimentiert dafür mit einer zweiminütigen Auszeit pro Team und Halbzeit. Genutzt wird diese Option wenig, der Weltverband schafft sie nach der WM wieder ab.

Höhepunkte: China wirft die Gastgeberinnen im ersten WM-Elfmeterschießen mit 4:3 im Viertelfinale aus dem Turnier. Immerhin ist die schwedische Schiedsrichterin Ingrid Jonsson die erste Frau, die das Finale eines FIFA-Turniers leitet.

Stars: Die Norwegerinnen angeführt von Kristin Aarones (sechs Treffer) und Hege Riise (fünf) dominieren das Turnier – Tordifferenz insgesamt: 24:1.

Weltmeister: Norwegen besiegt die deutschen Frauen souverän 2:0. Das US-Team wird Dritter.

USA 1999

Geschichte: Das Turnier in den USA stößt in neue Dimensionen vor – nicht nur weil erstmals 16 Länder an der WM teilnehmen. Mehr als 660 000 in den Stadien und über 40 Millionen im TV verfolgen die von 2500 Medienvertretern begleitete Endrunde.

Höhepunkte: Zum Finale drängen sich 90 185 Fans in die Rose Bowl im kalifornischen Pasadena – bis heute Bestmarke für Fußballerinnen. Unvergessen ist der Jubel von US-Abwehrspielerin Brandi Chastain, die sich an diesem 10. Juli 1999 nach dem entscheidenden Elfmeter das Trikot vom Leib reißt.

Stars: Den »goldenen Schuh« für die beste Spielerin gewinnt die Chinesin Sun Wen, die wie die Brasilianerin Sissi sieben Treffer erzielt. Nigeria mit der jüngsten WM-Spielerin Ifeanyi Chiejine (16) erreicht als erstes afrikanisches Land das Viertelfinale.

Weltmeister: Die USA schlägt China im Elfmeterschießen 5:4. Im Spiel um Platz drei fällt die Verlängerung wegen Zeitmangels aus, Brasilien besiegt Norwegen im Shootout ebenfalls 5:4.

USA 2003

Geschichte: Eigentlich soll die WM in China stattfinden. Da in Asien aber die Infektionskrankheit SARS grassiert, verlegt die FIFA die Endrunde in die USA. Mittlerweile treten 98 Länder in der WM-Qualifikation an.

Höhepunkte: Das Golden Goal der deutschen Abwehrspielerin Nia Künzer am 12. Oktober in Carson ist das erste in einem WM-Finale und das bis dato letzte in einem internationalen FIFA-Wettbewerb überhaupt.

Stars: Der Auftritt von Birgit Prinz verzückt den Präsidenten des italienischen Männer-Erstligisten AC Perugia so sehr, dass er ihr einen Vertrag anbietet. Die Stürmerin, mit sieben Toren Turnierbeste, lehnt aus Angst vor einem Marketinggag ab.

Weltmeister: Deutschland gewinnt dank Künzers Kopfball in der achten Minute der Verlängerung 2:1 gegen Schweden seinen ersten Titel. Das »kleine« Finale USA gegen Kanada endet 3:1.

China 2007

Höhepunkte: Deutschlands 11:0 gegen Argentinien, der höchste WM-Sieg, sorgt dafür, dass wegen zu großer Leistungsunterschiede das Teilnehmerfeld zur WM 2011 noch nicht wie geplant auf 24 Teams aufgestockt wird. Mit Torhüterin Nadine Angerer bleibt das DFB-Team außerdem als erste Mannschaft ohne Gegentreffer bei einer WM.

Stars: Für spielerischen Glanz sorgt die Brasilianerin Marta. Die siebenfache Torschützin wird aber auch zur tragischen Figur, als sie im Finale einen Elfmeter zum Ausgleich vergibt.

Weltmeister: Deutschland gewinnt 2:0 gegen Brasilien. Dritte werden die US-Amerikanerinnen (4:1 gegen Norwegen), die damit zum fünften Mal unter den besten Drei vertreten sind. maw

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