Gleich vier Umsiedlungsbeauftragte – einer pro vierhundert Einwohner – arbeiten im Kerpener Stadtteil Manheim: Einer wird von der Stadt Kerpen, einer von der Bezirksregierung Köln und einer vom Land Nordrhein-Westfalen beschäftigt. Der vierte steht auf der Bezahlliste der RWE Power AG: Jiri Reinhardt berät jeden Freitag drei Stunden lang Bürgerinnen und Bürger des Dorfes, das ab 2013 sukzessive dem Braunkohletagebau Hambach weichen muss. Ein Großteil der derzeit noch knapp 1600 Einwohner wird sich dann ein paar Kilometer weiter in einem Neubaugebiet in Kerpen-Dickbusch ansiedeln. Um 2017 herum wird auch die legendäre Go-Kart-Bahn weggebaggert, auf der der spätere Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher sein erstes Gaspedal durchtrat.
Die Stromerzeugung auf Braunkohlebasis fordert manchen Preis. Die Zerstörung gewachsener Dorfgemeinschaften ist einer davon. Das Anheizen des Treibhauseffektes durch die besonders klimaschädliche Kohleart ein anderer, global noch bedeutsamerer. Auch die Kohle aus dem Tagebau Hambach, gelegen »im Herzen des rheinischen Braunkohlenreviers« (so die RWE-Unternehmensprosa), wird nicht aus Spaß an der Freude gefördert.
40 Millionen Tonnen werden hier pro Jahr – darauf ist man stolz bei RWE! – von den größten Baggern der Welt gewonnen, um dann in der Region verstromt zu werden. So auch in Niederaußem und Neurath, wo RWE zwei der europaweit klimaschädlichsten Kraftwerke überhaupt betreibt. Ganz so rosig wie früher sind die Jobaussichten beim wichtigsten Arbeitgeber der Region nimmer mehr: Neuerdings beklagt die Gewerkschaft ver.di schon einmal »Lohndumping bei der RWE Power AG«. Leiharbeit mit 30 Prozent Lohnabschlag ist auch dort kein Fremdwort mehr.
Kerpen-Manheim wird ab morgen bis zum 4. September der Ort sein, an dem Klima- und energiepolitische Aktivisten ein »Klimacamp« veranstalten. 80 kleine und mehrere große Zelte werden auf der Obstwiese hinter dem Sportplatz aufgebaut, inklusive Küche und Café.
Ein »vielfältiger Lern- und Vernetzungsort« soll das Camp werden, von dem aus man in der Region aktiv werden will. Von der Fahrraddemonstration und einem Feldgottesdienst über eine »dauerhafte Mahnwache« gegen Kohletransporte bis hin zu einer Schienenblockade, um Kohletransporte zeitweilig zu verhindern
Angesprochen werden sollen Jugendliche, Familien, betroffene Bürger und generell alle Interessierten. So kündigen es die Veranstalter, darunter die Kölner Gruppe des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac, der Umweltverband BUND, das entwicklungspolitische Eine Welt Netz NRW und Klima-Aktions-Gruppen an.
Sie wollen perspektivisch verhindern, dass Braunkohle abgebaut und verstromt wird, fordern aber auch ein verändertes Konsumverhalten und üben Kritik am »Wachstumsgedanken«. Gleichwohl geraten neben den kleinen Konsumenten auch die großen Strukturen ins Visier: Angestrebt wird der »Aufbau von Energiesouveränität durch Demokratisierung und Dezentralisierung der Energiegewinnung auf Basis der Erneuerbaren«.
Monatelang hatten die Aktivisten nach einem geeigneten Campplatz gesucht. Doch zunächst fand sich kein Ort und kein Bauer im Braunkohlerevier bereit, ihnen eine entsprechende Fläche nebst Wasseranschluss zu vermieten. Die Aktivisten vermuteten dahinter den Einfluss von RWE. Und der ist vor Ort in der Tat nicht zu knapp: Dem bedeutsamsten Gewerbesteuerzahler weit und breit pinkelt man als kleiner Ortsvorsteher oder Landwirt wahrscheinlich ungern ans Bein.
Der Energieriese sponsert derweil ein aus seiner Sicht wohl weniger kontroverses »Klima-Camp« in Nottuln bei Coesfeld, Münsterland. Daheim gebliebene Kinder lernen während des Ferienprogramms das heimische Wasserwerk kennen und besuchen die Erlebniswelt »Phänomania« in Essen. Das Thema Braunkohle wird wohl seltener angesprochen werden. Aber der Imageeffekt lohnt sich für RWE: Die Lokalpresse jedenfalls ist begeistert. Nur dank RWE sei das Camp »kostengünstig anzubieten«. Und nur so könne jedes Kind davon profitieren – »unabhängig vom Einkommen der Eltern«.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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