Von Max Böhnel, New York
10.09.2011

Kein Abschied von »Ground Zero«

9/11 bleibt für viele Bewohner New Yorks ein unverarbeiteter Stressfaktor

10 Jahre nach dem 11.9.2001: New York schien das Trauma des 11. September 2001, als zwei Passagiermaschinen in die Türme des World Trade Centers flogen und die Trümmer der einstürzenden Wolkenkratzer 2749 Menschen unter sich begruben, unerwartet schnell abzuschütteln. Nach einem kurzen Knick schwang sich die Stadt wieder zum »Capital of the World«, zur Welthauptstadt auf. Und das trotz Rezession und Wirtschaftskrise. Die Erinnerung an »9/11« spielte nur noch als Jahrestag eine Rolle – zumindest nach außen. Die Innenwelten vieler New Yorker sehen zehn Jahre danach anders aus. Sie brechen sich in Momenten Bahn, die sie »diese 9/11-Momente« nennen.

Der offizielle Höhepunkt des 10. Jahrestages der Anschläge vom 11. September 2001 wird zweifellos in einer Kameraperspektive bestehen, die Präsident Barack Obama zusammen mit Altpräsident George Bush am »Ground Zero« zeigt, im Hintergrund die Flagge der USA. »Fox News« wird ab 6 Uhr morgens live von den Gedenkfeiern in Manhattan berichten, NBC schaltet sich um 8 Uhr dazu, ebenso ABC und CBS.

Seit einer Woche überschlagen sich die Fernsehsender in ihren Morgen- und Abendprogrammen damit, neue, andere und noch anrührendere 9/11-Storys als die Konkurrenz zu liefern. »Ein medialer Overkill«, warnte der Autor Brian Lowry in der Unterhaltungszeitschrift »Variety« angesichts der übergroßen Fülle an Angeboten: »So viele Networks haben Specials, Filme und sogar ganze Themenwochen zum 11. September im Programm, dass sie das Ereignis zu trivialisieren und auf eine Ebene mit Halloween- oder Weihnachtsfernsehen zu stellen drohen.« Der Ansturm der Fernsehsender lasse weniger das Gedenken an die Opfer zu, als dass er an den Turmbau zu Babel erinnere.

Gereizt auf den Einwurf Lowrys reagierte Ken Tucker von der TV-Zeitschrift »Entertainment Weekly«. Klar sei die Quantität der Fernsehangebote überwältigend und die Qualität nicht immer die beste, aber »was zum Teufel ist falsch daran, wenn sehr viel Zeit aufgebracht wird für einen der schlimmsten und danach einen der edelsten, komplexesten und einflussreichsten Moment in der amerikanischen Geschichte? Sag es mir.«

Direkt am »Ground Zero« sind trotz skandalöser Fehlfinanzierungen und Bauverzögerungen inzwischen deutliche Veränderungen sichtbar geworden. Von den fünf Wolkenkratzern, die entstehen sollen, ragen zwei hoch auf. Der eine, »1 World Trade Center« genannt, glitzert als imposante Glassäule 80 Stockwerke hoch. Er soll bald das höchste Gebäude der USA werden. Der andere namens »4 World Trade Center« aus klobigem Stahl hat 40 Etagen erreicht. Zusätzlich zu den Wolkenkratzern besteht die Gedenkstätte aus zwei riesigen Granitbecken, die exakt dort in den Boden ragen, wo sich die »Fußstapfen« der beiden Türme befanden. In deren Wasser soll sich die Umgebung spiegeln, darüber die ausgestanzten Namen aller 9/11-Opfer. Das fast sieben Hektar große Areal wird gesäumt von frisch gepflanzten Bäumen. Keine Frage: Hier entsteht ein neuer touristischer Anziehungspunkt. Mehr als eine halbe Million Menschen aus der ganzen Welt haben sich bereits für Besichtigungstouren angemeldet.

In diesem Sinne äußerte sich der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg wenige Tage vor dem 9/11-Gedenktag. Bei aller Erinnerung, die an die Anschläge bewahrt werden müsse, wünsche er sich die Verabschiedung des Begriffs »Ground Zero«. Der richtige Name für das Gelände laute »The World Trade Center and the National September 11th Memorial and Museum«.

Schon elf Tage nach den Angriffen beschloss der Kongress die Einrichtung eines einzigartigen Opferfonds, des »September 11 Victim Compensation Fund« in Höhe von sieben Milliarden Dollar. Eine vergleichbare Institution, gespeist aus Regierungsgeldern, hatte es weder davor, etwa nach den Terrorattacken in Oklahoma City im Jahr 1995 mit 168 Opfern, noch danach gegeben. Die Angehörigen der über 1700 Opfer des Orkans »Katrina« im Jahr 2005 in und um New Orleans waren auf sich selbst und auf private Spenden angewiesen. Die 9/11-Zahlungen an Familien betrugen pro Todesfall im Durchschnitt 2 Millionen Dollar und pro Verletzung rund 400 000 Dollar. Tatsächlich erhielt, wer ein höheres Gehalt hatte, eine entsprechend höhere Kompensationszahlung. Für die untersten Einkommensklassen betrug die Summe 250 000 Dollar. Einige Familien aus der Oberschicht bekamen dagegen bis zu 7 Millionen Dollar.

Der Fonds stellte im Jahr 2003 die Zahlungen ein. Erst dieses Jahr reaktivierte ihn USA-Präsident Obama mit Hilfe eines Gesetzes namens »Zadroga Act«, als bekannt wurde, dass Hunderte von Feuerwehrleuten, Polizisten, Krankenschwestern und Freiwilligen gesundheitliche Dauerschäden erlitten, als sie sich unmittelbar nach den Anschlägen in den Trümmern und im Staub um Überlebende kümmerten. Dutzende von ihnen waren in den Jahren danach gestorben, an Lungenkrankheiten oder anderen Beschwerden, die auf den monatelang vorhandenen Giftstaub am »Ground Zero« zurückgingen. Der Fonds stellt 1,5 Milliarden Dollar für die Gesundheitsversorgung sowie 2,7 Milliarden an weiteren Kompensationszahlungen zur Verfügung.

Hinter beiden Fonds steckt vordergründig die Sorge um Familienangehörige und Helfer. Im Hintergrund stehen handfeste wirtschaftliche Interessen. Der erstgenannte Fonds war eingerichtet worden, um die Fluggesellschaften vor dem Absturz und die USA-Wirtschaft vor der Talfahrt zu bewahren. Dasselbe gilt für den von Obama eingerichteten Fonds. Wer in den ersten Jahren nach »9/11« Zahlungen in Anspruch nehmen wollte, musste zuvor eine Verzichtserklärung abgeben und schriftlich von einer Klage gegen eine Fluglinie absehen. Wer an Mittel aus dem neuen Fonds angewiesen ist, muss auf jegliche Klage, nicht nur gegen Fluglinien, verzichten.

Jenseits von Politik und offiziellem Gedenken stockt einem Bewohner von New York im Alltag der Atem nicht mehr so oft wie zuvor. Aber wenn, dann so heftig wie seit ehedem. Das sind die Momente, die sich später, wenn sich Herzschlag und Atemfrequenz wieder normalisiert haben, so anfühlen, als hätte einem jemand eine alte, längst verheilt geglaubte Wunde wieder aufgerissen. Und das in einer Stadt, die das Trauma des 11. September unerwartet schnell abschüttelte – zumindest dem äußeren Anschein und der Selbstdarstellung nach – und sich nach einem kurzen Knick wieder zum »Capital of the World«, zur Welthauptstadt aufschwang: größere und noch teurere Penthäuser, gleichzeitig fahrradfreundlich und auch nachts sicher wie nie zuvor, mit einem Bann des öffentlichen Konsums von Fett und Nikotin, mit einem massiven Touristenandrang. Und das trotz Rezession und Wirtschaftskrise.

In dieser Saubermann-Idylle spielte die Erinnerung an »9/11« nur noch als Jahrestag eine Rolle. Zumindest nach außen. Die Innenwelten vieler New Yorker sehen anders aus. Sie brechen sich in Momenten Bahn, die sie »diese 9/11-Momente« nennen. Es sind gewisse Augenblicke, die andernorts unbeachtet bleiben. In New York, genauer gesagt in Manhattan, können sie in den ebenso langweiligen wie hektischen Alltag unerwartet einschlagen wie ein Blitz. Und sie sind fast immer banal. So wie das Knallen eines defekten Lkw-Auspuffs, der die eh schon hohe Dezibelzahl der hupenden gelben Taxis übertönt. Man hält dann kurz inne, während die aufgeschreckten Tauben auffliegen, vergewissert sich, oft mit einem Blick nach oben auf die Hochhäuser, dass keine Gefahr droht, und hastet weiter, während die Schrecksekunde noch im Herzschlag nachwirkt.

Oder man richtet an einem Herbstmorgen aus irgendeinem Grund zerstreut den Blick auf den stechend blauen Himmel und denkt an das sonnendurchflutete Firmament, das damals im Abstand weniger Minuten zwei Flugzeuge wie Messer durchschnitten: eine banale Schrecksekunde. Viele New Yorker haben für einen derart stechend-blauen Himmel wie an jenem Tag den Begriff »9/11-Himmel« gewählt. Wer damals dabei war, weiß, was gemeint ist.

Oder man zuckt zusammen, wenn in einer alten Woody-Allen-Komödie die Kamera an den Türmen des World Trade Centers vorbeistreift. Oder wenn die vollgepferchte U-Bahn in der Rushhour wieder mal abrupt und für mehrere Minuten steckenbleibt. Dann verstummt die Unterhaltung. Die Angst fährt immer noch mit, sie ist am 11. September 2001 hängengeblieben.

Sie lässt sich vielleicht nie mehr verscheuchen, ebenso wie sich die Unbeschwertheit wahrscheinlich auf Dauer nicht mehr einstellen will. So sind für jeden New Yorker im Alter über 15 oder 16 die Anschläge zu einer Art Zeitanker im inneren und äußeren Koordinatensystem geworden. Das fängt mit der Zeitrechnung »before 9/11« und »after 9/11« an und setzt sich in der Person Michael Bloombergs fort. Der derzeitige New Yorker Bürgermeister, der jeden Tag in den Medien zu sehen ist, spielt auf merkwürdige Art den Nachlassverwalter dieser Stimmung. Bloomberg wirkt wie ein Buchhalter, fleißig und undramatisch. Ein Manager. Die Aufgeregtheit, die sein Vorgänger Giuliani repräsentierte, ist der Normalität des Alltags à la Bloomberg gewichen. Auch Bloomberg fungiert als Anker, ale einer der angenehmen Sorte. Selbst eingefleischte New Yorker Linke gestehen ein, dass der milliardenschwere Politiker der Stadt gut tut.

Und trotzdem – es gibt diese gewissen Momente der totalen Existenzangst mitten im Alltag. Ohne »9/11« gäbe es sie in dieser Form nicht.

Nun sind Angst und Paranoia allerdings feste Größen in einer Stadt, in der Hunderttausende die Hilfe von Psychologen brauchen, um den normalen Stress des Großstadtalltags zu verarbeiten – was in New York nicht erst seit 2001 so ist. Aber 9/11 kam als unverarbeiteter Stressfaktor dazu, schwingt deshalb bei vielen im Unterbewusstsein mit, auch wenn sie es sich nicht eingestehen, und kommt immer wieder an die Oberfläche.