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Foto: ND/Lasch
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Bevor sich das Orchester erneut an eine sehr knifflige Passage bei Kurt Weill wagt, nimmt eine Violonistin noch einen Schluck. »Thymian und Salbei«, beschreibt sie auf Nachfrage der Dirigentin die Mischung in ihrer Thermoskanne. Die früheren Nutzer des kahlen Raumes, in dem das »Lebenslaute«-Orchester probt, hätten diese heilsame Mischung wohl gutgeheißen: Plakate mit Tipps für gesunde Haut sind alles, was von der ehemaligen Apotheke in Könnern blieb. Aus dem Einkaufszentrum der Kleinstadt in Sachsen-Anhalt ist sie ebenso ausgezogen wie alle anderen Läden.
Dass der Kommerz in Könnern gescheitert ist, eröffnet der Kunst Raum – zumindest für drei Tage. So lange haben die 60 Orchestermusiker und Sänger von »Lebenslaute« den Konsumtempel in Probenräume verwandelt. Dass Weill und Bach, Händel und Janacek in derart nackten Räumen einstudiert werden und nicht im Kulturhaus, hat finanzielle Gründe: Die Miete ist für das nicht-kommerzielle Ensemble günstiger. Eine gute Wahl ist der skurril anmutende Ort aber auch aus einem anderen Grund: Die Passage liegt in Könnern direkt am »Platz des Friedens«.
Wenn es eine passende Adresse für »Lebenslaute« gibt, dann ist es diese. Schließlich handelt es sich nicht um ein beliebiges Ensemble, in dem Laien klassische Musik aufführen. »Lebenslaute« ist vielmehr ein politisches Projekt. Seit 25 Jahren tauchen die Musiker und Sänger immer dort auf, wo sich Bürger zum Widerstand treffen: vor militärischen Übungsplätzen und Raketendepots, an Lagern für Atommüll und auf Feldern mit Genmais. Ihre Konzerte finden nicht in Sälen von Theatern statt, sondern da, wo sonst Mahnwachen, Friedenswege und Blockaden abgehalten werden. Die Gruppe will »mit zivilem Ungehorsam klare Zeichen gegen Zustände setzen, die unerträglich sind«, sagt Gerd, ein drahtiger Mittsechziger in bunt gestreiftem Pullover, der bei »Lebenslaute« die Chorproben leitet und unlängst für die Zeitschrift »Graswurzelrevolution« eine kleine Chronologie von einem Vierteljahrhundert musikalischen Protestes geschrieben hat.
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Blockadefibel und Keyboard sind Probenutensilien bei »Lebenslaute«. Im Konzert werden freilich klassische Instrumente gespielt.
Foto: ND/Lasch
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Entstanden, sagt er, ist die Idee für Lebenslaute 1986 in Mutlangen, einem Ort, der zum Inbegriff für den Widerstand der bundesdeutschen Friedensbewegung gegen die Stationierung von Pershing-Raketen wurde. Dort nahmen erstmals Musiker in schwarz-weißer Orchesterbekleidung zwischen dem Batikbunt der Widerständler und dem Olivgrün der Polizei Platz und artikulierten ihren Protest mit Cello, Flügelhorn und Sopranstimme. Seither gab es viele Auftrittsorte mit ähnlich markantem Klang: Wackersdorf, Gorleben und Biblis, die Colbitz-Letzlinger und nicht zuletzt die Wittstocker Heide. Dort trat Lebenslaute insgesamt viermal auf – bis die Bundeswehr auf das geplante Bombodrom verzichtete. »Das war unser größter Erfolg«, sagt Geiger Ulli, der das Protest-T-Shirt für die »Offene Heide« noch immer stolz unter der schwarzen Weste trägt.
Solche Erinnerungsstücke weisen langjährige Lebenslaute-Musiker aus, von denen es etliche gibt. Andere sind erst seit wenigen Jahren dabei. »Lebenslaute« ist kein festes Ensemble, sondern ein offenes Projekt; die Musiker kommen aus der gesamten Bundesrepublik und finden sich im Wesentlichen zu einem einzigen großen Konzert im Jahr zusammen. Diesem gehen Probenwochenenden und ein Probenlager direkt vor der »Jahresaktion« voran, so wie derzeit in Könnern. Dort haben die Musiker eine Gründerzeit-Villa bezogen, die von Attac als Bildungszentrum genutzt wird. Im verwunschen wirkenden Garten haben manche ihre Zelte aufgeschlagen. Und sie bringen vorübergehend wieder Leben in das verlassene Einkaufszentrum.
Dort müht sich das Orchester mit »Hosanna Rockefeller«, einem Ausschnitt aus einem Musical von Kurt Weill, in dem sarkastisch ein Hoch auf Kapitalismus und Krieg ausgebracht wird. Dirigentin Eva aus Österreich lässt immer wieder eine Passage wiederholen, in der die Bläser mit trommelndem Stakkato gefordert sind. Für einige Musiker ist das eine gehörige Herausforderung – schließlich sind sie in der Regel engagierte Laien. Manche haben – wie der Flügelhorn spielende Religionslehrer Rudi aus Berlin, der nach der Pensionierung nach Brandenburg zog und sich dort dem Widerstand gegen das Bombodrom anschloss – erst unter dem Eindruck der Lebenslaute-Idee ihr lange ungespieltes Instrument hervorgeholt. Professionelle Musiker findet man unter den Lebenslaute-Leuten nicht. Die meisten Ensemblemitglieder seien »politisch Interessierte, die zudem ein Instrument spielen«, formuliert Gerd.
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Wenn Protestierer einen Musikerfrack tragen, haben Polizisten »Beißhemmung«, sagt Gerd, einer derjenigen, die bei »Lebenslaute« für das musikalische Programm zuständig sind.
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Manchmal freilich geht das musikalische Talent der Politisierung voraus, wie bei Markus aus Göttingen, der als Bass im Chor singt. Er sei von einer Freundin zu einer »Konzertblockade« nach Gorleben eingeladen worden und dort erstmals mit der Idee von Lebenslaute in Berührung gekommen – mit Anfang 20. »Das war der Einstieg in politische Aktionen für mich«, sagt er. Die Faszination für diese spezielle Form der politischen Intervention hat in dem guten Dutzend Jahre seither nicht nachgelassen: Die Protest-Konzerte seien für alle Beteiligten regelmäßig eine »unglaublich intensive« Erfahrung in »dichter und entschlossener Atmosphäre«, sagt Markus.
Ein Grund dafür ist, dass sich Lebenslaute nicht darauf beschränkt, vor den Toren von Atomlagern und den Schlagbäumen von Schießplätzen zu musizieren. Statt dessen werden gezielt und bewusst Grenzen übertreten, im vorigen Sommer beispielsweise die des Gefechtsübungszentrums in der Colbitz-Letzlinger Heide, wo Bundeswehrsoldaten für den Afghanistan-Einsatz trainieren. Für solche Aktionen wird wiederum bei Lebenslaute vorab geübt; es komme auf eine sorgfältig ersonnene Choreografie der Aktionen ebenso an wie auf »klares, bestimmtes, ruhiges« Auftreten, sagt Markus. Das hat bewirkt, dass bisher kein Musiker bei Aktionen Schaden genommen hat. Zudem sei die »Beißhemmung« von Polizisten und Wachdiensten größer, wenn im Sperrgebiet Musiker in Frack oder Bluse mit wertvollen Instrumenten sitzen, fügt Gerd hinzu.
Erfreut sind Gesetzeshüter und Betreiber von Atom- oder Militäranlagen dennoch nicht, wenn die widerständigen Musiker bei ihnen auftauchen. Gelegentlich wird Anzeige erstattet – nicht unbedingt zum Ärger bei Lebenslaute, erklärt Markus: Gerichtsprozesse gäben Gelegenheit, erneut öffentlich gegen nicht hinzunehmende Zustände anzusingen. Und die Polizei tue ihrem Anliegen auch keinen Gefallen, wenn sie eine getragene Streicherpassage mit der über Megaphon vorgetragenen Ankündigung einer Räumung unterbricht, wie es beim Protest gegen das US-Oberkommando geschah, bei dem eine Straßenkreuzung in Stuttgart zum improvisierten Konzertsaal wurde.
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Die öffentliche Ankündigung der teils im Sperrgebiet stattfindenden Konzerte ist Teil des bei »Lebenslaute« praktizierten zivilen Ungehorsams, sagt Markus, eine der Bass-Stimmen im Chor.
Foto: ND/Lasch
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Wie provokant die Aktionen freilich sein dürfen und welche Risiken jeder einzelne Musiker auf sich zu nehmen bereit ist, wird vorab in großer Runde genau besprochen. Ohnehin ist Lebenslaute ein Projekt, in dem jeder Teilnehmer mitreden und mitentscheiden soll und muss: Auf Basisdemokratie wird allergrößter Wert gelegt. So finden sich die Musiker zwischen a-capella-Probe und Instrumentalübungen regelmäßig zum Plenum zusammen, in dem über Erwartungen an die jeweilige Aktion ebenso gesprochen wird wie über Befürchtungen und Bedenken. Zudem gibt es eine Runde, in der Rechtshinweise vermittelt werden. Damit im Fall einer Konfrontation das Vorgehen schnell abgestimmt werden kann, werden »Bezugsgruppen« gebildet. Sie tragen in diesem Jahr so programmatische Namen wie »Stachelbeeren« oder »Seeigel« – schließlich will Lebenslaute nicht glatt und geschmeidig sein, sondern stachelig und widerständig. In der Runde, in der die Erwartungen an das Konzert 2011 formuliert werden, heißt es, man wolle »schön spielen und provozieren«. Und wenn es Probleme gebe, solle »so lange weitergespielt werden, wie es irgend geht«.
Ob es morgen Probleme gibt, ist nicht absehbar. Das Konzert findet in diesem Jahr auf dem Flughafen Leipzig statt, auf dem Monat für Monat Zehntausende US-Soldaten auf dem Weg aus oder nach Afghanistan und Irak zwischenlanden. Gegen die Militarisierung des vom Land Sachsen bezuschussten Flughafens wehren sich lokale Initiativen seit Jahren; die öffentliche Resonanz auf den Protest ist allerdings bescheiden. Lebenslaute will dafür sorgen, dass sich das zumindest zeitweilig ändert. Das sei seit jeher ein zentrales Anliegen, sagt Markus: »Wir wollen örtliche Initiativen bestärken« – was meist gelingt: »Viele schwärmen noch nach Jahren von unseren Konzerten.«
Die Betreiber des Flughafens wissen um den unbequemen Besuch: Die Lebenslaute-Aktion wurde wie stets auf Internetseiten und Plakaten angekündigt. Das sei Teil der von den Musikern praktizierten Form des zivilen Ungehorsams, sagt Markus: »Wir wollen nichts verheimlichen.« Ob Orchester und Chor ihr Programm morgen vormittag dennoch ebenso ungestört aufführen können wie bei einem Vorabkonzert heute um 19 Uhr im Leipziger Westwerk, ist abzuwarten. Wichtige Stücke, meint Markus, solle man vorsichtshalber an den Anfang des Programms stellen – eine Händel-Arie beispielsweise, in der es heißt: »Waffenhandwerk schafft nur Unheil«. Oder Lieder des Tschechen Leos Janacek, in denen das Leid des Krieges anschaulich beschrieben wird.
Bis diese Stücke freilich sitzen, muss am »Platz des Friedens« in Könnern noch gutgelaunt und konzentriert geprobt werden – und zwar die knifflige Passage im Weill-Musical ebenso wie der möglichst unbemerkte Transport von Celli, Pauken und Bässen in einen gut gesicherten Flughafen.
Vorkonzert im Westwerk (Leipzig): Samstag, 3. September 2011, 19:00 Uhr
Wir führen unser Konzertprogramm am Abend vor der Aktion in ungestörter Atmosphäre auf. Klassische Musik auf hohem Niveau im politischen Rahmen. Für Interessierte gibt es Hintergrundinformationen zum (Kriegs-)Flughafen Leipzig/Halle. “Alte Mensa” im Westwerk, Karl-Heine-Straße 93, Leipzig Lindenau.
Aktion am (Kriegs-)Flughafen Leipzig/Halle: Sonntag, 4. September 2011, mittags, ab 11:00 Uhr Mahnwache
Mit unserer Konzert-Aktion stellen wir uns – gemeinsam mit lokalen Initiativen – gegen die militärische Nutzung des Flughafens Leipzig/Halle. Treffpunkt ist um 11:00 Uhr an der Mahnwache des Friedenszentrums auf der Wiese beim Parkhaus am Flughafen Leipzig/Halle.
Info-Tel: 0160 9261 9994
Info von www.lebenslaute.net/?page_id=407
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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