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Von Heidrun Böger, Leipzig 17.08.2011 / Inland

Abenteuer FernOst

Leipzigs Uni will mit Drei-Tages-Fahrten Westdeutsche für ein Studium in Sachsen begeistern

Für manchen Studenten aus den alten Bundesländern ist der Osten ein Abenteuer – immer noch. Die Universität Leipzig nimmt die Sache mit Humor und startete eine Kampagne »Abenteuer FernOst«. Das Ziel: Die Studentinnen und Studenten für ein Studium an der Pleiße begeistern. Wer wollte, konnte kürzlich an einer dreitägigen Schnupperreise teilnehmen und Leipzig erkunden.
Julia Kappes aus Braunschweig und Torben Lehning aus Kassel: 
Julia Kappes aus Braunschweig und Torben Lehning aus Kassel: »Unsere Entscheidung für Leipzig ist gefallen. Die Leute sind bodenständig und supernett.«

Torben Lehning nahm das Angebot an und ist begeistert: »Ich hatte vorher schon viel Gutes gehört. Aber meine Erwartungen sind noch übertroffen worden.« Der künftige Student der Kommunikations- und Medienwissenschaft kommt aus Kassel und will unbedingt im Osten studieren: »Das mit dem schlechten Ruf stimmt so gar nicht. Unter Schülern und Studenten gelten die Unis im Osten als sehr gut.«

Der 20-Jährige, der vorher noch nie in Leipzig war, hat einen sehr guten Eindruck von der Stadt. Besonders gefallen ihm die Gründerzeitviertel, die vielen Kneipen – und dass sich die Universität mitten in der Stadt befindet.

Doppelte Jahrgänge

So wie ihm geht es den meisten, die an der Reise teilgenommen und die 99 Euro dafür bezahlt haben. Etwa 28 000 Studenten gibt es an der Leipziger Universität, die mit Seminar- und Hörsaalgebäude mitten in der Stadt punktet, aber auch mit bezahlbaren Mieten. Das zieht viele Interessenten auch aus dem Westen an, denen die Mieten in München zu teuer sind. Manche/n verschlägt natürlich auch der Numerus Clausus in die Messestadt. Wer Medizin oder Pharmazie studieren will, darf nicht wählerisch sein.

Zwar herrscht in diesem Jahr großer Andrang durch die doppelten Abiturjahrgänge in Bayern und Niedersachsen, wo das Abitur von neun auf acht Jahre verkürzt wurde. Auch gehen viele junge Männer nicht mehr zum Bund beziehungsweise absolvieren keinen Zivildienst. Das alles führt zu einem Riesenansturm an den (west)deut- schen Hochschulen. Etwa eine halbe Million junger Menschen drängen an die Hochschulen – so viele wie nie zuvor. Doch während in Heidelberg, Hamburg und Köln die Hörsäle übervoll sind, ist in Dresden, Freiberg und Leipzig noch Platz.

»Und wer sich die demografische Entwicklung ansieht, kann klar erkennen, dass es ab 2011 weniger Studienanfänger aus der Region beziehungsweise aus den neuen Bundesländern geben wird«, sagt Nancy Beyer, Projektkoordinatorin »Abenteuer FernOst – Leipzig studieren!«. Im Osten gab es nach der Wende einen Geburtenknick, die Jahrgänge sind deutlich ausgedünnt.

An der Leipziger Uni hat man die Zeichen der Zeit erkannt und deshalb schon vor zwei Jahren eine Werbekampagne gestartet. Nancy Beyer ist 26 und jung genug, um zu wissen, welche Probleme Studienanfänger/innen haben. Gemeinsam mit zwei Mitarbeiterinnen organisiert sie die Reisen der Wessis in den Osten.

Jede/r, der oder die sich an der Leipziger Universität bewirbt, wurde angeschrieben und eingeladen zu schauen, wie es sich anfühlt, im Hörsaal zu sitzen. Und zu sehen, was Leipzig zu bieten hat. Die Verantwortlichen haben die Fahrt bewusst in den August gelegt, denn viele der Bewerber haben sich an mehreren Unis beworben und treffen jetzt ihre Entscheidung. In Leipzig können sie Reinschnuppern ins Studium, das gibt es sonst kaum.

Erschwingliche Mieten

Die gebürtige Leipzigerin Nancy Beyer, die in der Stadt Kommunikations- und Medienwissenschaften studiert hat, weiß, dass »der Osten ein Imageproblem« hat. Trist, grau und alle sächseln? Diese Vorurteile kann die akzentfrei sprechende Sächsin schnell widerlegen: »Leipzig ist prädestiniert für ein Studium, weil es eine tolle und spannende Studentenstadt ist.«

Die Kommunikationswissenschaftlerin hat ihren Spaß daran, wenn die künftigen Studenten bei der Busfahrt durch die alten Gründerzeitviertel aus dem Staunen nicht mehr rauskommen und sie schon überlegen, in welchem der vielen Parks sie ihren Grill aufstellen. Nancy Beyer: »Es gibt einen gewissen Aha-Effekt.« Sie weiß, dass viele der Wessis zu Hause in Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen belächelt wurden: »Was, Du willst in den Osten gehen?«

Mancher ist aber ein unbeschriebenes Blatt und weiß fast nichts über die neuen Länder. Und ist dann erstaunt über die erschwinglichen Mieten von vier oder fünf Euro kalt pro Quadratmeter. Davon können Studenten in München nur träumen, wo allein für Miete und Nebenkosten durchschnittlich 348 Euro zu berappen sind.

Das sieht auch Julia Kappes so. Die künftige Studentin der Rechtswissenschaften hat sich mit ihrem Freund auch andere Städte wie Regensburg und Tübingen angesehen und festgestellt, dass die Lebenshaltungskosten dort im Vergleich zu Leipzig extrem hoch sind: »Unsere Entscheidung für Leipzig ist gefallen. Mein Freund und ich sind begeistert vom Flair der Stadt. Die Leute sind bodenständig und supernett.« Zudem gibt es in Leipzig keine Studiengebühren, alles ist preiswerter. »In Regensburg hätten wir für ein WG-Zimmer mindestens 400 Euro warm zahlen müssen.«

Vorurteile nicht bestätigt

Julia Kappes gibt unumwunden zu, dass sie Vorurteile gegenüber dem Osten hatte, die sich aber in keiner Weise bestätigt hätten. Die Uni sei im Gegenteil supermodern und kein bisschen runtergekommen: »Und der Dialekt der Leipziger ist gar nicht so stark«, hat die Braunschweigerin während der dreitätigen Reise festgestellt.

Historischer Stadtrundgang, Kneipentour, aber auch Beratung durch Mitarbeiter des Studentenwerkes zum Thema BAföG, dazu Schnuppervorlesungen – all das wurde den insgesamt rund 160 Teilnehmern der beiden Touren geboten. Neun Abenteuer-Guides, alles Studenten, betreuten die Neuen und zeigten ihnen die Schönheiten der Stadt. Die drei Tage waren vollgepackt mit Informationen. Und der Erfolg gibt den Organisatoren recht: In den letzten zwei Jahren begannen etwa 80 Prozent der Teilnehmer/innen der Schnuppertouren tatsächlich ein Studium in Leipzig.

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