Von Susann Witt-Stahl
10.09.2011

»Dem Bösen ein Ende setzen«

Islam-Hass ist kein Post-9/11-Phänomen

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Muslima werden auf der Straße als »Taliban« und »Terroristen« bepöbelt, zu Boden geworfen und gewaltsam entschleiert. Derartige Übergriffe sind keine Seltenheit mehr in Europa und in den USA. Ein vergiftetes gesellschaftliches Klima breitet sich in der westlichen Hemisphäre aus – »wie ein Ölteppich«, sagt Liz Fekete. Die Leiterin des 1958 gegründeten Londoner Institute of Race Relations erforscht und analysiert mit ihren Kollegen alle nur erdenklichen Formen des Rassismus. »Es scheint, als lebten wir in einer Welt, die durch einen neuen McCarthyismus geprägt wird«, so Fekete. Seien einst Kommunisten als »gefährliche fünfte Kolonne« gejagt worden, habe mittlerweile eine Verlagerung des Verdachts der »Subversion« auf Muslime stattgefunden.

Als am 22. Juli ein Bombenattentat in Oslo und wenige Stunden später ein Massenmord mit 68 Todesopfern auf der Ferieninsel Utoya verübt wurde, ließ die Tageszeitung »Die Welt« keinen Zweifel aufkommen, wer die Verantwortung für das Verbrechen trägt: »Norwegen ist Zielscheibe von Islamisten.« Dieses Vorurteil wurde auch von zahlreichen Medien eilig verbreitet.

Das 1500-seitige Manifest des mutmaßlichen Täters Anders Behring Breivik, der sich zum Tempelritter und Verteidiger der christlichen Zivilisation berufen fühlt, liest sich wie ein Who’s Who der internationalen Islam-Hasser-Szene: Robert Spencer, Gründer von Jihad Watch und Stop Islamization of America, Pamela Gellers mit ihrem Blogs Atlas Shrugs, Daniel Pipes vom Middle East Forum, die English Defence League. Auch dem Betreiber des neokonservativen Blogs Die Achse des Guten Henryk M. Broder, der schon einmal vom Innenausschuss des Deutschen Bundestags als »Sachverständiger« konsultiert wurde, wird ideologische Referenz erwiesen.

Megaphone des Islam-Hasses

Eine noch druckfrische Studie des den US-Demokraten nahestehenden Think Tanks Center for American Progress (CAP), die anlässlich der Tragödie in Norwegen initiiert wurde, belegt zwar keine »große rechte Verschwörung«, aber die Existenz einer »gut vernetzten Gruppe von Desinformationsexperten«, die die Bevölkerung via Medien und Organisationen manipuliert. Die Protagonisten würden in der Öffentlichkeit offensiv als »Experten« auftreten, ein Verbot der gar »nicht existierenden Scharia« fordern, fälschlicherweise behaupten, dass die meisten Moscheen islamistische Terroristen oder ihre Sympathisanten beherbergen und gegen den Multikulturalismus hetzen. Diese »Islamophobie-Megaphone« seien zwar nicht für antimuslimisch motivierte Gewaltverbrechen verantwortlich, bildeten aber »die Infrastruktur«, aus der Täter wie Breivik »hervorgehen«, zitiert die Studie den CIA-Beamten Marc Sageman.

Die Hass-Propaganda wird großzügig finanziert. Seit 2001 seien, laut der CAP-Studie, 42,6 Millionen Dollar an die führenden antiislamischen Netzwerker in den USA geflossen. Unter den sieben Sponsoren, vorwiegend neokonservativen Stiftungen, findet sich auch die Bradley Foundation, die in den 1990er-Jahren George W. Bush, Donald Rumsfeld, Dick Cheney und andere bellizistische Republikaner dabei unterstützten, die Clinton-Administration zu bedrängen, den Irak anzugreifen.

Die treibenden Kräfte der konzertierten Verbreitung von Islamophobie und antimuslimischem Rassismus sind nicht am äußeren rechten Rand der westlichen Gesellschaften zu suchen. Kritische Wissenschaftler wie Robert Lambert, Co-Direktor des European Muslim Research Centre an der Universität Exeter, haben dargelegt, dass sie viel mehr unter den US-amerikanischen »neokonservativen Architekten des War on Terror«, einflussreichen Akademikern, Politikern, Publizisten – unterstützt durch die christlichen Rechten – zu finden sind, die antimuslimische Ressentiments als Grundlage für die Legitimation militärischer Interventionen in der arabischen Welt benutzen.

So gehört der ehemalige Stichwortgeber der außenpolitischen Leitlinien der Reagan-Administration Norman Podhoretz zu den Schöpfern eines Phantoms, das die gesamte westliche Welt in Angst und Schrecken versetzt: Der »Islamfaschismus«, der, laut dem Tea-Party-Sympathisanten, »stark vom Nationalsozialismus und Kommunisten beeinflusst« worden sei und einen »Vierten Weltkrieg« (der Dritte sei nach 1945 von »der Linken« ausgegangen) gegen »uns« führe. Jener werde von bis zu 15 Prozent der Muslime unterstützt. »Nicht alle von ihnen sind Verbrecher und Mörder«, räumt Podhoretz generös ein. Aber eben doch zu viele, um keine „Transformationen« islamisch geprägter Regionen vorzunehmen, findet Podhoretz. Richard Perle und David Frum behaupteten 2003 in ihrem programmatischen Werk »Dem Bösen ein Ende setzen: Wie der Krieg gegen den Terror gewonnen wird« sogar, der Westen hätte gar keine andere Wahl: »Sieg oder Holocaust.«

In den Publikationen ihrer Think Tanks (beispielsweise dem American Enterprise Institute), ihrem von dem australischen Medien-Titan Rupert Murdoch finanzierten Zentralorgan The Weekly Standard oder auch im Magazin der New York Times machen prominente Neocons keinen Hehl daraus, worum es primär geht: »Amerikas gesamter Krieg gegen den Terrorismus ist eine Ausübung von Imperialismus«, räumte der kanadische Politiker Michael Ignatieff ein.

Der Imperialismus-Forscher David Harvey betont, dass der »War on Terror« wenig mit den Attentaten vom 11. September zu tun habe. Jenes Datum habe lediglich »offene und unilaterale militärische Aktionen politisch akzeptabler gemacht«. Dieser Erkenntnis entsprechend warnt der Soziologe Chris Allen von der Universität Birmingham davor, antimuslimische Ideologeme als »Post-9/11-Phänomen« zu interpretieren und verweist auf den Report des European Union Monitoring Centre on Racism and Xenophobia (EUMC) über Islam-Hass nach dem 11. September. Danach sind »viele Vorfälle nach 9/11 auf vorher existierende und weit verbreitete islamophobe und fremdenfeindliche Einstellungen zurückzuführen«. Die Anschläge würden »diesen Vorurteilen lediglich zu viel mehr Glaubwürdigkeit und Geltung« verhelfen.

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Islamisten würden die »Hölle in Britannien schaffen«, behaupten Demonstranten der »English Defence Leaugue« (EDL, Englische Verteidigungsliga) und fordern »keinen Platz« für sie. Die EDL entstammt der britischen Hooligan-Szene und ist eine der einflussreichsten Gruppierungen der britischen Rechten. Natürlich verwahrt die Organisation sich gegen den Vorwurf des Rassismus, ihre aggressive Islamfeindlichkeit und rechtsextremistische Gesinnung sind jedoch gerichtskundig. Die EDL ist u.a. mit der finanziellen Unterstützung des Millionärs Alan Lake groß geworden.

Bis hinein ins Lager der Linken

Auch in Deutschland stamme das negative Islambild bereits aus den 1980er- und 1990er-Jahren, sagt die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer. »Besonders die Auslandsberichterstattung über die iranische Revolution 1979, aber auch emotionale Geschichten, wie die Betty Mahmoodys (Nicht ohne meine Tochter) von 1991, haben wirkmächtige Frames gesetzt.«

Die Tatsache, dass Henryk M. Broders Hetzschrift »Hurra, wir kapitulieren« von der Bundeszentrale für politische Bildung propagiert werde, so Schiffer, mache »die Ausmaße der Hoffähigkeit des antimuslimischen Rassismus in Deutschland deutlich«.

Hierzulande gibt es ein sehr breites Islam-Hasser-Spektrum: Von der NPD, der Neuen Rechten wie der Partei Die Freiheit, Rechtspopulisten wie Thilo Sarrazin, den Neokonservativen, sogar bis hinein ins Lager der Linken bedient man sich der Rhetorik von einer »islamischen Barbarei«, den »Muselkolonnen« und »Islamfaschismus« – eines Neologismus, der laut der Islamwissenschaftlerin Sonja Hegasy und dem Historiker René Wildangel, die Funktion hat, »eine ganze Religion zu diffamieren«.

Offenbar ist genau das oftmals gewollt – nicht nur von rechten Demagogen: Da »Millionen Muslime, die ihren Wohnsitz in Westeuropa und Nordamerika haben«, das mörderische Handwerk der Gotteskrieger »nicht ohne Zuneigung betrachten«, meinte der Konkret-Herausgeber Hermann Gremliza bereits vor einigen Jahren, seien »guter und böser Islam keine Unterscheidung, sondern eine Unterstellung«. Der LAK Shalom der Linksjugend Sachsen will herausgefunden haben, dass der Antisemitismus bereits im Koran angelegt und das Massaker an Juden in Hebron von 1929, das im Zuge der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen arabischen und zionistischen Nationalisten geschah, »religiösem Judenhass« von Muslimen geschuldet sei.

Die Behauptung einer Frontstellung des Islam gegen Juden ist vor allem unter vielen Exlinken, die sich nach Auflösung des real-existierenden Sozialismus, spätestens seit 9/11 dem Neokonservatismus zuwandten, eine Strategie der Verbreitung von Islamophobie in Verbindung mit Antikommunismus. Unter dem Deckmantel der emanzipativen Agenda der Antisemitismusbekämpfung instrumentalisieren Neocon-Ideologen den von dem Philosophen Theodor W. Adorno formulierten »neuen kategorischen Imperativ« (seit 1945 sei das »Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe«) als Propagandawaffe für den »War on Terror« des »liberalen Westens« gegen den angeblich am Nationalsozialismus anknüpfenden »Umma-Sozialismus« (Stephan Grigat) und ihre linken Verbündeten, die »nazi-kompatiblen Antiimperialisten« (Matthias Küntzel). Muslime werden als Antisemiten und Feinde Israels dämonisiert. Bahamas-Autor Gerhard Scheit geht sogar von einer »drohenden Wiederholung von Auschwitz« durch den radikalen Islam aus.

Am besten gedeiht aber das antimuslimische Ressentiment in der neokonservativen bürgerlichen Mitte.

Keine kritische Selbstreflexion

Was nach islamophoben Krawall-Bloggern, Michael Mannheimer, Jörg Fischer-Aharon (haOlam), Stefan Herre (Politically Incorrect) klingt, entspringt den offenbar ebenfalls von Verschwörungstheorien durchwirkten Angstfantasien von Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, und ist in der Tageszeitung »Die Welt« unter dem Titel »Der Westen und das höhnische Lachen der Islamisten« nachzulesen: Die Verfolgung eines »kollektivistischen Ideals« sei Faschisten, Kommunisten und radikalen Moslems gemeinsam. Letztere hassten die »freie Marktwirtschaft« und versuchten, »zuerst Israel, dann Amerika und schließlich den gesamten libertären Westen von innen zu unterminieren und von außen zu zerstören – mit Parallelgesellschaften, Selbstmordattentaten und Atomwaffen«.

Nach dem Terrorakt in Norwegen verweigert die Islamhasser-Szene jegliche kritische Selbstreflexion. Im Gegenteil: Die Mehrheit reagiert mit Zynismus, Aggression gegen ihre Kritiker – der Betreiber des Blogs Nürnberg 2.0 fordert ein Kriegsverbrechertribunal gegen alle »linken Faschisten«, die für die »Islamisierung Deutschlands« verantwortlich seien – oder Selbstviktimisierung. Der »Achse des Guten«-Schreiber Bernd Zeller (»…als wäre das etwas Schlechtes, Islamgegner zu sein oder den Islam zu hassen«) spricht von einer »beispiellosen Hetze gegen Islamkritiker«, die zum Schweigen gebracht werden sollen, »damit schön in Ruhe weiter islamisiert werden kann«.

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