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Von Fabian Lambeck 16.08.2011 / Wirtschaft

Rügen Feinkost bald aus dem Westen

In Rostock schließt eine Fabrik, die erst kurz zuvor von einer Düsseldorfer Unternehmensgruppe aufgekauft wurde

Ein westdeutscher Investor trifft auf eine schlecht bezahlte und verunsicherte Belegschaft, die nicht einmal über einen Betriebsrat verfügt. Die Schließung der Fischfabrik »Rügen Feinkost« in Rostock taugt als Lehrstück in Sachen moderner Kapitalismus.
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»Feinkost Homann schließt gerade erst erworbenes Rostocker Werk.« Vor wenigen Tagen ging diese Meldung durch die lokale Presse Mecklenburg-Vorpommerns. Die 90 Beschäftigten der Rostocker Fischfabrik »Rügen Feinkost« verlieren ihren Job. Eine Werksschließung im Osten. Nichts Ungewöhnliches, möchte man meinen. Doch die Art und Weise, wie ein westdeutscher Unternehmer sich hier der ostdeutschen Konkurrenz entledigt, steht exemplarisch für unzählige andere Fälle in den neuen Bundesländern.

Ortstermin in einem trostlosen Rostocker Gewerbegebiet, dass sich offiziell »ehemalige Neptunwerft« nennt. Hier, wo vor der Wende über 7000 Schiffbauer arbeiteten, herrscht heute weitgehend Stille. Die frühere Schiffbauhalle ist heute ein Einkaufzentrum, auf den Brachflächen nebenan entstehen derzeit exklusive Wohnungen für Besserverdienende. Hier und da künden baufällige Werkhallen von einer anderen Epoche. Die heutige Ökonomie stützt sich auf Supermärkte, Imbisse und eine Druckerei.

Zwischendrin das Werksgelände von »Rügen Feinkost«. Wie ein letztes Relikt aus einer Epoche, in der in Rostock auch noch produziert statt nur konsumiert wurde. Der Industriebau stammt offensichtlich noch aus DDR-Zeiten. Zumindest in die Außenanlagen und Fassaden ist nach der Wende nicht viel investiert worden. Vor dem weiß getünchten Haupteingang, an dem die Farbe bereits abblättert, stehen ein paar Mitarbeiter und rauchen. Einige tragen noch jene Schutzkleidung, die sie aus hygienischen Gründen am Fließband tragen müssen. Doch lange werden sie das nicht mehr tun. Ein Ende ist absehbar. »Zum 31. August werden wir alle entlassen«, grummelt ein rotgesichtiger Mann, während er hastig an seiner Zigarette zieht. »Was danach kommt, weiß keiner hier.« Resigniert schaut der Mittvierziger zu Boden. Am 1. August übernahm die westdeutsche Homann-Gruppe offiziell das ins Schlingern geratene Unternehmen Rügen-Feinkost. Bereits am nächsten Tag verkündete Homann-Geschäftsführer Martin Thörner das Aus für den Standort Rostock. Auch auf Rügen müssen beinahe alle Mitarbeiter gehen.

Leichtes Spiel für Homann

Dass die Sache stinkt, liegt auf der Hand. Doch statt Wut herrscht hier nur Resignation. Keine wütenden Proteste, keine Arbeiter, die ihre Fabrik besetzen oder per Sitzstreik den Verkehr lahm legen. Nicht einmal ein Protestplakat ist hier am Werkstor zu sehen. »Wir verhandeln gerade einzeln über unsere Abfindung, da will es sich kein Kollege mit Homann verscherzen«, entschuldigt sich eine Mitarbeiterin. Irgendwie hat man das Gefühl, diese Menschen hier haben schon lange aufgegeben. Seit Jahren steckt ihre Firma in Schwierigkeiten, wechselte Namen und Besitzer. Die stetige Angst um den Arbeitsplatz ließ die Mitarbeiter vieles ertragen. »Es ist schwere Arbeit hier, aber wenigstens hatte ich welche«, erklärt eine müde dreinschauende Frau. Beinahe demütig nimmt man nun den Schicksalsschlag hin. Hatte der Ex-Stasiunterlagenbeauftragte Joachim Gauck Recht, als er kürzlich meinte, bei den Ostdeutschen sei die Neigung zum Duckmäusertum und die »Haltung des Gehorsams« viel stärker ausgeprägt als im Westen? War es wirklich der real existierende Sozialismus, der die Menschen im Osten gebrochen hat? Oder war es nicht auch die Angst der Nachwendejahre vor Arbeitslosigkeit und dem Absturz in die Armut? Wer in einer strukturschwachen Region noch Arbeit hat, tut alles, um sie zu behalten. Das wissen auch die Chefs. Nirgendwo in Deutschland ist die Tarifbindung niedriger, nirgendwo verdienen die Arbeitnehmer weniger. Auch bei Rügen Feinkost gibt es keinen Tarifvertrag. Die Löhne sind so niedrig, dass sich einige noch einen Zweitjob zulegen mussten, um über die Runden zu kommen.

Anruf bei zuständigen Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Rostock. Die dortige Sekretärin Christiane Walter kennt die Problematik: »Die Kollegen dort haben keinen Betriebsrat und nur drei von 90 Angestellten sind überhaupt gewerkschaftlich organisiert. Da können wir nicht viel ausrichten.« So hat Homann leichtes Spiel und kann mit jedem einzelnem Mitarbeiter über dessen Abfindung verhandeln. »Die werden die Hälfte eines Monatslohns – also etwa 500 Euro – erhalten«, schätzt Walter. Dabei habe die NGG die Mitarbeiter mehrmals aufgefordert, endlich eine Arbeitnehmervertretung zu gründen, erinnert sie sich. Doch passiert sei nichts. »Die meisten Kollegen bei Rügen Feinkost sind weiblich und zwischen 40 und 50. Für die wird es schwer, was Neues zu finden«, befürchtet Walter. Hartz IV bis zur Rente, könnte für einige bittere Realität werden.

Doch warum schließt die Fabrik? Und wieso kauft Homann ein marodes Unternehmen, nur um es dann sofort zu schließen? »Wir führen die Marke weiter«, beruhigt Michael Scheibe, Pressesprecher der Düsseldorfer HK-Food-Gruppe, zu der auch Homann gehört. Man verlagere die Kapazitäten einfach in die westdeutschen Produktionsstätten. Dies sorge für »eine größere Auslastung« der dortigen Werke. »So sichern wir Arbeitsplätze«, erklärt Scheibe gegenüber ND.

»Zu klein für den deutschen Markt«

Homann ging es beim Kauf also nicht um die Produktionsstätten. Man war offenbar nur an den Markenrechten interessiert. Fast entschuldigend fügt der Pressesprecher an, dass Rügen Feinkost mit einem Jahresumsatz von 60 Millionen Euro »zu klein für den deutschen Markt« gewesen sei.

In diesem Fall waren die niedrigeren Lohnkosten im Osten also kein entscheidender Standortfaktor: Für Homann macht es mehr Sinn, die Kapazitäten seiner westdeutschen Werke auszulasten. Pech gehabt! So ist er halt, der Kapitalismus.

Um das Bild abzurunden, empfiehlt sich ein Blick auf den Homann-Eigner HK Food. Die Unternehmensgruppe wird geleitet von Heiner Kamps, der mit seiner mittlerweile verkauften Bäckereikette Kamps seinen Teil zur Verödung deutscher Innenstädte beitrug. Mit im Boot bei HK Food sitzt der Molkereimilliardär Theo Müller. HK Food wächst unaufhaltsam: Neben Homann gehört beispielsweise auch die Fisch-Fastfood-Kette Nordsee zum Konzern. Mittlerweile liegt man bei einem Jahresumsatz von über einer Milliarde Euro und beschäftigt beinahe 10 000 Menschen. Da fallen die 90 Mitarbeiter von Rügen Feinkost kaum ins Gewicht.

Betriebsschließungen gehören zur Strategie

Werksschließungen gehören dabei offenbar zur Strategie des Unternehmens, wie ein weiterer Fall aus Niedersachsen zeigt. Kurz nach der offiziellen Übernahme von Weser Feinkost durch Homann im Januar dieses Jahres, gab man bekannt, das Werk zum 30. April schließen zu wollen. Auch hier hieß es zur Begründung, die Produktionsstätte hätte keine Chance gehabt, wirtschaftlich zu überleben. Und während sich Heiner Kamps und Theo Müller ein Imperium zusammenkaufen, stehen die Angestellten von Rügen Feinkost vor dem Nichts. »Wir können doch nichts machen«, meint eine ältere Angestellte achselzuckend und schleicht davon.

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2 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Kasbahman, 16. Aug 2011 09:40

    Was muß denn noch alles den Bach runter gehen ?

    Man möchte die Verhandlungen um die Abfindungen nicht gefährden und die Unternehmer nicht verärgern. Wenn ich so etwas lese stellen sich mir die Nackenhaare auf. Wie letargisch sind denn Menschen in diesem Land geworden. Was denken diese Leute denn wie lange ihre Abfindung zum leben reicht ? Mir wird immer klarer warum man in Deutschland mit den Menschen machen kann, was man macht. Solidarität ist ein Fremdwort geworden. Schließlich darf man ja die Verhandlungen um die eigene Abfindung nicht gefährden. Pfui Teufel !!!

    • Permalink

  • Ani-metaber, 16. Aug 2011 19:29

    Wer will

    kann das ja bei lebensmittelklarheit.de
    zur Sprache bringen......

    • Permalink

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