Von Jan Keetman
05.08.2011

Eine Familie braucht keine Gewerkschaft, oder?

Wie ein türkischer Zulieferer von Hugo Boss versucht, die Gewerkschaft loszuwerden

Schlecker XL lässt grüßen: Ein türkisches Textilunternehmen stellt Beschäftigte unter neuem Firmennamen wieder ein – zu deutlich schlechteren Bedingungen. Der Personalchef wurde wegen »Behinderung der Gewerkschaftsarbeit« zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

In der Türkei erlebt die Wirtschaft einen teils von Krediten, teils von Exporten getragenen Boom. Der Wohlstand kommt aber nicht allen in gleicher Weise zu gute. Insbesondere Lohnempfänger haben häufig das Nachsehen, denn die Arbeits- und Gewerkschaftsrechte verharren auf niedrigem Niveau. Darüber hinaus bemühen sich die Unternehmer mit allen möglichen legalen und auch illegalen Tricks, die Gewerkschaften loszuwerden. Mittlerweile sind nicht einmal mehr neun Prozent der türkischen Arbeiterschaft gewerkschaftlich organisiert.

Ein Beispiel für die Behinderung von Gewerkschaftsarbeit ist der Textilhersteller Edirne Giyim Sanayi (EGS), der hauptsächlich als Zulieferer für Hugo Boss arbeiten lässt. Nach seiner Webseite ist EGS ein vorbildliches Unternehmen. »Wir sind alle eine große Familie …« ist da zu lesen, und »die grundlegende Garantie für die Rechte der Mitarbeiter ist die Firma selbst«, wird mit Hinweis auf gewählte Vertreterinnen und Vertreter des Personals verkündet. Zu sehen sind auch Bilder von zufriedenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und von Kindern, die neben einem Bild des Republikgründers Atatürk stehen und aussehen wie auf einem Kindergeburtstag. »Das steht alles da, damit es Leute wie Sie da lesen«, meint Asalettin Arslanoglu von der Textilgewerkschaft TEXSIF zur Internetseite der Firma. Die Wirklichkeit der Fabrik in Edirne, wie sie Arslanoglu beschreibt, sieht anders aus.

Zunächst gibt es nicht nur die EGS. Als der Betrieb um zwei Fließbänder erweitert wurde, arbeiteten an den neuen Bändern plötzlich Arbeiterinnen und Arbeiter mit der Aufschrift Birlik Konfeksyon (BK) am Kragen. Anders als die EGS-Beschäftigten bekamen die Arbeiterinnen und Arbeiter von BK nur den gesetzlichen Mindestlohn und keine weiteren Zuwendungen. Bei der EGS arbeiten nach Gewerkschaftsangaben noch rund 400 Personen, bei der BK 700.

Eine Webseite hat die BK nicht, auch kein eigenes Gebäude. Geleitet wird sie von Sayhan Türkes und seinem Stellvertreter Mümtaz Ismail Erman, die in gleicher Funktion auch die EGS führen. Wer bei BK angestellt ist, verrichtet die gleichen Arbeiten, wie bei EGS an den gleichen Maschinen für die gleichen Leute am gleichen Ort. Der Unterschied besteht lediglich im anderen Firmennamen am Kragen und in der schlechteren Bezahlung.

Die Betriebsleitung ist bemüht, immer mehr Leute bei EGS loszuwerden und bei BK einzustellen. Beispielsweise erzählt Asalettin Arslanoglu, dass Frauen, die wegen einer Schwangerschaft unterbrechen müssen, bei EGS entlassen und nach der Unterbrechung bei BK wieder eingestellt werden. Die Belegschaft besteht zu 85 Prozent aus Frauen.

Im Jahr 2009 kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen TEXSIF und der Doppelfirma. Die TEXSIF, die die Arbeiterinnen und Arbeiter von EGS seit 34 Jahren vertrat, forderte einen moderaten Tarifabschluss – unter Einbeziehung von BK. Darauf erschienen in einer Woche 457 Arbeiterinnen und Arbeiter beim Notar und erklärten ihren Austritt aus der Gewerkschaft.

Nicht nur die Gewerkschaft, sondern auch die Staatsanwaltschaft von Edirne glaubte nicht an die Beteuerung der Firmenleitung, dass der Massenaustritt reiner Zufall wäre und eröffnete ein Strafverfahren wegen Behinderung von Gewerkschaftsarbeit. Am 9. Mai diesen Jahres wurde der Personalchef von EGS, Hasan Arasan zu einer Freiheitsstrafe von anderthalb Jahren auf Bewährung verurteilt. Sechs weitere leitende Angestellte wurden ebenfalls zu Freiheitsstrafen verurteilt, die aber in Geldstrafen umgewandelt wurden. Beide Seiten gingen in Berufung. Die Gewerkschaft, weil sie es für unglaubwürdig hielt, dass der Personalchef so viele Mitarbeiter auf eigene Faust zum Austritt aus der Gewerkschaft gezwungen habe.

Nach diesem Erfolg dachte man bei TEXSIF daran, die gewerkschaftliche Arbeit in dem Betrieb wieder aufnehmen zu können. Doch kurz darauf wurden nach Darstellung von TEXSIF fünf Gewerkschaftsmitglieder entlassen – weil sie mit anderen Mitarbeitern zu viel geredet hätten.

Werbung in eigener Sache

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken