In den vergangenen 20 Jahren stieg die Zahl der wegen psychischer Störungen aufgenommenen Patienten in den Krankenhäusern um 129 Prozent. Noch schneller wuchs die Gruppe der Menschen, die wegen einer Depression oder einer anderen affektiven Erkrankung in die Klinik mussten. Allein seit dem Jahr 2000 wird ein Zuwachs von 117 Prozent verzeichnet, heißt es im diesjährigen Krankenhausreport der Barmer GEK, der speziell die Situation der Psychiatrie untersucht. Der am Dienstag in Berlin vorgestellte Bericht basiert auf Abrechnungsdaten der Krankenkasse.
Die stationäre Verweildauer psychisch Kranker pro Fall wurde reduziert – von 45 auf 31 Tage –, aber angesichts steigender Fallzahlen haben es die Kassen aber mit steigenden Kosten zu tun. Kein Wunder: Nicht einmal die Hälfte einer Gruppe von 1200 befragten Patienten mit Depression fühlte sich ein knappes Jahr nach dem Krankenhausaufenthalt gut bis ausgezeichnet. Bei einer Hüftgelenks-OP sind das fast 80 Prozent. Insgesamt haben die psychischen Störungen schon vor 2010 mehr Krankenhaustage verursacht als die Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Die Depression kündigt sich schon seit einigen Jahren als neue Volkskrankheit an. Möglicherweise wird sie heute häufiger erkannt und behandelt. Immer noch ungelöst ist aber für seelische Erkrankungen das Problem der Versorgung. Eine Lücke klafft zwischen Klinikaufenthalt und der ambulanten Therapie im Anschluss. Und so kommt es zu einem »Drehtüreffekt«: die schnelle Wiedereinweisung; jeder Fünfte ist nach drei Monaten wieder im Krankenhaus. Die Patienten kommen nämlich nach der stationären Therapie in die gewohnten Lebensumstände zurück. Dort existieren aber häufig die Konflikte weiter, die zum Krankheitsausbruch beitrugen. Auf eine Psychotherapie, die 70 Prozent der Entlassenen empfohlen wird, müssen diese oft mehr als drei Monate warten. Rolf-Ulrich Schlenker vom Vorstand der Barmer GEK sieht die Lösung nicht in einer Aufstockung der Zahl niedergelassener Therapeuten. Eher sollten kürzere Therapien verschrieben werden, also statt der üblichen 80 Stunden nur etwa die Hälfte. Zu wenig genutzt würden auch Gruppentherapien, die teils sogar besser wirkten als Einzelgespräche.
Die Barmer GEK legt einen Wandel der Versorgungsstrukturen für eine stärkere ambulante therapeutische Begleitung nahe. Dafür sollten die psychiatrischen Institutsambulanzen an den Klinken mehr genutzt werden. Einige Modellprojekte mit regionalen Psychiatriebudgets hätten bereits gute Ergebnisse gebracht. Nicht die abrupte Entlassung, sondern die schrittweise Überleitung in eine ambulante Versorgung gebe den Patienten Rückhalt.
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