Von Tobias Riegel
03.09.2011

Berlin bündelt die Beats

Die zweite Music Week will wieder Messe, Konzerte, Clubnacht und Workshops verbinden

Manchmal ist der konservative Weg der moderne. Da rasant geschnittene Eröffnungsvideos mittlerweile zum so obligatorischen wie voraussehbaren und nervtötenden Inventar ein jeder Festivalpräsentation verkommen sind, kann es geradezu frisch erscheinen, statt dessen mal wieder einen Flügel mit Künstler auf die Bühne zu stellen. Cheri McNeil von »Dear Reader« füllte am Donnerstag die ersten Takte der Präsentation der zweiten Berlin Musik Week mit betörendem, erholsam altmodischem Singer-/Songwriter-Handwerk.

Der Verzicht auf den stressigen Einstiegsclip bedeutet aber nicht, dass der Konzert-, Club-, Messe- und Workshop-Reigen vom 7.-11. September etwa rückwärtsgewandt wäre. Zumindest das ausufernde Programm mit seinen über 300 Veranstaltungen macht erst einmal nicht den Eindruck. Gleichzeitig wird nicht mehr der Versuchung nachgegeben, die Beschäftigung mit eher alten Hüten (wie der Möglichkeit der Digitalisierung oder den dadurch erwachsenen Problemen der Branche) als allzu hip darzustellen.

Organisator Björn Döring von den Kulturprojekten Berlin übte zwar zunächst Selbstkritik, als er treffend feststellte, die erste Music Week habe im letzten Herbst durch Unklarheiten in Programm und Darstellung »auch einige Fragezeichen produziert«. Doch zog er mit dem neuen Music-Week-Ticket sofort eine entscheidende Verbesserung aus dem Hut. »Um nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis zu bündeln«, so Döring, berechtigt dieser Pass für 97,50 Euro zum Zugang zu dem Berlin Festival auf dem Flughafen Tempelhof, dem Club X-Berg in der Arena sowie zu den 60 an der Clubnacht beteiligten Etablissements. Zweite Ticketneuerung ist, dass sich Besucher selber eine individuelle Eintrittskarte zusammenstellen können, für die sie sich die persönlich als Rosinen empfundenen Punkte herauspicken können.

Neben den genannten Konzertfestivals mit zahllosen internationalen Pop-Acts und der nicht öffentlichen Fachmesse Popkomm sollte der Kongress Alltogethernow (A2N) das Interesse wecken. In den hier veranstalteten Werkstätten soll es laut Musikmanager Tim Renner vor allem um die Schnittstelle zwischen Konsument und Produzent gehen. »Diese Grenze verwischt vor allem durch die Digitalisierung mehr und mehr«, findet Renner. »Mittlerweile hat fast jeder mal eine Compilation zusammengestellt, oder sogar in einer Band gespielt«, mutmaßt der ehemalige Universal-Scout. Bei A2N sollen Label-Chefs, Künstler, Medienmagazine oder Tourveranstalter aufeinander treffen, und am besten an einem Strang ziehen. »Es macht keinen Sinn mehr, dass sich alle Beteiligten darüber streiten, was nun legal ist und was nicht.« Auch ein Künstler-Coaching bietet die A2N, jedoch ohne Demütigung, wie Renner betont: »Wir haben gar kein Talent, den Bohlen zu geben.«

Als Tag der offenen Tür(-Politik) der Berliner Clublandschaft könnte man die Clubnacht bezeichnen. Denn unter den 64 Teilnehmern sind auch begehrte Läden wie das Berghain, das viele bisher nur in der Schlange vor der Tür kennenlernen durften. Für eine Nacht sollen die Türsteher nun ein Auge zudrücken. Alleine für dieses Event, das potenziell den Genuss von Karaoke, Elektro, Funk oder Gothik mit einem Ticket in einer Nacht ermöglicht, sollen sich bereits zahlreiche Raver aus dem Ausland angekündigt haben. »Wir haben jedenfalls international Promotion für den Sound der Berliner Nächte gemacht«, so Lutz Leichsenring von der Berlin Clubcommission, der Interessenvertretung der Clubbetreiber.

Kristallisationspunkt der Musikwoche ist die Popkomm, auch wenn sie dieses Jahr nur für Fachpublikum geöffnet ist. Auch der Branchentreff für Labels, Konzertveranstalter und Händler richtet zudem sein eigenes kleines Musikfest mit vielversprechenden Newcomern aus, das sogenannte Showcase-Festival. Ansonsten wollen sich die etwa 400 Aussteller aus 21 Ländern bei der Messe verstärkt Downloads, Apps und sonstiger Computertechnik widmen.

»Mehr Musik in einer Woche geht nicht«, stellte Wirtschaftssenator Harald Wolf von der Linkspartei am Donnerstag zurecht fest. Sein Haus unterstützt die Music Week weil »eine starke Dachmarke die Attraktivität der einzelnen Veranstaltungen« erhöhe. So sehr er sich der Stärke, die aus der Vielfalt der Berliner Musikszene erwachse, bewusst sei, sehe er in der »Bündelung der Diversität« Effekte, von denen alle Beteiligten profitieren könnten. Dass Musik im weitesten Sinne ein immer wichtigerer Wirtschaftsfaktor und Standortvorteil sowie Touristenmagnet für die Hauptstadt ist, hat sich längst auch im Abgeordnetenhaus herumgesprochen. »Berlin ist auch Musikhauptstadt«, so der Senator für seine Verhältnisse geradezu euphorisch.

Willkürlich herausgepickte Höhepunkte der prallen und pulsierenden Woche sind die Wiedervereinigung der Deutschrapper Beginner, die Verleihung des New Music Award für den Nachwuchs, die Festivals im Festival »French Connection« und »Great Escape« in der Kulturbrauerei, die (eher politischen) Programme »What's Up, Mitte« und »ICAS Suite«, die Labelpräsentation U-Ton-Music, die verschiedenen »Silent-Discos« oder einfach nur das Abhängen in der Festivalzentrale im HBC nahe des Alexanderplatzes. Für Details und abseitige persönliche Vorlieben – die mit hoher Wahrscheinlichkeit fast alle bedient werden – bitte das Programm wälzen.

7.-11.9. diverse Zeiten und Orte, Infos: www.berlin-music-week.de

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