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Von Katja Kollmann 20.09.2011 / Feuilleton

Glücklich in der roten Garde

HAU Berlin: »Memory. Die Geschichte der Kulturrevolution«

Ich bin noch immer Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas, und ich bin stolz auf das, was die Partei geleistet hat,« sagt die 43-jährige Ingenieurin und lächelt in die Kamera. Wu Wenguangs 1992 gedrehter Dokumentarfilm »1966. Meine Zeit bei der roten Garde« dominiert die achtstündige Doku-Performance »Memory. Eine Reise durch die Geschichte der Kulturrevolution« des Pekinger Off-Theaters »Living Dance Studio«. Aufgeführt im Berliner Hebbel-Theater des HAU.

Das hohe, viereckige Zelt aus Moskitonetzen auf der Bühne wird immer wieder zur Projektionsfläche für diesen Film, der in China noch nie öffentlich gezeigt wurde. Aufrichtig sprechen vier Männer und eine Frau über ihre Jugendzeit während Mao Tse-tungs Kulturrevolution und geben so einen detaillierten Einblick in Chinas jüngste Geschichte – »von unten«. Dieser geballten Ladung Authentizität kann die Bühnenhandlung nur als Rahmen dienen. So schiebt sich die Performerin Wen Hui im Stundenrhythmus vom hinteren Ende des Zeltes nach vorne an die Rampe. Sie tut das mit einer provozierende Langsamkeit. Wie in Trance biegt sie ihren Oberkörper weit nach hinten und bewegt sich dann einige Zentimeter nach vorne.

Dem Dokumentarfilm ebenbürtig wird diese Choreografie immer dann, wenn sie mit einem Dialog über Wen Huis Leben zur Zeit der Kulturrevolution kollidiert. Li Xinmin, die zweite Performerin, möchte wissen, ob Wen Hui damals jemanden denunziert hat. Hui antwortet mit scheinbar gleichgültiger Stimme: Nein. Xinmin fragt ruhig, aber penetrant weiter, die Weite der Bühne füllt sich mit Stimmen von zwei Generationen, die sich an die Aufarbeitung von Vergangenheit machen.

Dagegen blicken die fünf Protagonisten des Dokumentarfilms übergroß von der Bühne und erzählen von ihrer Begeisterung, Teil einer großen Idee zu sein und Macht zu haben über andere. Sie sprechen es nie direkt aus, aber es spricht aus dem Leuchten ihrer Augen, aus dem Lachen, wenn sie an ihre Zeit bei der roten Garde denken. Einer nur erinnert sich, wie er seinen Vater öffentlich denunzieren sollte und auf einmal – mit 14 Jahren – begriff, wie er von Partei und System benutzt wurde und wie sich von diesem Augenblick an sein Blick auf Gesellschaft und Politik radikal veränderte.

Drei andere dagegen berichten mit fast unschuldigem Stolz von der Zerstörung historischer Werte »bürgerlichen Ursprungs« und dem Totschlagen der Lehrer »des alten Systems«. Einer öffnet dazu eine Kiste mit Devotionalien der Kulturrevolution. Andächtig legt er die Armbinde, die ihn als Mitglied der roten Garde auszeichnete, auf den Tisch. Dann zeigt er auf ein Foto, das ihn und andere junge Menschen bei einem Treffen mit Mao Tse-tung in Peking zeigt und seufzt: »Das war der glücklichste Augenblick meines Lebens.«

Auf dem Moskitonetz Fotos und Plakate von damals. Unterlegt mit revolutionärem chinesischen Liedgut und Aussprüchen Maos. Ein sinnlicher Eindruck von der Aufbruchsstimmung, die zu jener Zeit in China geherrscht haben muss. Daneben aber flirrt eine schnöde Information über das Moskitonetz. Sie offenbart uns die Essenz eines jeden chinesischen Haushalts der sechziger Jahre: ein Wecker, ein Fahrrad und eine Nähmaschine. Fast niemand hatte alle drei Luxuswaren zugleich. Die meisten Chinesen sparten damals lange, um sich wenigsten einen dieser notwendigen Gebrauchsgegenstände kaufen zu können.

Im Hebbel-Theater zeigt ein aufs Netz projezierter Mao-Wecker an, wie viel Zeit noch bleibt bis zum Ende der Performance. Man nimmt ihn gar nicht wahr, geräimmer weiter in den Sog dieser Erzählung über eine Epoche, die schockiert und zugleich fasziniert. »Memory« richtet nicht, sondern versucht ein glaubwürdiges Abbild. Das aber darf in China nicht sein. So durfte »Memory« dort nur vor geladenen Gästen gezeigt werden.

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