Von Fabian Lambeck
23.09.2011

Ostdeutsche leben riskant

Statistisches Bundesamt: Armutsgefährdung in den neuen Ländern deutlich höher als im Westen

In Mecklenburg-Vorpommern ist jeder fünfte Einwohner armutsgefährdet – in Bayern nur jeder zehnte. Die Auswertung des »Mikrozensus 2010« belegt, wie groß das Wohlstandsgefälle noch ist. Allerdings gibt es mittlerweile auch in den alten Ländern »gefährliche« Gegenden.

Es gibt gefährliche Landstriche in Deutschland. Regionen, in denen das Risiko zu verarmen oder in Armut zu leben, deutlich höher ist als anderswo. Zu diesen risikobehafteten Zonen zählen etwa Mecklenburg-Vorpommern oder der Stadtstaat Bremen. In beiden Bundesländern gilt jeder fünfte Einwohner als »armutsgefährdet«. Das behauptet nicht etwa die Linkspartei, sondern das Statistische Bundesamt. Doch wie ermittelt man die Armutsgefährdung? Laut Definition der Europäischen Union ist »armutsgefährdet«, wer »weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung« zur Verfügung hat. Dazu zählen in Deutschland Ein-Personen-Haushalte, die monatlich mit weniger als 826 Euro auskommen müssen.

Die am Donnerstag veröffentlichten Armutszahlen aus dem »Mikrozensus 2010« zeigen eindrucksvoll, wie groß die Unterschiede bei den Armutsgefährdungsquoten zwischen Ost- und Westdeutschland sind. Während in den alten Bundesländern 13 Prozent der Bevölkerung einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt waren, lag dieser Wert im Osten bei immerhin 19 Prozent. Besonders deutlich wird das Gefälle im direkten Ländervergleich: In Mecklenburg-Vorpommern sind mehr als 22 Prozent armutsgefährdet, im wohlhabenden Bayern nur etwas mehr als zehn Prozent. Niedriglöhne und Hartz IV haben aus dem Land an der Ostseeküste einen echten Risikostandort gemacht.

Wie man beim Statistischen Bundesamt gestern betonte, sei die Armutsgefährdung in Ostdeutschland aber seit 2005 »um gut einen Prozentpunkt gesunken«. Im Westen blieb sie nahezu unverändert.

Interessant auch: Die gestern ebenfalls veröffentlichte »Einkommensreichtumsquote«. Zur Gruppe der Bestverdiener zählt laut Bundesamt, wer über mehr als 200 Prozent des »bedarfsgewichteten« Pro-Kopf-Einkommens verfügt. Hier führt Hamburg mit einer Quote von stolzen 13,2 Prozent die Statistik an. Erst dann folgen Hessen und Bayern. Wenig überraschend: Den letzten Platz in diesem Reichtumsranking teilen sich mit jeweils schlappen drei Prozent Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, dicht gefolgt von Sachsen und Thüringen. Nur Brandenburg mit einem Gutverdieneranteil von mehr als fünf Prozent fällt aus dem Rahmen. Dieser Ausreißer ist direkte Folge der Stadtflucht reicher Berliner ins brandenburgische Umland.

Für den Ostkoordinator der Linksfraktion im Bundestag, Roland Claus, sind die Zahlen »Ausdruck eines gesellschaftlichen Skandals«. Sozialabbau und Niedriglohnpolitik beträfen zwar »Ost wie West gleichermaßen«. Dennoch werde hier einmal mehr die »tiefe soziale Kluft zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland deutlich«.

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sprechen eine deutliche Sprache. Die neuen Länder sind nach wie vor soziales Risikogebiet. Nur der hoch verschuldete Stadtstaat Bremen ist als einziges westliches Bundesland in diesem traurigen Ranking ganz vorne mit dabei. Weniger Sorgen müssen sich die Menschen in Bayern oder Baden-Württemberg machen.

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