Von Fabian Lambeck
04.08.2011

Demokratisches Design

Ein Architekt hat Möbel entworfen, die jeder nachbauen darf. Nun zeigt er Interessierten, wie man das macht.

Der Berliner Le Van Bo hat eine Hartz-IV-Möbelserie entwickelt, die Menschen mit wenig Geld nachbauen können. Am vergangenen Wochenende gab der junge Architekt einen ersten Workshop. Dabei lernten die Teilnehmer mehr als nur den Umgang mit Holz und Werkzeugen.
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Le Van Bo (im Vordergrund) zeigt Kursteilnehmern, wie man die Sitzflächen für den Kreuzberg-36-Stuhl in Form bringt.

Kann ein Stuhl die Welt verändern? »Ja, zumindest ein bisschen«, hofft der junge Berliner Architekt Le Van Bo. Er hat einen ganz besonderes Sitzmöbel entworfen. Den Kreuzberg-36-Chair. Einige nennen ihn auch Hartz-IV-Stuhl. Der Kreuzberg-Chair ist Teil einer ganzen Hartz-IV-Möbelserie: Sessel, Couch und Tisch. Alles ebenso einfach wie schick. Und das Beste: Van Bo verzichtet auf ein Copyright. Jeder kann die Möbel nachbauen, ohne irgendwelche Lizenzgebühren. »So soll möglichst vielen Menschen Zugang zu zeitloser und hochwertiger Gestaltung ermöglicht werden«, erläutert Van Bo, der übrigens aus eigener Erfahrung weiß, wie schwierig das Leben im Hartz-IV-Bezug ist. Seine Eltern kamen als Flüchtlinge aus dem bettelarmen Laos.

Doch Van Bo geht mit seiner persönlichen Geschichte nicht hausieren. Es geht ihm um das Hier und Jetzt. Es geht ums Tun, ums Anpacken. Wer sein Schicksal bzw. sein Werkzeug in die eigene Hand nimmt, der kann etwas verändern. Dabei steht auch das »Do-it-yourself«-Prinzip an erster Stelle. »Ich bin ja auch kein Profi«, erläutert er. »Ich habe an der Volkshochschule den Kurs Tischlern für Anfänger besucht.« Im Laufe der Monate hat Van Bo so Erfahrung und Know-how erworben. »Wissen darf man nicht horten, sondern muss es teilen und weitergeben«, betont der junge Mann. Deshalb kann jeder, der den von ihm entworfenen Kreuzberg-36-Stuhl nachbauen will, dies tun. Die dazu nötigen Baupläne kann man über die Internetseite www.hartzivmoebel.de anfordern. Genau genommen, ist Van Bo längst nicht mehr der alleinige Designer. Denn jeder kann Veränderungen vorschlagen. »Ich nenne es demokratisches Design – es gehört allen, deshalb dürfen auch alle mitreden«, so Van Bo. Immer wieder hat er – auch auf Anregung anderer – die Baupläne verändert.

Van Bo hat eine kleine Vision: Bald könnte sich jeder Hartz-IV-Betroffene seine eigene, hochwertige Wohnungseinrichtung zusammenbasteln. Da es aber vielen an den notwendigen handwerklichen Fähigkeiten mangelt, bietet Van Bo Kurse an, in denen er Interessierten die Grundlagen der Tischlerei beibringt. Im Kreuzberger Beta-Haus fand nun der erste Workshop statt. Das Umfeld passt, schließlich verfügt das Beta-Haus über eine offene Werkstatt, die Open Design City, in der Tüftler Neues ausprobieren können.

Etwas mit den eigenen Händen bauen

Das Interesse im Vorfeld war jedenfalls groß. Doch die Plätze in der offenen Werkstatt begrenzt. So finden sich am Freitagnachmittag fünf Teilnehmer ein. Alle wild entschlossen, ihren eigenen Kreuzberg-36-Stuhl zu bauen. Unter ihnen ein junger Hartz-IV-Bezieher, der sich gern selbstständig machen will. Mehrere Studenten und eine ZDF-Journalistin, deren Interesse durch die eigene Berichterstattung geweckt wurde. Sie alle eint der Wunsch: »Etwas mit den eigenen Händen zu bauen«, wie die Potsdamer Architektur-Studentin Victoria betont.

Doch bevor es losgehen kann, gibt es theoretisches Rüstzeug vom Stuhlerfinder. In einem Vortrag spricht Van Bo über die Geschichte des Stuhldesigns und seine persönlichen Vorbilder. Wie er betont, finden sich in seinen Entwürfen viele Anleihen berühmter Designer und Architekten wieder. So ließ er sich für seinen 24-Euro-Sessel von Mies van der Rohes »Barcelona-Chair« inspirieren. Insgesamt neun klassische Vorlagen flossen in sein Design ein: von Michael Thonets Wiener Kaffeehausstuhl, über Marcel Breuers legendären »Freischwinger« bis hin zu den Sitzschalen eines Egon Eiermann. »Alle haben mich inspiriert«, resümiert Van Bo.

Nach dem Vortrag geht es an die Werkbank, auf der die nötigen Materialien und Werkzeuge schon bereitliegen. Und schnell wird klar: Es braucht nicht viel, um einen Kreuzberg-36-Stuhl zu bauen. Ein paar Bretter und Rundhölzer, sowie ein bisschen Leim und Farbe: Fertig ist das Sitzmöbel. Doch es ist bekanntlich das Einfache, das so schwer zu machen ist. Der Workshop soll sich über drei Tage erstrecken. Und schnell wird klar, warum. Denn die fehlende Erfahrung im Umgang mit dem Werkstoff Holz macht sich bemerkbar, ebenso wie die fehlende Erfahrung des Workshop-Leiters. Van Bo hatte sich für das härtere Buchenholz entschieden. Doch Buche verzeiht keine Ungenauigkeiten, sie gibt nicht nach. »Beim nächsten Mal nehme ich Kiefer, damit lässt es sich leichter arbeiten.«

Auch der Umgang mit den Werkzeugen will gelernt sein. So arbeiten alle zum ersten Mal mit einer Japansäge. Das fernöstliche Modell ist – wenn man so will – der Gegenentwurf zum hier üblichen Fuchsschwanz. Sie arbeitet auf Zug. Doch Van Bo schwört auf das an ein Samuraischwert erinnernde Werkzeug. Und wenn selbst eingefleischte Handwerker Schwierigkeiten in ihrer Handhabung haben dürften, dann verwundert es nicht, dass sich auch die Workshop-Teilnehmer mit ihr schwertun. Trotzdem geht es voran, etwa bei Kerstin, die sich gerade mit den Dübeln abmüht. »Es ist einfach ein gutes Gefühl, wenn man sieht, dass sich die Sache entwickelt.« Die »Sache« entwickelt sich wirklich. Ihr Stuhl verfügt bereits über Beine. Während Kerstin allein arbeitet, hat sich nebenan eine Dreiergruppe gebildet.

Im Team nach Lösungen suchen

Gemeinsam sucht man nach Lösungen für immer wieder auftauchende Probleme. »Auch das ist eine Lektion des Workshops: Die Teilnehmer erzielen bessere Resultate, wenn sie zusammenarbeiten«, so Van Bo. Sie lernen gemeinsam den Umgang mit Holz und den Umgang miteinander. Manch einer lernt schneller und kann weiterhelfen, ohne dass Van Bo zu Rate gezogen werden muss. So hat der junge Architekt auch mal Zeit für eine kleine Verschnaufpause, die er dringend braucht. Das gesamte Wochenende geht drauf für den Stuhl-Kurs. Und schon am Montagmorgen muss er mit dem Frühflieger ins westfälische Münster. »Ich arbeite hauptberuflich als Architekt und wir haben dort eine Präsentation.« Da darf Van Bo nicht fehlen. Schließlich will er die Zeit in Münster auch nutzen, um nach Feierabend die Werbetrommel für sein Projekt zu rühren. »Ich bin beruflich viel unterwegs. Da ergibt sich immer die Gelegenheit, mit ein paar Interessierten ins Gespräch zu kommen«, erklärt er. So ist es kein Wunder, dass die Idee von Möbeln zum Selbermachen immer mehr Menschen begeistert. Van Bo beginnt zu träumen: »Vor ein paar Monaten haben sich offene Werkstätten aus dem ganzen Bundesgebiet zu einem Verband zusammengeschlossen. Egal, ob München oder Potsdam: Überall kann man Workshops wie diesen hier anbieten.«

Vielleicht ist es der Beginn von etwas Großem, einer Bewegung, die Spaß am Ausprobieren jenseits der Konsumzwänge hat. Etwas selber bauen und anfertigen, anstatt es im nächsten Großmarkt zu kaufen. Sicher die praktischste Art von Konsumkritik. Van Bo hofft, dass die Workshop-Teilnehmer ihr Wissen weitergeben. »Wenn etwa Leute aus München oder Hamburg hier lernen, wie man die Möbel baut, können sie dann zu Hause selber Workshops anleiten.« Die nächsten Kurse in Berlin sind bereits in Planung.

Während Van Bo am Sonntagnachmittag von der Zukunft träumt, setzen die Teilnehmer ihre Stühle zusammen. Und siehe da: Sie sind etwas schief geraten. »Ach, das ist wie beim Menschen, wenn ein Bein etwas kürzer ist, dann kann er ja trotzdem noch stehen«, tröstet der Kursleiter seine Schützlinge. Mit Hilfe zweier Schraubzwingen und mehrerer Dübel können die Fehler behoben werden. Der Do-it-yourself-Heimwerker muss eben auch mal improvisieren können.

Die praktischste Art von Konsumkritik

Doch nicht alle Schnitzer lassen sich kaschieren. Hier fehlt ein Stück Holz, dort finden sich Bohrlöcher, wo eigentlich keine sein sollten. So wird jeder Stuhl zu einem Unikat. Zumal die Teilnehmer bei der Gestaltung von Sitzfläche und Rückenlehne freie Hand haben. Kerstin nimmt es mit Humor: »Wenn ich den Stuhl erst mal angemalt habe, sieht man die ganzen Fehler nicht mehr.« Und auch die anderen Teilnehmer sind noch mit

Spaß bei der Sache. Schließlich sind die Stühle am Sonntagabend endlich fertig. »Was jetzt noch fehlt, ist Farbe«, meint Victoria, die Architektur-Studentin. Der Kreuzberg-36-Stuhl zeichnet sich nicht nur durch sein einfaches Design aus, sondern auch durch seine leuchtend rote Farbe.

Van Bo lächelt müde. Er weiß, dass sein Wecker morgen in aller Frühe klingeln wird. Dann geht es nach Münster – noch mehr Menschen für das Selbermachen begeistern.

Im Internet: www.hartzivmoebel.de

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