Von Luz Kerkeling
29.08.2011

Wieder Angriffe auf Zapatisten in Chiapas

Friedenscamp zerstört, Ernte gestohlen, Land geraubt

Die Angriffe gegen die zapatistische Bewegung im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas haben sich wieder verschärft. Erst kürzlich zerstörten 150 Mitglieder der regierungsnahen Organisation der Kaffeeproduzenten von Ocosingo (ORCAO) die Küche des zivilen Friedenscamps in der zapatistischen Gemeinden Patria Nueva.

Seit Jahren nutzen freiwillige Beobachter aus Mexiko und dem Ausland über zehn solcher Camps, um Aktivitäten von Polizei, Militär und Paramilitär in der Aufstandsregion zu dokumentieren. Der Rat der Guten Regierung von Morelia, der eine von fünf Einflusszonen der Zapatistischen Befreiungsarmee (EZLN) verwaltet, prangerte die Zerstörung des Lagers in Patria Nueva an, stellte aber klar, dass die ORCAO-Angehörigen lediglich fehlgeleitete Helfershelfer des Staates seien.

Im Kommuniqué des Rates heißt es: »Die drei Ebenen der schlechten Regierungen waren zornig, weil sie nicht wollen, dass ihre Tricks bekannt werden. Darum organisierten sie unwissende Menschen, um ihre Todesprojekte in unsere autonomen Territorien einzuschleppen, wo wir auf unsere Weise regieren, so wie die Bevölkerung das möchte.«

Seit einigen Jahren setzen die Gegner der Zapatisten nicht nur Sicherheitskräfte und Paramilitärs gegen die Bewegung ein, sondern sie mobilisieren in zunehmendem Umfang aufgehetzte Regierungsanhänger und loyale Organisationen. Denn die Regierung will kritische Berichte vermeiden, wie sie bei Angriffen offizieller Kräfte kaum vermeidbar sind. Viele regierungsnahe Gruppen erhalten seit Jahrzehnten Geld vom Staat und sind dadurch in große Abhängigkeit geraten, so dass die Behörden mit vorauseilendem Gehorsam rechnen können, sobald sie auch nur andeuten, dass die Zahlungen eingestellt werden könnten .

Am 15. August meldete der zapatistische Rat von La Garrucha, dass zapatistische Bauern im autonomen Bezirk Francisco Villa von der ORCAO beschossen wurden. Das mexikoweite Netzwerk gegen Repression bewertete die Umzingelung der arbeitenden Bauern als eine paramilitärische Taktik mit dem Ziel, die EZLN, deren Waffen seit Mitte Januar 1994 schweigen, zu einer bewaffneten Reaktion zu provozieren.

Bereits Anfang August hatte die zapatistische Verwaltung von La Realidad bekannt gegeben, dass Angehörige verschiedener Parteien Kaffeepflanzungen von Zapatistas in der Gemeinde Monte Redondo zerstört hätten. Zudem seien Teile der Bohnen- und Maisernte geraubt und etwa 20 Hektar Land besetzt worden. Der Rat machte Gouverneur Juan Sabines verantwortlich, »der die Menschen betrügt und manipuliert«. Die Zapatistas reagierten nicht auf die Provokationen, die Regierung schwieg zu den Vorwürfen.

Nach Einschätzung des Anthropologen Gilberto López y Rivas wird der Paramilitarismus seit 1994 in Chiapas als Staatspolitik betrieben, »als repressive Antwort auf ökonomische, politische und soziale Probleme und als Vorhut des Kapitals«.

Hintergrund der Konflikte sind neben politischen Gründen – eine Ausweitung des zapatistischen Einflusses soll unbedingt verhindert werden – harte Wirtschaftsinteressen. Chiapas wird derzeit zu einem »Touristenparadies« ausgebaut, was der Regierung und den beteiligten Unternehmen jedoch nicht schnell genug geht, da die neoliberalen »Entwicklungsprojekte« auf erbitterten Widerstand zahlreicher oppositioneller Gemeinden stoßen. Weitere Vorhaben sind der Ausbau von Palmölplantagen – Chiapas ist bereits Produzent Nummer eins in Mexiko –, die Ölförderung und die Ausnutzung der immensen biologischen Vielfalt im Lakandonischen Regenwald. Als Interessenten im Hintergrund werden auch transnationale Konzerne wie Bayer und Monsanto vermutet.

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