15.09.2011

Der böse Sänger

US-Regisseur Oliver Stone wird 65

Bild 1
»World Trade Center«: Schockbild und schockgefrorenes US-Psychogramm gleichermaßen.

Kunst, die Geschichtsstoff erzählt, ist quasi verzauberte Chirurgie: Fleisch wächst zurück auf Knochen; Nerven Sehnen, Adern stricken neu ihr Geflecht. Noch einmal muss Blut seine Bahn ziehen bis zur Ausblutung – Schönheitschirurgie ist sie nicht, jene Kunst, welche die politische Geschichte zurückschickt in Körper. Körper, die diese Geschichte machen, und andere, die sie deshalb erleiden müssen.

Und: Kunst ist Fantasiestoß – wie viel aber an Erfahrung schärft und gerbt die Geschichten? Stone ist Bankersohn und Vietnam-Veteran. Aus tief getroffener Seele hat er den US-amerikanischen Traum an den Pranger des Kinos gestellt. Der Traum des ungebrochenen Patriotismus und der weltrettenden Versprechen als Trauma aus Gebrechen und Verbrechen. »Platoon«, »Geboren am 4. Juli«, »Wall Street«, »Natural Born Killers«, »JFK – Tatort Dallas«, »Nixon« – Stone, der heute 65 wird, ist ein Regisseur der moralischen Emphase, des jagenden Schnitts, er scheint aus der Hölle der Fernsehserien zu kommen, die keine Gnade kennen, wenn es um Spannung, Rumor, Gefühl geht.

Toll, wie im vollschönsten Zwielicht eine tragische Unerlöstheit leuchtet. Stone ist nicht der Regisseur einer siegreichen Aufklärung, er ist der radikal böse Sänger ihrer Niederlagen: Es gibt nichts Faszinierenderes als ein gut inszeniertes Ekel. Weswegen Stones Filme Einsamkeitsglanzpunkte großer Stars sind, etwa Anthony Hopkins (als Nixon) oder Michael Douglas (»Wall Street«). hds