Von Daniel Kestenholz
06.08.2011

Wieder fällt Schwarzer Regen

Hiroshima und Fukushima verschmelzen in Japans Atomdebatte

Mit großen Augen blickten die Schulkinder von Yabuki zu Masamoto Nasu auf, dem Kinderbuchautor, der Hiroshima überlebte. Nasu, heute 69 Jahre alt, ist ein »Hibakusha«, einer der Überlebenden der Atombombe, die vor 66 Jahren auf Hiroshima abgeworfen wurde.

Am 6. August 1945 hatte der US-Bomber Enola Gay die Bombe in 9450 Meter Höhe ausgeklinkt. Um 8.16 Uhr detonierte sie in 580 Meter Höhe. 43 Sekunden später hatte die Druckwelle 80 Prozent der Innenstadtfläche dem Erdboden gleich gemacht. Binnen vier Monaten nach dem Angriff waren in Hiroshima 136 000 Menschen ums Leben gekommen; in Nagasaki, das drei Tage später von einer weiteren Bombe getroffen wurde, waren es 64 000. Und bis heute sterben Menschen an den Langzeitfolgen.

Masamoto Nasu blieb unverletzt. Er wurde zu einem Botschafter der internationalen Friedensstadt Hiroshima und zum Missionar der pazifistischen Verfassung Japans. Den Kindern der Nakahata-Grundschule in Yabuki sagte er unlängst: »Mich traf die Atombombe, als ich drei Jahre alt war. Doch ich bin noch immer am Leben und gesund.« Der Schriftsteller ist seit dem Atomunglück von Fukushima ein gefragter Redner im Land – weil er Hoffnung gibt. Die Schule von Yabuki liegt rund 50 Kilometer vom Unglückskraftwerk Fukushima Daiichi entfernt, in unmittelbarer Nachbarschaft der Evakuierungszone, wo Behörden jeweils oberste Erdschichten abtragen, wenn wieder zu hohe Strahlungswerte gemessen werden.

Gewiss, in ihrem Ausmaß und in ihrer Geschichte sind die Katastrophen von Hiroshima, Nagasaki und Fukushima unvergleichbar. Und doch werden sie gerade in diesen Tagen oft im gleichen Atemzug genannt.

Selbst viele der als verschwiegen und zurückhaltend geltenden Bewohner der Region um Fukushima schlossen sich am Sonntag vor dem Hiroshima-Jahrestag einer Demonstration an, zu der Japans Kongress gegen Atom- und Wasserstoffbomben aufgerufen hatte. In Fukushima, rund 50 Kilometer vom gleichnamigen Unglückskraftwerk entfernt gelegen, machten rund 1700 Japaner ihre Forderung deutlich: »Schafft alle Atomkraftwerke ab!« und »Gebt uns das nicht verstrahlte Fukushima zurück!« Darunter waren Menschen, die ihre Arbeit und ihren Lebensstandard den Reaktoren von Fukushima Daiichi zu verdanken hatten. Einige hatten allerdings eben wegen der Atomkatastrophe ihre Häuser in der Umgebung des Kraftwerks verlassen müssen.

Es war überhaupt das erste Mal, dass Hiroshima-Aktivisten einen Protest in dieser von der Nuklearindustrie einst geförderten Region wagten. »Wir haben uns immer auf die Forderung nach Abschaffung von Atomwaffen konzentriert und unsere Kampagne gegen Atomkraftwerke vernachlässigt«, sagte Koichi Kawano, der Vorsitzende des Kongresses, selbst ein Überlebender des Atombombenabwurfs auf Nagasaki. Spätestens jetzt sei es Zeit. sich von der Atomenergie abzuwenden.

Ein anderer »Hibakusha«, Keiji Nakazawa, hat sich als Autor von Manga-Comics einen Namen gemacht. Nakazawa war als Sechsjähriger auf dem Weg zur Schule in Hiroshima. Er duckte sich hinter einer Mauer, als die Bombe detonierte und tausende Leben auslöschte. Er sah Menschen, die wie Gespenster mit den Händen vor den Augen durch eine verbrannte Welt taumelten. Andere wälzten sich am Boden, um ihre versengten Körper abzukühlen. Seine Mutter gebar am gleichen Tag seine Schwester, die vier Monate später an Unterernährung starb.

Das Katastrophengebiet von Fukushima ist weder Hiroshima II noch eine versengte Kriegszone. Doch die alte, heile Welt der sanften Hügel und der üppigen Natur wurde zwangsevakuiert. Die Zeit scheint dort stillzustehen. Wilde Kühe streunen umher, Unkraut schluckt einst schmucke Gärten. Was der Mensch stets pflegte, verlottert. Und Schwarzer Regen fällt – Kuroi ame. Das Wort meint jenen Niederschlag, der nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki fiel. Zwar ist der Schwarze Regen von Fukushima durchsichtig, doch giftig, wie viele fürchten. Noch 70 Kilometer vom Unglückskraftwerk entfernt wurden in Heu Cäsiumwerte gemessen, die denen von Tschernobyl vergleichbar sind.

Nichts habe sich seit der Ära der Atombomben geändert, meint Keiji Nakazawa. Man dürfe sich nicht auf das Atom verlassen, das man nicht beherrschen könne. Das japanische Volk müsse sich entscheiden.

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