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Von Klaus Hammer 16.07.2011 / Berlin / Brandenburg

Makabre Welt der Albträume

Frank Seidel zeigt die dunkle Seite des Menschen – eine Ausstellung in der Galerie Pankow

»Doppelseele« von Frank Seidel
»Doppelseele« von Frank Seidel

Seit 1984 arbeitet er freischaffend als Bildhauer, Maler und Zeichner in Berlin. Dominierte zunächst in seinem Werk die Bildhauerei – so hat er einen antiklassischen Figurentypus geschaffen, der in seiner aufgebrochenen Form, seiner kreatürlichen Ungeschütztheit wie beliebigen Austauschbarkeit so etwas wie ein Gestaltzeichen unserer Zeit darstellt –, ist in den letzten 15 Jahren die Malerei bei ihm mehr in den Vordergrund getreten. Auch hier hat er sich für die nichtoffizielle Geschichte des Menschen, die Psychogeschichte entschieden, die durch Grausamkeit, Gewalttätigkeit, ideologische Morde, Selbsttäuschungen und Entbehrungen verrückt geworden zu sein scheint.

Frank Seidels großformatige Bilder erschüttern, schockieren, verstören, sie provozieren Unbehagen, Widerspruch, Ablehnung und – ein sich fast widerwillig vollziehendes – Begreifen. Der Maler ist ein Meister obsessiver Traumvisionen, Schöpfer einer dunklen, dämonisch-grotesken, fantastischen Welt, die von diabolischem Geist wie raffinierter Esoterik durchdrungen ist und das Zweideutige, Rätselhafte, Hinterhältige, Makabre und Undefinierbare, das Bizarr-Halluzinatorische und Hintergründig-Paradoxe hervorhebt.

Dem Bild des Menschen in dessen Verzerrungen, Verrenkungen, Vergewaltigungen wird nachgespürt, dem abgründigen Sein. Es sind seltsam nächtliche Geschöpfe, die diese Bilderwelt bevölkern, abstoßende, gepeinigte, dann aber auch wieder selbst peinigende Kreaturen, Irrende, Suchende, Chimären, Krüppel, Teufelsbräute, Erinnyen und Skelette, die sich im Schmerz ihres Daseins oder in rauschhafter Verzückung winden. Darunter gibt es auch sehr sinnliche Erscheinungen, Feen, Elfen, kahlköpfige Epheben und anthropomorphe Tiergestalten, flüchtige Metamorphosen des Menschen als Bild einer sündhaften, begehrenden Seele. Was dem Betrachter vor Augen tritt, ist eine kafkaeske Welt der Verwandlung, ein Fantasiereich voller Absurdität, Schauder, Wahnsinn, Doppelgängertum und Bewusstseinsspaltung in der Art von E.T.A. Hoffmanns »Elixieren des Teufels«.

Wie der englische Maler Francis Bacon verleugnet Seidel auf seinen Bildern den klassischen Akt. Der Mensch wird stattdessen zum zweibeinigen Tier, das abhängig ist von seinen Süchten: nach Sex, Exzessen, Geborgenheit oder Macht. Eine klinische Betrachtung des menschlichen Körpers ohne jede Intimsphäre findet statt. Der Maler glaubt etwas Gemeinsames in den verschiedenen Nutzungsarten des Körpers zu sehen – man kann diesen untersuchen, zum Sex gebrauchen oder politischen Zwängen unterwerfen. In allen Fällen handelt es sich um Formen der Selbstaufgabe, der Überantwortung, bei denen der Körper nur noch als Objekt fungiert. Daher auch Seidels Vorliebe für Umgebungen, die an Willenlosigkeit erinnern – Raster, Gitter, Flecken usw.

Die Akteure sind ebenso ordinär wie gewalttätig damit beschäftigt, über den anderen zu herrschen, ihn in einen Hinterhalt zu locken, ihn zu demütigen. Der menschliche Körper wird geschunden und malträtiert, eine angebliche »Segnung« – so der Bildtitel – erweist sich als Höllenqual. »Du weißt, bei mir ist es nicht möglich«, versichert ein anderer Titel, und doch wird das so kategorisch Ausgeschlossene im Bild wahr. Ein verhängnisvoller Trugschluss ist das selbstbewusst renommierende »Zwei wie wir«. Und »Du bist, was Du isst« zeigt einen kopfunter Hängenden, der verzweifelt nach einem Bissen schnappt, der sich aus der ihn ködernden Fangschnur gelöst hat. Die psychisch unerträgliche Präsenz der »Elfen«-Gestalt mit ihren gelängten Extremitäten lässt an ein riesiges Insekt denken, eine Gottesanbeterin, die unbeweglich auf das bedauernswerte Opfer wartet.

Wenn Seidel seinen Arbeiten Titel beifügt, sind sie desavouierend, konterkarieren sie sarkastisch die Bildthemen und -motive. Die verzerrte Vitalität der Bildoberflächen – Brüste, grinsende Münder, Gesäß und Bauch wirken wie eine dicke, vibrierende Membrane – ist ebenso auffällig wie die abstoßende Körperlichkeit der Farbe, die in ihrer zellularen Struktur, mit tropfendem Pinsel über die Leinwand gestrichen, so anmutet, als gehöre sie zu einem Gewebeabstrich.

Doch ohne ein kompaktes Gefühl für Raum und Volumen könnten die Bilder wohl kaum in dieser Intensität zu uns sprechen. Er lässt die Gewalttätigkeit in seinen Bildern zu sich langsam bewegenden oder vollkommen statischen Formen gerinnen – in Verrenkungen von Körpern und Beinen. Oder er drückt sie durch steife, verlängerte Formen aus. Oder durch die übertriebenen Kreuz- und Querverbindungen zwischen Vorder- und Hintergrund, die seinen Szenen ein klaustrophobisch zusammengepresstes Aussehen geben. Aus der räumlichen Verdichtung gotischer Altarbilder – Seidel benutzt für seine Themen auch die Triptychonform – entsteht der Schauplatz moderner Kreuzigungen und Kalvarien. Seine Bilder sind eine brillante Synthese aus traditionellen Leidenssymbolen und einem Gefühl bedrohlicher Macht in den banalen Gebrauchsgegenständen der Moderne.

Eine makabre Welt der Albträume, der verdrängten Triebe, der bürgerlichen Langeweile, der hoffnungslosen Einsamkeit und des hypnotischen Schlafs, aus dem es kein Erwachen gibt. Sich wirklich auf Seidels Werk einzulassen heißt, der dunklen Kehrseite des Menschlichen ins Auge zu sehen, jenseits aller ästhetischen Überlegungen das Wesen des Menschen – und damit sich selbst – in seiner ganzen ungeschminkten Wahrheit zu erkennen und zu verstehen suchen.

Bis 23. Juli , Galerie Pankow, Breite Str. 8, Di.-Sa. 14-20 Uhr, Katalog 10 Euro

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