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Von Roland Heine 28.07.2011 / Berlin / Brandenburg

Im vergessenen Tal

Berlins Wasserverbrauch hat sich seit 1990 fast halbiert – fatal für manchen Hauptstädter

Bild 1

Rätselhaftes Berlin: »Pull the plug« hat jemand an den S-Bahnbogen in Berlin-Mitte gepinselt, gleich über der Spree: »Zieh den Stöpsel«. Ein Gag, der auf vorbeifahrenden Fahrgastschiffen für Lacher sorgt. Oder ist es mehr eine Botschaft, eine Forderung an den rot-roten Senat gar? Immerhin spielt Wasser im Vorfeld der Abgeordnetenhauswahl Ende September durchaus eine Rolle – mit überraschenden politischen Konstellationen.

Zum Beispiel in Kaulsdorf/Mahlsdorf-Süd und in Rudow, beides Stadtrandsiedlungen mit Einfamilienhäusern, meist schon vor Jahrzehnten gebaut. Einst durch die Grenze getrennt, haben beide seit Jahren das gleiche Problem: Immer wieder steht Wasser in etlichen Kellern, mit der Zeit wird die Bausubstanz angegriffen.

»Es geht nicht um gelegentliches Regenwasser«, sagt der Kaulsdorfer Eberhard Roloff. »Das Problem ist das stark angestiegene Grundwasserniveau.« Früher hätten ja im Keller meist nur Kohlen und Kartoffeln gelegen, heute stünden da oft die Heizungen und andere teure Technik.

Der 74-Jährige, ein Zwei-Meter-Mann mit weißem Bürstenhaarschnitt, ist vom Fach: Als Tiefbauingenieur hat er an vielen DDR-Bauten am Alex mitgewirkt. »Viele Kaulsdorfer Häuser«, sagt er, »die zur Zeit des großen Siedlungsbaus entstanden, haben – mit Genehmigung der damaligen Behörden – keine Kellerisolation bekommen. Man hat nicht damit gerechnet, dass das nötig sein könnte.« Im Moment sei die Situation am Habermannsee zwar nicht akut, aber ob das so bleibe?

Es scheint absurd: Klimaforscher sagen die Versteppung Berlin-Brandenburgs voraus, doch die Hauptstadt selbst hat zu viel Wasser. Thomas Taute, Hydrologe an der FU Berlin, spricht von einem Normalisierungsprozess. »Seit 1990 hat sich der Wasserverbrauch in Berlin nahezu halbiert, und da das Wasser hier fast ausschließlich aus dem hiesigen Boden kommt, steigt der Grundwasserspiegel deutlich an.« Ein Blick ins Archiv zeigt: Berlin war immer Sumpfstadt, dominiert durch das Urstromtal. Noch vor 150 Jahren stand das Grundwasser meist nur 50 Zentimeter unter der Oberfläche. Erst mit Industrialisierung und Bevölkerungswachstum wurde soviel abgepumpt, dass der Spiegel deutlich fiel. 1960 lag die Jahresförderung in ganz Berlin bei 216 Millionen Kubikmetern, 1989 waren es 378 Millionen.

Alarm selbst aus Friedrichshain

Klaus Langer hat sein Haus im Rudower Blumenviertel 1970 gebaut. »Hier«, sagt der alte Westberliner und zeigt auf ein offenes Rohr im Waschkellerboden. Wasser steht darin bis kurz unter die Fußbodenkante, zuletzt im Spätwinter drückte es weit nach oben. Die Waschmaschine hat Langer extra erhöht aufgestellt, aber die Nässe in den Wänden lässt sich so natürlich nicht beseitigen. »In der Bauphase war hier von Wasser nichts zu sehen – auch die Behörden sagten nichts«, sagt der frühere Elektroingenieur, ein Mann mit ruhiger, tiefer Stimme. Er zeigt eine Kopie seiner Baugenehmigung von 1970: Sie enthält zwar eine Passage, die dazu verpflichtet, »den Baugrund auf seine Beschaffenheit und Tragfähigkeit unter Berücksichtigung des höchsten Grundwasserstandes zu untersuchen«. Doch gerade dieser Absatz ist dick durchgestrichen. »Das Wasserwerk Johannisthal gleich hinter der Mauer im Osten«, erklärt Langer, »förderte so viel Wasser für die Betriebe dort, dass man offenbar glaubte, das Grundwasser sei auf ewig verschwunden. Also baute ich ohne Isolierung.«

Lange ging so etwas gut in Berlin. Doch nach 1990 schloss – besonders im Osten – ein Großbetrieb nach dem anderen, dazu kam der rapide Anstieg der Wasserpreise, der Spareffekt durch die immer modernere Haushaltstechnik. »Heute beträgt die Rohwasserförderung nur noch etwas mehr als 200 Millionen Kubikmeter pro Jahr«, erklärt Alexander Limberg, Hydrologie-Experte in der zuständigen Senatsverwaltung. »Vor allem in der Nähe von Wasserwerken stieg der Grundwasserspiegel zum Teil um mehrere Meter an.« Inzwischen wurden kritische Wasserstände auch aus Berlins Nordwesten und selbst aus dem dicht bebauten Friedrichshain gemeldet.

Wie viele Häuser betroffen sind, ist unklar. Langer, der schon vor Jahren eine Bürgerinitiative gründete, spricht von mehr als 3000 allein in Rudow. Limberg setzt die Zahl der tatsächlich Betroffenen weit niedriger an. Doch er räumt ein, dass die Problemfälle zunehmen könnten. »Wir nähern uns dem höchsten Grundwasserstand, der je in Berlin gemessen wurde.«

Ost-West-Koalition der Eigentümer

Um die Rechtslage wird hart gestritten. Langer und Roloff, der dem Kaulsdorfer Verein »SOS Grundwasser« angehört, pochen auf Berlins »Grundwassersteuerungsverordnung«, wo es heißt: »Über Jahrzehnte künstlich abgesenkte Grundwasserstände dürfen nicht in unverträglichem Ausmaß angehoben werden.« Der Senat stehe in der Pflicht, sagt Langer, laut Paragraf 37a Berliner Wassergesetz sei das Land zuständig.

Limberg, der Langer seit vielen Jahren kennt, schüttelt den Kopf: »Beim Hausbau ist grundsätzlich vom höchsten Grundwasserstand auszugehen, wie er witterungsbedingt und unabhängig von jeglicher Grundwasserabsenkung auftreten kann.« Unwissenheit schütze Bauherren da nicht. »Es gibt keine Pflicht der Wasserwerke zur dauerhaften Grundwasserförderung. Gefördert werden darf zudem nur zur Trinkwassergewinnung, nicht zur Regulierung des Grundwasserstandes – dies schon wegen des Umweltschutzes.« Außerdem würde der Einzugsbereich der Wasserwerke sowieso nur einen Teil das fraglichen Gebietes umfassen.

Aber jene Passage aus der »Steuerungsverordnung«? Ja, sagt Limberg, die sei an die Wasserwerke gerichtet. Sie habe verhindern sollen, dass man dort nach der Teilprivatisierung auf die Idee kommt, Trinkwasser aus anderen Regionen zu holen und der hiesige Grundwasserspiegel am Ende deshalb steigt. »Die Verordnung wird ohnehin überarbeitet.« Und die alten Baugenehmigungen? Da mögen Irrtümer vorgekommen sein, aber auch damals hätten ja nicht alle ohne Kellerisolation gebaut.

»Wissen Sie, was das bedeutet?«, fragt Roloff: »Eine richtige Kellerisolation kostet mindestens 50 000 Euro. Wer soll das bezahlen?« Er und Langer kennen sich inzwischen, über die einstige innerstädtische Grenze hinweg ist so etwas wie eine Koalition der Eigentümer entstanden. Langer, der sich am Besten von der CDU vertreten sieht, ist jetzt Mitglied im ursprünglich ostdeutschen Verband deutscher Grundstücksnutzer. Und der Kaulsdorfer Roloff, für die LINKE im Bezirksparlament Marzahn-Hellersdorf, sagt mit Blick auf den rot-roten Senat: »Wir finden nicht genügend Gehör und versuchen, das politische Potenzial etwa in Rudow zu nutzen.«

Erst im Mai stimmte Roloffs Linksfraktion in Marzahn-Hellersdorf zusammen mit der dortigen CDU für ein Papier, das den Senat auffordert, nachhaltig für »siedlungsverträgliche Grundwasserstände« und mehr Rechtssicherheit für die Bürger zu sorgen. Im Berliner Abgeordnetenhaus wurde der gleiche Antrag dann von der rot-roten Mehrheit abgelehnt. Heinrich Niemann, als Direktkandidat der LINKEN viel in Kaulsdorf unterwegs, meint dazu: »Es gibt Fälle, die kann man mit Hinweisen auf die Gesetzeslage nicht lösen.«

Ein Ausweg, findet Langer, könnten Regulierungsanlagen außerhalb der Wasserwerke sein, etwa sogenannte Heberbrunnen, mit denen Grundwasser abgepumpt und in nahe Gewässer geleitet wird. In Kaulsdorf gibt es bereits einen, auch in Rudow. »Warum baut man keine weiteren?«

Das, sagt Limberg, wäre das falsche Signal. Schon die bestehenden Anlagen hält er für bedenklich – rechtlich und politisch. »Als die in den 90ern gebaut wurden, war auch gerade Wahlkampf«, erklärt er zum Zustandekommen. »Wenn man das für alle betroffenen Gebiete bauen wollte, bräuchte man einen vielstelligen Millionenbetrag.«

Pumpen bis in alle Ewigkeit?

Der FU-Hydrologe Taute sieht das ähnlich. »Es steht doch die Frage: Wie sinnvoll und wie erfolgversprechend ist es, bei einem natürlichen Prozess gegenzusteuern? Gemessen an Berlins Gesamtbevölkerung betrifft das Problem letztlich doch relativ wenige Menschen. Und von allen ökologischen und anderen Einwänden mal abgesehen: Abpumpen würde auch immense Energiekosten bis in alle Zukunft bedeuten. Will man die auf uns alle umlegen?« Die Abdichtung der betroffenen Keller, so Taute, sei allemal vernünftiger. »Vielleicht sollte man mal über Zuschüsse dafür reden?«

Die Prognosen jedenfalls verheißen keine Entspannung. Maximal 235 Millionen Kubikmeter wird demnach die Grundwasserförderung in Berlin 2040 betragen – nicht mehr als 1963. Die Minimalvariante geht von 141 Millionen aus. Klaus Langer sorgt sich inzwischen um die Statik seines Hauses: »Wasser im Bereich der Grundplatte ist unzulässig.« Der Wert der Grundstücke im Rudower Blumenviertel sei inzwischen deutlich gesunken. Irgendwie, sagt der alte Westberliner, ist das auch eine Enteignung. Aber durch wen?

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2 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Rotspoon, 28. Jul 2011 12:36

    Grundwasser ist nicht das Schlimmste

    Berlin ist auf Sand gebaut

    • Permalink

  • xonra, 28. Jul 2011 17:29

    Das Grundwasser steht nur in den östlichen Bezirken so hoch.

    Wenn man mit viel Ehrgeiz und noch mehr Beton ein Urstromtal durch eine fast 30 m tiefe Sperre verschließt,,darf sich niemand wundern, dass das Wasser steigt.. Den der Tiergartentunnel ist ein einzigartiges Sperrwerk. Natürlich darf der Senat von Berlin das nicht zugeben. Die Wasserrechtliche Genehmigung für das Objekt war ilegal.

    • Permalink

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