Von Hans-Dieter Schütt
05.09.2011

Die Alternative

Lothar Biskys Interview, Shakespeares Mörder und ein Virus

In der vorigen Woche gab Lothar Bisky, 70, dem Berliner »Tagesspiegel« ein Interview, wider »ältere Damen und Herren«. Er meint dies »in Bezug auf Spitzenfunktionen« in der Linkspartei. Die Älteren sollten »den Hut nehmen«, sonst drohe ein »Recyclingprogramm bis zur Peinlichkeit« – schließlich sei man »1989 angetreten, um die alten Säcke aus dem Politbüro zu vertreiben. Haben wir das schon vergessen?«

Gemach, alter Mann, wird mancher Ältere sagen. Aber eines stimmt schon: Das wahrlich alte Problem ist ein ewig junges. Die Räume sind verstellt von Uhren. Aber wann eines Hochfunktionärs Zeit abgelaufen ist, das zeigen sie leider nicht – schon gar nicht dem, den es betrifft. In dessen Inneren müsste es rechtzeitig ticken. Bei den meisten aber tickt es nicht richtig – Geschichte und Kunst öffnen ihre bestätigenden Archive. Könige klebten am Thron, bis Shakespeare seine witzigen Mörder schickte. Generalsekretäre vergreisten im Amt, bis Lust und Kraft aller mit verdorrt waren. Fast nie ein souveräner Abgang, immer muss ein äußerer Druck stärker sein als jener Gemütsstarrsinn, sich als unentbehrlich zu empfinden. Mubarak, Gaddafi oder der etwas jüngere Assad – der aber ebenfalls schon mächtig alt aussieht. Die Enkel fechten's besser aus? Aber erst, wenn sie selber Enkel haben.

König Lear musste auf der Heide ein jämmerliches Bild abgeben, ehe er seine königliche Anmaßung als wahren Jammer begriff. Oder, auf niedere Ebene geschaltet: Sympathiekönige wie Michael Ballack und Birgit Prinz mussten durchs Schlammbad der Demütigung waten, weil sie Zeichen der Zeit nicht verstanden, weil sie nicht von sich aus souverän die Reißlinie zogen – eines Abschieds, der von ihnen selber ausgegangen wäre.

Im Kino zeigte uns Federico Fellini in »Ginger und Fred«, wie lächerlich es ist, das schöne Gestern verlängern zu wollen – es war doch von erschütterndem Schmerz, mit anzusehen, wie Mastroianni und die Masina altersgebrechlich ins ersehnte Comeback stürzen, statt es zu tanzen. Oder die zwei alten Komiker in Neil Simons »Ein seltsames Paar«: ebenfalls bemüht, frühere Witze aufzufrischen. Blamable Opas. Wie Dick und Doof – nomen est omen – in ihren allerletzten Filmen.

Also: Auch die Kunst hatte ihre Breshnews. In Woody Allens »Ich sehe die Frau deiner Träume« spielt der grandiose Anthony Hopkins einen Senior, der sich dem Hochleistungsstress einer Nutten-Liebe hingibt. Pillen, Fitness-Studio, wieder Pillen: Wir blicken auf eine schweißüberströmte Mannsruine; im falschen Schein, den dieser Möchtenochmalgern angestrengt aufbaut, kann er nur erbärmlich verdämmern. Mit einer Durchhalteparole wird ins Bett gestiegen, nicht sicher, ob man sich zur jungen Frau legt oder doch schon ins Sterben sinkt.

Alles dies: Gleichnis für die wahrnehmungsgestörte Mitmisch-Mentalität führungsgewohnter Leute. Diese Angst, Leben loszulassen, das man, unablässig soldatisch, höheren Weihen widmete. Und klar gibt es für diese Heesters-Hybris, die früh beginnt, einen Grund: Man hat angebliche Verteidigungspflichten. Weil Jüngere zu lässig auf ruhm- und entbehrungsreiche Vergangenheiten blicken. Weil Nachfolgende die kampfgeprägten Zusammenhänge, in denen Ältere ihr Leben aufrecht verschlissen, nicht richtig würdigen.

Das ist verflucht wahr!, es ist traurig, aber doch unvermeidbares Schicksal jeder Generation. Es wird immer weitergelebt; demnach wird in einem komplizierten Mit- und Durch- und Gegeneinander weitergegeben, vergessen, geachtet, missachtet, verstanden, missverstanden, geheiligt, negiert. Keine Erfahrung, kein Lebenswerk ist vor ungerechter Bewertung geschützt. Man selber spricht von teurer Hinterlassenschaft, die jeweils Neuen aber lassen nur locker was hinter sich. Aber: Auch wenn alte Probleme sich immer wieder nur erneuern, die alten Kämpfe sind stets das erste, was vorbei ist.

Kultur bedeutet ab gewissem Alter, selbstbewusst stehenzubleiben, die anderen vorbeiziehen zu lassen. Als die große Marianne Hoppe schier bis zuletzt am BE auftrat, in Müllers »Quartett«, da machte sie beim Applaus zum Vorstellungsschluss einen einzigen Fehler: Sie holte nicht die Souffleuse mit auf die Bühne, die während der Vorstellung deutlicher zu hören war als die legendäre Schauspielerin. Altehrwürdigkeit ist kein Geschenk, sondern eine Leistung.

Das wär's doch: Konzentrationszwänge abschütteln. Aufhören damit, gutes Eigengefühl unbedingt an Partei- oder gar Weltrettung zu ketten. Jetzt ganz in Ruhe die anderen sich irren lassen. Der Partei nicht mehr so schülerhaft anzeigen, sie habe dich gut erzogen.

Freilich, die Sache mit dem Aufhören hat einen Haken. Kürzlich schrieb Essayist Benjamin Henrichs in der »Süddeutschen Zeitung« darüber, was den vermeintlich Unersetzlichen widerführe, wenn sie rechtzeitig innehielten: »Wenn sie endlich ungestört denken, merken sie vermutlich, dass es gar nichts für sie zu denken gibt. Und dass sie in ihrem Still- und Ruhestand über jede Störung herzlich froh wären. Fleißig Rosen gießen, die öden Memoiren schreiben: Das ist besser als der Tod, viel besser aber auch nicht.«

Hier wurzelt vielleicht auch das Schicksal derer, die Bisky als »Ideologie-Ajatollahs« bezeichnet: Gesinnungs-Richter, die bei anderer, moderner Ansicht sofort Verrat ausfindig machen, »als wären sie ein kleiner islamischer Rechtsgelehrter. Das ist eine Krankheit, wahrscheinlich durch ideologische Viren übertragen, die wir einfach nicht loswerden«. Dieses ständige Grenzüberwachungsregime, wenn eine Linientreue, die es zum Glück nicht mehr gibt, vermeintlich verletzt wird!

Dass eine Richt-Linie zum Lebenszweck wurde – das resultiert wohl aus lebenslanger Hingabe an die »große Sache«. Da die nun wieder Utopie oder Phantom wurde, steht manches »Ich« hilflos vorm Vakuum: Was mit sich selber anfangen?

Klug zu altern, muss kein Abschied von Sehnsüchten sein. Aber es sollte ein Eingeständnis hinzukommen: dass die Welt wirklich nicht verpflichtet ist, diese Sehnsüchte zu erfüllen. Das also ist klug. Weisheit wäre, wenn sich dies Eingeständnis – heiter vollzöge.


Theodor Fontane: Die Alten und die Jungen

»Unverständlich sind uns die Jungen«
Wird von den Alten beständig gesungen;
Meinerseits möcht ich's damit halten:
»Unverständlich sind mir die Alten.«

Dieses am Ruder-bleiben-Wollen
In allen Stücken und allen Rollen,
Dieses sich unentbehrlich Vermeinen
Samt ihrer »Augen stillem Weinen«,
Als wäre der Welt ein Weh getan –
Ach, ich kann es nicht verstahn.

Ob unsre Jungen, in ihrem Erdreisten,
Wirklich was Besseres schaffen und leisten,
Ob dem Parnasse sie näher gekommen
Oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen,
Ob sie, mit andern Neusittenverfechtern,
Die Menschheit bessern oder verschlechtern,
Ob sie Frieden sä'n oder Sturm entfachen,
Ob sie Himmel oder Hölle machen –
EINS läßt sie stehn auf siegreichem Grunde:
Sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
Der Mohr kann gehn, neu Spiel hebt an,
Sie beherrschen die Szene, sie sind dran.

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