Von Karlheinz Kasper
30.06.2011

Ein Kräutlein, das Marmor bricht

Michail Schischkin: Sein preisgekrönter Roman »Venushaar« ist ein Hymnus auf die Macht des Wortes

Verdiente Ehrung am gestrigen Abend in Berlin: Michail Schischkin und sein Übersetzer Andreas Tretner erhielten den Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt 2011«. Damit wird auch der Verlag belohnt, der sich des Romans »Venushaar« angenommen hat. Dass sich deutsche Editionshäuser jahrelang mit dem Einwand sperrten, »intellektuale« Romane, wie Thomas Mann sie nannte, seien heute nicht gefragt, kommt einem Skandal gleich. Schischkin, 1961 in Moskau geboren, 1995 nach Zürich gezogen, ist es gelungen, dem russischen Roman jene weltliterarische Geltung zurückzuerobern, die er mit Bulgakov und Nabokov im 20. Jahrhundert besaß. »Die Eroberung Ismails« wurde 2000 mit dem russischen Booker-Preis ausgezeichnet, »Venushaar« 2005 als »Nationaler Bestseller« gefeiert.

Auch im Geburtsland des Schriftstellers gab es Kritiker, die sein Talent verkannten und ihm vorwarfen, aus der Ferne das Bild der Heimat zu verzerren. Heute jedoch finden das Welt- und Menschenbild des Autors und seine originelle Poetik überall hohe Anerkennung. »Venushaar« ist mittlerweile in zahlreiche Sprachen übersetzt worden.

Schischkins Figuren bewegen sich in einer universalen Welt der Kultur, die keine geografischen und nationalen Grenzen kennt. Das gilt auch für die zentrale Figur von »Venushaar«. Der »Dolmetsch», ein gebürtiger Russe, lebt in der Schweiz, assistiert bei der Befragung von Asylbewerbern durch die Kantonspolizei im Auffangzentrum Kreuzlingen, der »Flüchtlingskanzlei des Ministeriums für Paradiesverteidigung«. Er übersetzt die Fragen von »Petrus« nach den Gründen für den Asylantrag und die Antworten der osteuropäischen »Gesuchsteller«, die im »Paradies« leben wollen und fantastische Geschichten erfinden, damit ihnen Einlass gewährt wird.

Alle Geschichten handeln von Menschen, die durch die historischen Kataklysmen der letzten Jahrzehnte entwurzelt wurden. Sie leben im Kopf des Dolmetsch weiter und multiplizieren sich bis zur Unendlichkeit. Der Dolmetsch ist nicht nur ihr Sammler, sondern auch ein Generator neuer Geschichten. Schischkin vergleicht ihn mit dem florentinischen Maler Luca Signorelli und dessen Fresken »Auferstehung des Fleisches« im Dom zu Orvieto: »Aus dem Nichts, aus der Leere des Raumes, aus dem grauen Putz, aus dem dichten Nebel, aus einer Fläche Schnee, aus dem weißen Blatt Papier tauchen plötzlich Menschen hervor, erstehen lebendigen Leibes, und dies, um für immer zu bleiben … Und wo die Dimensionen aufeinanderstoßen, kippen die Wand, der Schnee, der Nebel, das Papier in die Zeit.«

Der Dolmetsch erzählt von der Schulzeit in Moskau und der Lehrerin Galina Petrowna, von der Ehe mit Isolde, als er mit Frau und Sohn zusammen wohnte, und vom späteren Leben in der Einzimmerwohnung gegenüber dem Zürcher Friedhof, von der Reise nach Rom und dem Versuch, die Ehe zu retten, die an seiner Eifersucht gegenüber einem Toten (Isoldes verunglücktem ersten Mann Tristan) scheitert. Der Dolmetsch schreibt Briefe an seinen Sohn, den »hochwerten Nabuccosaurus«, der ihm lustige Zeichnungen schickt und es cool findet, dass er von zwei Vätern Weihnachtsgeschenke erhält. Unversehens schleichen sich in diese Briefe haarsträubende Asylantenschicksale ein. In der Freizeit liest er Xenophons »Anabasis«, den Bericht über den Feldzug des Kyros gegen seinen Bruder Artaxerxes und den Rückzug des griechischen Heeres bis an das Schwarze Meer. Xenophons Text mischt sich mit der Asylantenbefragung, den persönlichen Erinnerungen und den Briefen an den Sohn. Aus der Erinnerung an den ersten Auftrag, den der junge Moskauer Schriftsteller von einem Verlag bekam, erwächst die Geschichte der Romanzensängerin Isabella Jurjewa, deren Tagebuch privates Leben in der Epoche der Kriege und Revolutionen schildert.

Schischkin baut keine lineare Handlung auf, führt den Leser nicht von A nach B. Er bedient sich der »Matrjoschka«-Komposition, die schon Nabokov favorisierte. »Venushaar« ist ein Großtext, in dem fünf Texte wie russische Holzpuppen ineinander stecken – die Dialoge mit den Gesuchstellern, die Bruchstücke der Vita des Dolmetsch, die Vaterbriefe, Xenophons »Anabasis« und das Tagebuch der Sängerin. Jeder Text weist Teile der anderen auf. Dazu kommen zahllose versteckte Zitate aus bekannten und unbekannten Werken der Weltliteratur. Allein Andreas Tretners Anmerkungen zum Roman verweisen auf die Bibel, Mythen und Märchen, Werke der griechischen und lateinischen Klassiker, Krimi- und Fantasy-Autoren, Puschkin, Lermontow, Gogol, Dostojewski, Tolstoi, Tschechow, Jessenin, Brodski und weitere Quellen. Die polyphone Erzählweise des Romans geht am Ende in ein tutti, ein kaum noch differenzierbares Stimmenorchester über. Nicht ohne Grund sagt Galina Petrowna zum Dolmetsch: »Du bringst alles durcheinander! Alles auf der Welt wirfst du in einen Topf! Du bist nämlich ein großer Wirrkopf.«

Der Roman, von 2002 bis 2004 in Zürich und Rom geschrieben, ist ein Hymnus auf die Allmacht des Wortes, vergleichbar dem Venushaar aus der Gattung der Frauenhaarfarne, das »durch alle Leinwände stößt« und »jeden Marmor bricht«. Folgen wir dem russischen Schriftsteller, der durch die Weltkultur und das Leben führt und uns zuruft: »Mir nach! Ein Kräutlein will ich euch zeigen, ein grünes, grünes Gras!«

Michail Schischkin: Venushaar. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Deutsche Verlags-Anstalt. 556 S., geb., 24,99 €.

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