Von Jirka Grahl
11.07.2011

Das Ausscheiden als Argument

Dass die DFB-Frauen aus dem Turnier geflogen sind, spricht für die Entwicklung des Frauenfußballs

An diesem Samstagabend in Wolfsburg rieben sich alle die Augen: Die Spielerinnen des Titelverteidigers, weil sie versuchten, die Tränen wegzuwischen; die verdutzte ZDF-Moderatorin, weil sie und ihre Kollegen erst mal realisieren mussten, dass sie in ihrer Inszenierung eines scheinbar nicht bedacht hatten: die Möglichkeit der sportlichen Niederlage.

Dabei war etwas passiert, was nach dem Papier schon vorher gar nicht so unwahrscheinlich war: Oder sollte es wirklich eine Sensation sein, wenn der Vierte der FIFA-Weltrangliste gegen den Zweitplatzierten eben dieses Tableaus gewinnt?

Nein. Der Sieg der rasant kombinierenden Japanerinnen ist, so bedauerlich er für die Fans hierzulande sein dürfte, keine Sensation und schon gar nicht bedeutet er das Ende jenes Siegeszuges, den die Frauenfußballerinnen spätestens bei dieser WM angetreten haben. Im Gegenteil: Dass Japan Deutschland schlägt, dass Australien die Norwegerinnen aus dem Turnier wirft, dass bisher kein Sieg höher als 4:0 ausfiel – all das sind Anzeichen dafür, wie ernsthaft und professionell mittlerweile auch außerhalb der traditionellen Nationen gearbeitet wird.

Zur Erinnerung: 2007 bei der WM in China gab es ganz andere Resultate: ein 11:0 der Deutschen im ersten Gruppenspiel gegen Argentinien, ein 7:2 der Norwegerinnen gegen Ghana. 2011 sind sowohl Norwegen als auch Deutschland schon ausgeschieden: Die Zeiten, in denen einige wenige Teams (Deutschland, USA, Brasilien, Schweden, Norwegen) den Titel unter sich ausspielten, sind endgültig vorbei. Japan, Frankreich, Australien, England – die Zahl der Spitzenmannschaften wächst unaufhörlich. Der Frauenfußball wird langsam aber sicher universell.

Für die deutsche Mannschaft ist das Ausscheiden allerdings besonders schmerzhaft: Vom zweimaligen Titelträger und Topfavoriten stürzen Angerer, Garefrekes und Co. nun ab zu einer Mannschaft, die nicht einmal 2012 bei Olympia in London dabei sein wird. Statt zum Halbfinale nach Frankfurt zu reisen, verstreuten sich die deutschen Spielerinnen gestern in alle Himmelsrichtungen. Unentwegt waren die DFB-Damen zu den Helden des WM-Spektakels hochgejazzt worden. »3. Plätze sind was für Männer!« hatte das ZDF in den Städten plakatieren lassen. Oder: »Jungs, wir rächen Euch!« Von etwas anderem als der Finalteilnahme wollte keiner je ausgehen, nach einer Serie von 15 WM-Spielen ohne Niederlage – zuletzt wurde 1999 bei der WM in den USA gegen die Gastgeberinnen verloren: 2:3 im Viertelfinale. Was sollte zuhause schon schiefgehen?

Womöglich waren all die kessen Sprüche der unermüdlichen PR-Maschinerie etwas zu viel für die Fußballerinnen. Jedenfalls wirkten die DFB-Frauen über das gesamte Turnier seltsam gehemmt, ja gebremst. Schnelles Kurzpassspiel? Fehlanzeige. Moderne Taktik? Kaum zu sehen. Stattdessen steinzeitliche Mittel gegen die Japanerinnen: Hohe Bälle spielen, Kopfballüberlegenheit ausnützen – viel mehr hatte Silvia Neid den DFB-Frauen anscheinend nicht mit auf den Weg gegeben.

Silvia Neids Vertrag als Bundestrainerin wurde vor der WM bis 2016 verlängert. Wohl auch wegen der unguten Erinnerungen an 2010, als Joachim Löw zur WM gefahren war und nicht wusste, ob er nach dem Turnier noch in Diensten des DFB stehen würde. Silvia Neid steht nun gänzlich ungewohnte Arbeit bevor: Aufbauarbeit.

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