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Von Andreas Heinz 26.07.2011 / Berlin / Brandenburg

Geldmangel folgt Bildungsarmut

LAK-Sprecherin fordert: Näher ran an die, um die es geht / Kinderhilfswerk verteilt Schulranzen

Ein Geschenk für bedürftige Kinder: Schulranzen ND-
Ein Geschenk für bedürftige Kinder: Schulranzen ND-

Nachdenklich liest Barbara John die Zahlenreihen in den Tabellen der Bundesagentur für Arbeit. John vergleicht als Sprecherin der Berliner Landesarmutskonferenz (LAK) die Angaben über Kinderarmut in der Hauptstadt. Hat sich im Vergleich zu 2011 im vergangenen Jahr etwas Gravierendes verändert, eventuell gar verbessert? »Nun ja«, meint John. »2010 wurden etwa 170 000 arme Kinder in Berlin gezählt, in diesem Jahr sind es um die 168 000.« Für die Mitglieder der LAK heißt das: Die Kinderarmut ging auf hohem Niveau leicht zurück. »Damit bleibt Berlin die Hauptstadt der Armut«, so das Fazit von Barbara John im Gespräch mit ND.

Um auf die soziale Situation von vielen Berliner Schulanfängern hinzuweisen, verteilte das Deutsche Kinderhilfswerk gestern 50 Ranzen an bedürftige Kinder.

In Berlin leben zur Zeit rund eine halbe Million Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, so der Kinderschutzbund, ein Mitglied der Armutskonferenz. Mehr als ein Drittel dieser jungen Menschen ist danach arm. Als arm gilt nach Definition der Europäischen Union, wer weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Nettoeinkommens monatlich zur Verfügung hat und/oder Hilfe zum Lebensunterhalt benötigt. Familien mit zwei Kindern unter 15 Jahren müssen von 1499 Euro pro Monat leben, Alleinerziehende mit zwei Kindern von weniger als 1100 Euro. Alleinerziehende mit einem Kind haben unter 833 Euro zur Verfügung. Davon müssen Miete, Strom, Telefon, Lebensmittel und Kita- und Hortbeiträge bestritten werden.

Dramatische Folge der finanziellen Armut ist oft die Bildungsarmut, stellte der Berliner Beirat für Familienfragen fest. Der Familienbeirat gehört ebenfalls der Landesarmutskonferenz an. Deshalb sind Bildungsprogramme für Kinder und Jugendliche auch für deren Sprecherin Barbara John wichtig und notwendig, damit die Zukunft der Schüler nicht direkt in Arbeitslosengeld II mündet.

Diese Bildungsprogramme müssen allerdings immer wieder auf ihre nachhaltige Wirksamkeit hin überprüft werden, ist John überzeugt. »Bildungsprogramme sind kein Allheilmittel«, sagt John und fordert regelmäßige Armutsberichte. »Das Thema Armut wird in Berlin versteckt«, kritisiert die LAK-Sprecherin. »In den Hochglanzbroschüren sucht man es vergebens.«

Wenn die allgemeine Weiterbildung nicht funktioniere, müsse individualisiert werden. »Was man jetzt bei den Kindern in die Bildung finanziert, muss später nicht ausgegeben werden. Armut kann sich vererben«, so John. »Aber Bildung ist nun mal der Fahrstuhl nach oben«, betont die LAK-Sprecherin. Arme Kinder haben geringere Bildungschancen, können kaum an kulturellen und sozialen Veranstaltungen teilnehmen. Oft leben Familien aus Scham isoliert.

Wie aber lässt sich diesem Problem entgegenwirken? Warum geht der Prozess so schleppend voran? Die Kinder gehen zwar zur Schule, viele von ihnen lernen aber nicht, so die Erkenntnis der Landesarmutskonferenz. Wenn mit den Eltern über das Problem geredet werde, zum Beispiel mit Hilfe der Stadtteilmütter, werde oft zu idealistisch gedacht. »Arme informieren sich weniger«, sagt Barbara John. An den Schulen werde zu wenig dagegen getan. »Die Bezirksämter greifen auch erst ein, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist – zum Beispiel mit Hilfe zur Erziehung«, stellte Barbara John fest. Hier müsse Präventionsarbeit geleistet und die Wirkung der Hilfsprogramme besser erkundet werden.

Die Forderung der Schulen, die Eltern generell zur Mitarbeit zu gewinnen, funktioniert nach Ansicht der Armutskonferenz nicht. Vorschlag der LAK: Interessierte Eltern aus der allgemeinen Agonie lösen. Nicht warten, sondern ansprechen. Näher ran an die, um die es geht, so die Forderung. »Es bringt nichts, sich allein von Ideologien inspirieren zu lassen«, erklärt die LAK-Sprecherin. Die Schule müsse Bildungsgarantie geben. Die Kinder müssten nicht alle das Abitur schaffen, um im Leben beruflich etwas zu erreichen und nicht in der Armut zu enden.

»Die Basics müssen beherrscht werden«, meint John und rechnet vor. »Ein Kitaplatz kostet 4000 Euro pro Kind und Jahr, ein Schulplatz 8000 Euro.« Und wenn die generelle Weiterführung an der Schule nicht funktioniere, müsse individuell geholfen werden.

Weitere Infos: www.landesarmutskonferenz-berlin.de

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2 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Rotspoon, 26. Jul 2011 08:26

    Es kommt nicht darauf an, Schulranzen zu verteilen

    Es ist an der Zeit, die Schulranzen auf dem Sperrmüll zu entsorgen. Nehmt die Last von den Kleinen.Sie wollen nicht schleppen, sondern sich entfalten.

    • Permalink

  • Szletal81, 26. Jul 2011 08:56

    Kinderarmut

    ist in erster Linie auch Elternarmut. Der Geldmangel der Erzieher erzeugt die Kinderarmut und nicht umgekehrt.

    • Permalink

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