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Humor und Ironie

Zur Seele: Erkundung mit Schmidbauer

Bild 1
Dr. Wolfgang Schmidbauer arbeitet als Psychoanalytiker und Autor in München.

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frisst,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquilieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.
Wilhelm Busch

Die menschliche Fähigkeit, Kränkungen zu verarbeiten, wird in der modernen Arbeits- und Beziehungswelt oft genug überlastet. Strukturen zerbrechen, die lange verlässlich schienen. Die neuen Ordnungen sind selten besser, nur anders als die alten, unerwartete Schattenseiten trüben Illusionen über blühende Landschaften. Neuartige soziale Phänomene, wie Mobbing und Stalking, signalisieren eine überlastete Kränkungsverarbeitung.

Wer Angst hat, sucht nach einer Zuflucht; je mehr Angst er hat, desto mehr Sicherheit muss diese Zuflucht versprechen, desto verführerischer wird es, sie um jeden Preis zu erreichen. Angst kann Menschen sehr grausam machen. Eifersüchtige Partner, die sich unablässig mit Vorhaltungen plagen, Eltern, die ihre Kinder heftigstem Druck aussetzen, handeln oft ähnlich rücksichtslos wie die Täter/Opfer einer Massenpanik, die Schwächere zu Tode trampeln.

Angesichts solcher panischen Rücksichtslosigkeit hat es der Humor nicht leicht. Das Streben nach einer perfekten Lösung lässt sich durch Humor nicht irritieren. Im Gegenteil: Es entwertet den Humor (»Sie nehmen das Problem nicht ernst!« »Achten Sie auf die Würde des Tribunals!«). Oder es greift nach dem Humor und will ihn erzwingen. »Wir haben doch in der letzten Therapiestunde vereinbart, dass wir humorvoller miteinander umgehen. Und jetzt nimmst du meine Kritik schon wieder so bitter ernst!«

Ich selbst musste etwas älter werden und widerstandsfähiger gegen eigene Ansprüche, um zu der Einsicht zu kommen, dass Humor zwar nicht gut ist, um gekränkten Menschen weiterzuhelfen, aber oft doch das beste, was wir bieten können.

Gut wäre, wenn die Verletzungen niemals stattgefunden hätten, unter denen die Beteiligten einer Mobbing-Szene leiden. Gute wäre, wenn Menschen ohne mehr oder weniger massive Verletzungen heranwachsen könnten. Gut wäre, wenn Kinder nicht bei kleinsten Fehlern derart in Angst und Schrecken gesetzt würden, dass sie buchstäblich um ihr Leben fürchten. Gut wäre, wenn die Sprecher religiöser Einrichtungen den Gläubigen nicht in erster Linie Angst vor ewiger Verderbnis einjagen würden, um ihre Gnadenmittel an den Mann oder die Frau zu bringen.

Humor ist Suche und überraschender Fund des Guten im Übel; die eng verwandte Ironie konzentriert sich eher darauf, das Übel im Guten zu finden, um uns vor einem naiven Glauben an dessen Beständigkeit zu bewahren. Ironie schützt das Ich vor dem Sturz aus der Grandiosität, indem es diesen spielerisch vorwegnimmt; Humor »ist, wenn man trotzdem lacht«, er schützt das Ich vor der Verfinsterung in einer Depression.

In dem chinesischen Symbol von Ying und Yang erkennen wir einen dunklen Kreis in der hellen und einen hellen Kreis in der dunklen Hälfte. Der Licht-Keim im Dunklen entspricht dem Humor, der Dunkelkeim im Hellen der Ironie.

Das Busch-Gedicht zeigt, wie armselig und doch bereichernd die Möglichkeiten sind, mit Hilfe von Humor einer Situation etwas abzugewinnen, die hoffnungslos ist. Der Humor ignoriert die Tatsache nicht, dass das menschliche Leben kurz ist und von vielen Gefahren bedroht. Er zieht daraus gerade die Kraft, welche gegen den Perfektionismus mobilisiert werden kann: Warum soviel Zeit verschwenden, um einen aussichtslosen Kampf zu führen, wo doch am Ende der Tod die Anstrengungen einebnet? Gibt es nicht Wichtigeres als erfüllte Erwartungen, sexuelle Treue, gute Noten, hohes Einkommen?

Nach Sigmund Freuds Untersuchung »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten« entsteht Witz durch eine überraschende Entblößung einer sonst abgewehrten, mit Denkverboten belegten Triebszene. Ein Beispiel für einen ironischen Witz ist die Geschichte vom Kunstkenner, der auf einer Gemäldeausstellung zwei nebeneinander hängende Portraits von neureichen Geschäftsleuten mit der Frage kommentiert: »Und wo ist der Erlöser?«

Er sagt nicht direkt, dass er die beiden mit den Räubern vergleichen will, die neben Jesus gekreuzigt wurden; er spielt darauf an und überlässt es dem Hörer, sich von einem Aha-Erlebnis überraschen zu lassen. Die ironische Qualität des Witzes richtet sich gegen die Idealisierung der Dargestellten; die verborgene Triebbefriedigung betrifft die Lust an der Fantasie, die Neureichen nicht zu ehren, sondern zu kreuzigen.

Ein Beispiel für einen humorvollen Witz wäre der Ausspruch des Gefangenen, dem mitgeteilt wird, dass er heute hingerichtet werden soll: »Der Tag fängt ja gut an.« Ein weiteres Beispiel ist der Gedanke des Mannes, der vom Hochhaus stürzt und angesichts der ängstlich schreienden Menschen auf der Strasse sagt: »Warum die Aufregung, bisher ist doch alles gut gegangen!«

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Szletal81, 17. Jul 2011 11:47

    Die 1. allgemeine Verunsicherung

    ist die Quelle von Ängsten und Störfällen.
    Die Ursachen liegen meistens in Unwissenheit und Verständlichlosigkeit der Veränderungen.
    Aber dies nur mit Humor zu begegnen ist schon ein wenig übertrieben.
    Denn auch der Humor der neuen Zeit hat sich gewandelt.
    Wo früher alle lachten, lacht jetzt nur noch eine elitäre Klientel.
    Die Witze sind einfach zu banal und nicht wirklich humorvoll.

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