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Gabi Gottwald war Mitglied der ersten Bundestagsfraktion der Grünen Anfang der 1980er Jahre und ist heute in der Linkspartei aktiv.
Foto: privat
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Immer lagern sich neue »Ereignisse« über die alten, die man gerade angehen wollte, und dann laufen alle wieder los. Wohin nur? Auf zu neuen Ufern: Was uns vor zwei Wochen zerriss, z. B. die Debatte um Israel/Palästina, ist nun Vergangenheit und Neues steht an.
Wahlkampf und dann – Gott sei Dank – gibt es ein neues Problem. Der Stalinismus. Wer hätte das gedacht!? Ja, Politik ist bildend. Manchmal stehe ich fassungslos davor. Wenn ich denke, die LINKE müsste wirklich mal über ihr sehr unterschiedliches Verständnis vom Sozialstaat diskutieren, vor allem über das Verhältnis von Ökonomie und Sozialstaat, und welche Vorschläge eine Realisierungschance haben und nicht nur ideologische Bekenntnisse sind, beginnt irgendwo eine Debatte über Stalinismus. Virtuell, losgelöst von allem. Weder theoretisch bringt sie nach vorn, noch gibt sie praktisch irgendeinen Sinn.
Es gibt keine Realität, die uns nötigt, eine solche Debatte jetzt zu führen. Genötigt wären wir, über Möglichkeiten zu diskutieren, wie die uns umgebende Wirklichkeit, deren Teil wir sind, verbessert werden kann. Würde die aktuelle Debatte wenigstens eine Schnittstelle zu dieser Wirklichkeit suchen – ohne alle Ideologie und Überfrachtung alter Zeiten –, dann käme man seiner aktuellen Aufgabe immerhin näher. Und einander vermutlich auch.
Doch Pustekuchen. Zu viele nehmen sich selbst zu wichtig, verbreiten und begnügen sich mit Halbwahrheiten, tricksen, spinnen Intrigen, booten sich aus, fragen niemals oder selten die Basis. Die LINKE ist eine ganz normale Partei geworden, wie es sie längst zur Genüge gibt.
Es ist ein schönes Zitat von Michael Schumann, das in der Mittwochausgabe des ND zu lesen war, über die »Verabsolutierung der Machtfrage«. Schumann nannte einen präzisen Zusammenhang, in dem er über Stalinismus diskutieren und dessen Folgen gründlich aufarbeiten wollte. Aber er ging noch von realen Kräfteverhältnissen aus, bezog sich auf den »ursprünglich emanzipatorischen Anspruch der Arbeiterbewegung«. Ja, damals, um 1990, da war es ein lebendiges Thema, um aus »verkrusteten und erstarrten Strukturen« herauszukommen, wie Schumann sagte. Verkrustete Strukturen gibt es längst wieder, doch was haben sie mit Stalinismus zu tun, wenn man diesen Begriff nicht freihändig für alles verwenden will, was von Übel ist? Ein einst wichtiges Thema wird zur Posse herabgewürdigt.
Eine zweite Posse ist: Diejenigen, die heute über »Stalinismus als System« reden wollen und sich dabei auf Schumann beziehen, lehnen jeden Bezug auf die Arbeiterklasse, die werktätige Klasse, die Gewerkschaften – wie immer man das definieren will – strikt ab. Sie halten das im Kern für konservativ und rückwärtsgewandt, wenden sich lieber mehr und mehr (grünen) Milieuthemen zu. Harte Ökonomie, der Kampf um die Primärverteilung, der alle weiteren sozialen Spielräume bestimmt – das gilt als altbacken und überholt. Warum wollen sie über Gefahren des Stalinismus reden, wenn sie an sozialistischen Kategorien kaum noch interessiert sind?
Nichts stimmt mehr. Aufklärung, was ein – zugegeben – recht bescheidenes Ziel, aber ureigenes linkes Thema ist, kann nicht beansprucht werden, wenn mit so viel Nebel und Halbwahrheiten versucht wird, die eigene Geschichte zu thematisieren. Im Kern redet niemand über »die Sache«, sondern nur über sich und seine Befindlichkeiten. Das ist langweilig. Und das werden die Wähler wohl auch finden.
Man könnte meinen, das Thema Stalinismus ist schon in der PDS, eine Vorgängerpartei der LINKEN, ausdiskutiert worden. Dem ist offenbar nicht so. Nach einer Buchrezension in dieser Zeitung von Oskar Lafontaine, ehemals Vorsitzender der Linkspartei und heutiger Fraktionschef im saarländischen Landtag, ist die Stalinismus-Debatte neu entbrannt. Mehrere Mitglieder der Partei haben sich bereits zu Wort gemeldet. Und die Diskussion scheint nicht zu enden....
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so oder so ähnlich hieß es vor vielen Jahren, es war -so glaube ich- in der Kreisparteischule. Ich war gerade Kandidat der SED geworden und freute mich, endlich alle Chefs duzen zu können.;-))
Dieses Wort hat mich dann doch überrascht. wegen seiner Klarheit und einfachen Formel. Wer seine Vergangenheit nicht kennt, kann in der Gegenwart verstehen und die Zukunft schon gar nicht gestalten. Insoweit beantwortet sich die Streitfrage nach der Notwendigkeit über den "Stalinismus" zu diskutieren, von alleine. Natürlich , so finde ich, muss noch immer darüber diskutiert werden.
Nur nicht zu besonderen Anlässen und schon überhaupt nicht, wenn eine Wahl ansteht. Solch ein Termin macht jede Ernsthaftigkeit einer thematischen Diskussion zweifelhaft, denn immer steht der Gedanke an die kommende Wahl im Hintergrund., der Zweck soll doch eh nur sein, weitere Stimmen zu fangen...
Also sollte diese Diskussion nach der Wahl geführt werden und im Ergebnis zu sichtbaren Beschlüssen führen. Wenn ernsthaftes Interesse an der Vergangenheit besteht, dann sollten sich die heutigen Genossen auch an die wenden, die diese Vergangenheit erlebten. Reduziert man deren Berichte um die Subjektivität, dann bleibt die Erkenntnis, dass sich der Stalinismus immer wieder darum bemühen wird, in Erscheinung zu treten, denn die Macht korrumpiert und muss ständig kontrolliert werden.
Was Berichte aus der Vergangenheit anbetrifft:
Ich bin gerne bereit, etwas aus meinen 13 Jahren SED- Vergangenheit preis zu geben;-))
Und auch am richtigen Ort - die Sozialistische Tageszeitung spielt ja heftig mit auf der Stalinorgel
Gabriele Gottwald ist "nur" Mitarbeiterin der Bundestagsfraktion der LINKEN. Unvorstellbar, ein ähnlich deutliches Statement von beiden Parteivorsitzenden zuhören.
Ich habe den Stalinismus im eigentlichen Sinne nicht mehr erlebt.Als ich geboren wurde war Stalin bereits 10 Jahre tot.
Groß geworden bin ich in jener Periode die in der UdSSR der Perestroika-Zeit Stagnation genannt wurde,bei nannte man das "realen Sozialismus".
Gefühlt begann für mich diese Periode nach dem X.Festival 1973. Die Zeit davor empfand mit meinen Kinderaugen noch als vorwärtsdrängend,es war Bewegung im ganzen.
Die bis 1989 dauernde Zeit des gesellschaftlichen Stillstands hat mich als DDR-Bürger wesentlich mehr geprägt als der Stalinismus.
Der stellte sich für mich als eine zugebenermaßen mörderische Zeit der Entwicklung dar.
Sein Ende 1953 gewährte aber auch die Möglichkeit dem Schiff Sozialismus eine neue Richtung zu geben,der Sozialismus befand sich in den 50er und 60er Jahren zweifellos in der Offensive.
Leider wurden Chancen den Sozialismus durch Modernisierung und innenpolitische Öffnung neuen Herausforderungen anzupassen verpaßt.
Selbst nach dem Mauerbau 1961 waren solche Chancen vorhanden.
Ob wir heute noch über den Stalinismus diskutieren wollen muß jeder für sich entscheiden.
Weglaufen wird uns das Thema jedenfalls nicht. Wenn wir es nicht diskutieren machen es unsere politischen Gegner.
Und das bestimmt nicht in unserem Sinne oder dem der Wahrheitsfindung.
Hans
"Es gibt Dispute und Meinungsstreit in der Presse, die den Lesern helfen, sich über politische Fragen klarer zu werden, ihre Bedeutung tiefer zu erfassen und sicherer zu entscheiden.
Es gibt Dispute, die in Schimpferei, Klatsch und Gezänk ausarten.
Die fortschrittlichen Arbeiter, die sich ihrer Verantwortung für die Arbeit zur Aufklärung und Organisierung des Proletariats bewusst sind, müssen auf das sorgfältigste darauf achten, dass die unumgänglichen Dispute, der unumgängliche Meinungsstreit nicht in Schimpferei, Klatsch, Gezänk und Verleumdung ausarten.
Das ist eine höchst ernste und wichtige Frage im Kampf gegen die geringsten Versuche der Desorganisation. (...)
Ohne Organisation aber ist die Arbeiterklasse ein Nichts. Ohne Diskussionen, Dispute und Meinungsstreit ist keine Bewegung, auch keine Arbeiterbewegung, möglich. Ohne schonungslosen Kampf gegen die Ausartung der Dispute in Schimpferei und Gezänk ist keinerlei Organisation möglich."
Lenin, Bd 19, s.487
Für die Bevölkerung gibt es in der Tat heute wichtigere Fragen, die sie bewegen.Man muss sich als Partei nicht gegen jeden Scheiss, der von der Reaktion als Angriff vorgetragen wird auf Knieen rutschend verteidigen, heute Israel, morgen Stasi, übermorgen Kommunismus und nächste Woche der Hummer der Frau Wagenknecht - das ist doch beliebig und wird nie enden. Wen juckt`s?!
Wenn die Partei für die Erniedrigten und Beleidigten kämpft, kann sie Erfolge haben, Stalin hin oder her. Die Partei kann den Stalinismus ja in eine "Arbeitsgruppe" auslagern und alle tierisch interessierten können das Thema die nächsten 20 Jahre durchkauen und der Öffentlichkeit dann mitteilen was sie denken, wenn die Partei die Machtfrage stellt.
Dabei geht es doch hier eigentlich nicht um Stalin, sondern darum, dass sich ein Teil der Partei schön kuschelig in der "offenen Gesellschaft" einrichten will und ihren Frieden mit der Marktwirtschaft geschlossen hat. ("Eine notwendige Erwiderung")
Ich weiß nicht ob die eher kleinbürgerlich-spießig anmutende Führungsriege der späten DDR überhaupt noch etwas mit Stalin zu tun hatte.
Trotz aller Verbrechen und Fehlentscheidungen stand dieser immerhin für gesellschaftlichen Fortschritt und Aufbruch in die Moderne.
Ob Fortschritt den Tod von Millionen Menschen in Kauf nehmen muß ist eine Frage die ich für meinen Teil mit Nein beantwortet habe.
Der "Sozialismus in den Farben der DDR" bedeute dagegen Stillstand und das doch alles so bleiben möge wie es ist.
Und eine SED mit samt Blockanhang die sich vom eigentlichen Leben bereits verabschiedet hatte.
Hans
Gebrüllt ist die passende Bezeichnung für diesen unpolitischen, weil geschichtslosen Artikel, der auf einen Satz hätte gekürzt werden können.
Fast könnte ich Verständnis für Gaby Gottwalds Aufstöhner zur Stalinismus-Debatte aufbringen. Aber eben nur fast. Musste ich doch selbst erleben, dass sie (ähnlich wie ihr ehemaliger Arbeitskreischef in der Bundestagsfraktion) in ihrer eigenen politischen Praxis genau den zentralistischen Ansätzen anhängt, gegen die sich der demokratisch-sozialistische Ansatz Schumanns und der `Reformern/innen´ seit Ende der SED gewandt hat. Deshalb ist ihre Abwertung der Debatte als langweilige Posse eben kein Plädoyer für die Mehrheit der Basis der Partei, sondern eine Herabwürdigung ihrer Bemühungen um Geschichtsaufarbeitung. Wohl aber geht vielen Wählerinnen und Wählern sowie Parteimitgliedern der Debatten-Stil auf die Nerven, den leider auch Gaby Gottwald pflegt. Eitle und satte Selbstbespiegelung anstatt diskurs- und damit vor Ort mehrheitsfähiger Politikentwürfe. Gaby Gottwalds würden politisch-öffentlich gar nicht mehr stattfinden, wenn es nicht Schumänner, die `Reformer/innen´ oder deren Mitstreiter/innen in der Parteibasis sowie deren politische Praxis gegeben hätte.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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