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Monopoly in Kreuzberg: Das Haus Böckh-/Graefestraße soll verkauft werden.
Foto: ND/Camay Sungu
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Wenn es an den Finanzmärkten kracht, baden auch Berliner Mieter den Schlamassel aus. So geschieht es derzeit im Kreuzberger Graefekiez. Die Mieter des schönen Altbaus an der Ecke Böckhstraße/Graefestraße müssen weichen, denn der Hauseigner Jörn Taekker will die Mietwohnungen teuer verkaufen. Der Crash am internationalen Finanzmarkt hat den dänischen Immobilienmogul schwer getroffen.
Die Firma Taekker ist in Kreuzberg eine bekannte Größe. Die Berliner Tochter einer dänischen Immobiliengesellschaft kaufte in den letzten Jahren in den begehrtesten Kreuzberger Wohnlagen in großem Umfang Häuser auf. Ihr zweites Standbein ist Friedrichshain. Bereits 2008 besaß Taekker in Berlin 200 Liegenschaften mit 3800 Wohneinheiten.
Doch 2008 ereilte Jörn Taekker das Schicksal vieler Spieler, die im internationalen Finanzcasino zu hoch gepokert hatten. Die Pleite der dänischen Roskildebank, die im Immobiliengeschäft eine Größe war, riss auch die Taekker-Gruppe in den Abgrund. Ein Konkurs konnte nur über ein gerichtliches Schuldenmoratorium abgewendet werden, in das auch der Berliner Immobilienbesitz einbezogen war.
Die Berliner Unternehmen sind Töchter der dänischen Muttergesellschaft Taekker Europa APS, deren Eigenkapitalquote durch die Finanzkrise von 23 Prozent im Jahre 2008 auf minus 73 Prozent 2010 sank. Sie ist Finanzier der Immobiliengeschäfte der Berliner Tochterfirmen, deren Wert auf rund 260 Millionen Euro geschätzt wird. Taekker Europe APS war Kunde der dänischen Bank FIH, eine Tochter der isländischen Kaupthing Bank, die 2008 nur durch Verstaatlichung vor dem Kollaps gerettet wurde. Wikileaks veröffentlichte eine vertrauliche Schuldnerliste der Kaupthing Bank. Taekker Europe APS war dabei und bereits als spekulative Anlage eingestuft. Die Schulden der Kaupthing Bank betrugen das Zehnfache der isländischen Wirtschaftsleistung und trieben die Insel in den Ruin.
Jörn Taekker stößt nun einen Teil seiner Berliner Immobilien ab. Die 29 Wohnungen im Eckhaus Böckhstraße/Graefestraße werden derzeit von der Berliner Ziegert Bank- und Immobilienconsulting GmbH für 2800 bis 3300 Euro pro Quadratmeter zum Kauf angeboten. Ziegert kauft die meist wenig betuchten Altmieter günstig raus; ein gängiges Verfahren, das schneller geht als jahrelanges Mobbing, um Mieter zu vertreiben. Bereits 2008 weist die Bilanz von Ziegert auf der Aktivseite die Position aus: Provision für Entmietungen.
»Da Taekker hier im Kiez und in Kreuzberg einer der größten Eigentümer ist, könnte der Verkauf von Wohneigentum als Lösung der eigenen Finanzprobleme eine erhebliche Veränderung der Bewohnerstruktur bewirken«, so Martin Breger von der Mieten AG im Graefekiez. »Taekker bietet im Chamissokiez bereits weitere Eigentumswohnungen an.«
Jörn Taekker unterhält in Berlin 43 GmbH, deren Geschäftsführer er selbst ist. 2010 erzielte Taekker in Berlin eine Bilanzsumme von über 370 Millionen Euro. Das veranschlagte Steueraufkommen betrug lediglich 200 000 Euro. Auffällig ist, dass alle Berliner GmbH Fehlbeträge in der Bilanz ausweisen, die nicht über Eigenkapital gedeckt sind. Ist das Berliner Immobiliengeschäft überschuldet oder gezielt auf Verluste ausgerichtet? Die Bilanzen der Berliner GmbH ordnen für 2010 fast 140 Millionen Euro an Verbindlichkeiten den beiden dänischen Gesellschaftern zu, der Taekker Europe APS und der Taekker Berlin APS, beide im Besitz von Jörn Taekker. Je höher die von Dänemark ausgestellten Forderungen, desto kleiner der zu versteuernde Gewinn in Berlin.
Über die Einlösung der Verbindlichkeiten gegenüber der dänischen Mutter fließen die Kredite wieder zurück nach Dänemark. Wenn Jörn Taekker sein Anlagevermögen optimal versilbern will, um so seinen Firmen in Aarhus wieder auf die Beine zu helfen, droht in Kreuzberg die nächste Umwandlungswelle von Miet- in Eigentumswohnungen und damit auch eine Beschleunigung der sozialen Verdrängung. Im Graefekiez läuft der Prozess auf Hochtouren. »Wir brauchen dringend eine Rechtsverordnung des Senats, damit Umwandlungen in Eigentumswohnungen genehmigungspflichtig werden«, fordert Pascal Meiser, Sprecher der Linkspartei in Kreuzberg. »Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer lehnt dies leider seit Jahren ab.«
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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