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Der Kleine Buchladen am Donnerstag
Foto: Ulli Winkler
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Für viele ist der Kleine Buchladen in der Berliner Weydingerstraße ein unerschöpflicher Quell geistigen Nachschubs. Und für manchen schon seit 20 Jahren. So lange gibt es ihn. Doch nun scheinen seine Tage gezählt. Und wenn der Kleine Buchladen sein Domizil nicht eben hier hätte, im Karl-Liebknecht-Haus, der Bundesgeschäftsstelle der Linkspartei, gäbe es ihn vielleicht schon nicht mehr. Denn er zahlt schon seit Monaten keine Miete mehr und konnte bisher auf die Langmut der Betreibergesellschaft des Hauses, die Vulkan GmbH, bauen. Das Geschäft mit dem typischen linken Literaturangebot muss seit Jahren einen kontinuierlichen Umsatzrückgang hinnehmen, der nun eine Schmerzgrenze erreicht zu haben scheint. Die Nöte, die breite Sparten des Buchhandels erfassten, gingen an kleinen, auch an dem Kleinen Buchläden nicht vorbei. Die Kundschaft, häufig mit DDR-Hintergrund, wurde älter und blieb aus, die soziale Misere hat Folgen.
Birgit Hoffmann, die Geschäftsführerin, hat zum 31. Dezember den Mietvertrag gekündigt. Selbst gekündigt deshalb, weil die Kündigung des Vermieters angedroht war und um den Zeitpunkt für das Ende selbst zu bestimmen, wie sie sagt. Für sie scheint festzustehen: Es gibt keine weiteren Pläne, keine Aussicht auf erfolgreiche Fortsetzung der Buchladengeschichte.
Diese begann vor 20 Jahren mit dem »Kleinen Buchladen« in Berlin-Marzahn, dort, wo Gregor Gysi sein Wahlkreisbüro hatte. Weitere Läden kamen hinzu, vier in Berlin, je einer in Potsdam und Dresden. Auf eigene Kosten wurde renoviert, investiert, verkauft und so ein Ruf erarbeitet, der über die Anhängerschaft der PDS hinaushallte. Birgit Hoffmann gerät ins Schwärmen, wenn sie von den guten Zeiten spricht – »für die Partei und für uns«. Zuweilen handelte es sich auch um eine Art Schicksalsgemeinschaft. Wie 1997, als ein Neonazi auf den Marzahner Buchhändler Klaus Baltruschat schoss und ihn schwer verletzte.
Heute gibt es noch zwei Kleine Buchläden. Auch in Marzahn trägt man sich mit dem Gedanken an eine Schließung. Und dass die drei Beschäftigten im Laden in der Weydingerstraße an sich selbst das exerzieren, was man prekäre Beschäftigung nennt, mag bei den Genossen in der Zentrale überdies ungute Gefühle wecken. Inzwischen jedenfalls spielt der Buchladen bei den Planungen für das Objekt keine Rolle mehr. Verzeichnet ist ein Mietrückstand von 14 000 Euro, seit Oktober 2010 werden – nach einer Absprache – nur die Betriebskosten gezahlt.
Mancher in der Partei sieht nun einen zusätzlich drohenden kulturellen Verlust, wie aus einem Brief an die Gesellschafter wie an die Parteiführung der LINKEN hervorgeht. »Umgehend eine Lösung im Sinne des Kleinen Buchladens zu finden« werden diese gebeten, um einem »einem Stück linker Kultur« das Überleben zu sichern. Selten findet man die Unterzeichner bei anderer Gelegenheit in so trauter Runde wie hier – der einstige DDR-Ministerpräsident Hans Modrow neben Jan Korte, dem omnipotenten Vertreter des Reformerlagers, dessen Gefährten Dietmar Bartsch, einst als Bundesgeschäftsführer quasi Hausherr, Seit an Seit mit Ellen Brombacher von der Kommunistischen Plattform. Jan Korte ist sich sicher für alle zu sprechen, wenn er sagt: Es geht hier um eine politische Entscheidung, erst in zweiter Linie um eine ökonomische. Dass dies erst jetzt bemerkt wird, darüber gibt die Liste vielleicht auch Aufschluss: Die Unterzeichner haben eine PDS-Vergangenheit und damit wohl ein persönliches Verhältnis zu dem Laden. Das trifft nicht für jeden in der Parteiführung zu.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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