Von Christina Matte
24.09.2011

Unter Ameisen

In Brandenburg stehen die kleinen Waldbewohner unter dem Schutz von Dr. Katrin Möller

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Am Hügel eines Nests Roter Waldameisen

Katrin spielt auf der Wiese hinterm Haus. Der rote Ball, den sie zum Geburtstag bekam, ist zum nahen Waldsaum gerollt, unter eine Brombeerhecke. Sie läuft hin, um ihn aufzuheben, da entdeckt sie neben dem Ball einen großen Ameisenhügel. Wie der wimmelt! Das muss sich Katrin genauer ansehen. Aus der Hocke heraus beobachtet sie, wie einige der kleinen Geschöpfe noch kleinere weiße Bündel tragen. Sind diese Bündel etwa Babys? Ihr Bruder hat sich angepirscht. Er hebt den Fuß mit dem schweren Turnschuh, um den Hügel zu zertreten. Katrin, bestürzt, hält ihn gerade noch auf, indem sie fragt: »Willst du Babys töten?« In diesem Moment, auf der Wiese, am Waldsaum, wird die spätere Ameisenschützerin Dr. Katrin Möller geboren.

Solche Geschichten mögen wir: Erzählungen vom empathischen Menschen, der kein Lebewesen geringschätzt und die schwächeren beschützt. Der Fehler an ihnen: Sie stimmen nicht. Unsere Beziehung zur Natur, die wir gern auch »Umwelt« nennen, weil wir uns im Zentrum wähnen, ist weniger romantisch denn nüchtern, nicht selbstlos, sondern egoistisch. Sie orientiert sich an unseren Zwecken. Naturschutz ist Selbstschutz, mehr nicht. Das macht die Sache aber nicht schlechter. Wir sind Teil der Natur, die all und jedes, ganz ohne moralischen Anstrich, auf Selbsterhaltung programmiert.

Wahre Geschichten beginnen so: Mit der Neugier auf alles, was kreucht und fleucht, wird Katrin Möller auf einer Station junger Naturforscher infiziert, im mecklenburgischen Grevesmühlen. Später studiert sie an der Berliner Humboldt-Universität Biologie; Molekularbiologin will sie werden. Der Traum wird sich nicht erfüllen: verliebt, verlobt, verheiratet. Unmöglich für das junge Akademikerpaar, in der DDR-Hauptstadt eine Wohnung zu finden. Also sucht es sich dort Arbeit, wo es eine Bleibe gibt – in Eberswalde. Katrin Möller fängt am Institut für Forstwissenschaften an, heute leitet sie im Brandenburger Landeskompetenzzentrum Forst die Hauptstelle für Waldschutz: Sie berät die Landesforstverwaltung und private Waldbesitzer. Nun ist Waldschutz auch die Geschichte von »Schädlingen« und »Nützlingen«. »Schädlingen« kommt man im ärgsten Fall mit »Maßnahmen aus dem Hubschrauber« bei, so wird der Schutz von »Nützlingen« für Katrin Möller auch zum mentalen Ausgleich. 1998 gründet sie den Brandenburger Landesverband der Deutschen Ameisenschutzwarte mit und wird dessen Vorsitzende. Inzwischen ist sie auch Vizepräsidentin des bundesweiten Dachverbandes – ehrenamtlich.

Sie sind überall! Unter den lichten Zweigen der Fichten, auf den besonnten Waldwegen, in den Schuhen, den Röhren der Jeans, in den Ärmeln, unterm Kragen, in den Ohren, den Nasenlöchern. Der Stoff, aus dem Horrorfilme sind. Tatsächlich verspürt man ein Krabbeln und Kribbeln, sobald man sich versehentlich auf einem Baumstumpf in der Nähe eines Nestes niederlässt. Denn die Arbeiterinnen im Außendienst, verantwortlich unter anderem für Baumaßnahmen und die Jagd, sind rund um das Nest in einem Radius von 50 Metern unterwegs! Wehe, ein fremdes Volk versucht, sich in ihr Territorium zu drängen. Dann werden Köpfe und Beine abgebissen, dann wird gemetzelt wie bei Shakespeare. Fühlen sie sich anderweitig gestört oder angegriffen, beißen sie zu, um dann ihre Säure in die frischen Wunden zu sprühen. Was kleinere Feinde außer Gefecht setzt, kann uns Menschen zwar kaum etwas anhaben, doch juckt und brennt es recht unangenehm. Und dieses Kribbeln und Krabbeln am Körper hält noch stunden-, ja tagelang an – auch wenn die Hälfte Psychologie ist.

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Größenverhältnisse

Nein, Sympathieträger sind sie kaum, die Ameisen oder auch Emsen. Obwohl sie mit ihrer Emsigkeit für eine deutsche Tugend stehen. Und obwohl man der Ameisensäure eine heilende Wirkung zuschreibt. Hildegard von Bingen pflegte, aus Ameisen einen Sud zu kochen, den sie gegen alle möglichen Zipperlein verabreichte. So etwas ist heute verboten, Waldameisen stehen unter Naturschutz. Weil sie einerseits bedroht sind, andererseits wichtig für die Waldgesundheit. Sie lockern den Boden und fördern die Humusbildung, vertilgen kleine Kadaver und »schädliche« Insekten, verbreiten unter anderem die Samen von Veilchen und Schneeglöckchen, »ernten« den Honigtau der Läuse, womit sie diese auf eine Weise pflegen, dass sie sich wohlfühlen und vermehren – darüber freuen sich die Bienen und viele andere Insekten, auf deren Speiseplan ebenfalls die Ausscheidungen der Läuse stehen, die wir mit dem appetitlicheren Namen »Honigtau« versehen.

Alle Hügel bauenden Roten Waldameisen – acht Arten gibt es bei uns in Deutschland – sind solch nützliche Geschöpfe. Von einem Lehrpfad aus, den Katrin Möller sonst mit Kindern und Jugendlichen beschreitet, um ihnen Wissenswertes über die Formica rufa und deren nahe Verwandte beizubringen und so die Sympathiewerte ihrer Schützlinge zu steigern, beobachten wir einen »Ameisenhaufen«. Haufen? Wir haben uns blamiert. Der »Haufen«, der »Kup- pelbau«, ist nämlich nur der sichtbare, oberirdische Teil des Nests. Darunter erstreckt sich ein Gewölbe, oft um einen Baumstumpf angelegt, mit mehreren Etagen und Kammern – »Puppenstuben« und »Wirtschaftsräumen«. Der Durch- messer eines solchen Gewölbes kann drei Mal so groß sein wie der des Hügels. Wie groß genau, erkennt Katrin Möller am lockeren Boden rund um den Hügel, den Fachleute als »Hof« bezeichnen.

Zweifellos ist das Nest ein Kunstwerk. Und zugleich ein soziales Gefüge. Manche Völker, lernen wir, dulden nur eine Königin, andere mehrere Herrscherinnen. Königinnen sind fruchtbare Weibchen, so genannte Geschlechtstiere. Kaum geschlüpft, beginnen sie ihren Hochzeitsflug. Nach der Begattung sterben die Männchen. Die Samen, welche die Königin in einer Tasche aufbewahrt, reichen für ihr ganzes Leben – 25 Jahre kann sie alt werden. Wird die junge Königin von ihrem Volk nicht wieder aufgenommen, muss sie sich ein neues suchen. Sie findet es bei den kleineren Sklavenameisen, die ausschließlich in Erdnestern leben. Indem sie deren Königin tötet, macht sie sich das Volk untertan. Denn ihre Aufgabe besteht nun darin, Eier, Eier, Eier zu legen. Und damit der Nachwuchs gedeiht, ist sie auf Hilfe angewiesen. Um die Aufzucht werden sich »Ammen«, unfruchtbare Weibchen, kümmern. Andere Arbeiterinnen werden sich indes auf die Jagd begeben und das Nest in Ordnung halten – es reparieren, belüften, den Müll raustragen. Außerdem beherbergt das Ameisennest Fremdlinge wie die Larven des Rosenkäfers. Das Volk der Ameisen toleriert sie, weil sie keine Gefährdung darstellen ...

Natürlich macht man sich seine Gedanken. Sollte jemand auf uns herabschauen wie wir jetzt auf das Ameisennest, würde er zu dem Schluss kommen: Auch wir krabbeln durch unser Leben. Auch wir werden zu Giftspritzen, sobald wir uns bedroht fühlen, und als Bedrohung empfinden wir nicht erst den körperlichen Angriff. Wir verteidigen ein Ich. Unvorstellbar, dass wir uns klaglos mit dienenden Rollen zufriedengäben. Dass wir es für selbstverständlich hielten, die Kinder anderer aufzuziehen. Dass wir ohne Beißreflex Immigranten in unsere Mitte nähmen. Die Arbeiterin will Königin sein, die Königin nicht Arbeiterin.

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Zeichnung am Lehrpfad

Philosophie am Ameisennest. Oder doch nur Biologie? Eine einzelne Ameise könnte ohne ihr Volk nicht überleben. Wir können es, wenigstens kurzfristig, weil wir in der Lage sind, soziale Erfahrungen zu speichern. Manche Wissenschaftler behaupten, auch dies habe das Überleben der menschlichen Art gesichert. Von der Pflicht, sozial zu handeln, enthebt uns das aber nicht. Sieht es nicht gerade danach aus, als sei mehr Gemeinsinn gefragt, damit die Erde bewohnbar bleibt? Die Ameisen haben es jedenfalls mit ihrem Gemeinsinn weit gebracht. Sie haben die Dinosaurier überlebt, die vor 65 Millionen Jahren ausstarben.

Wenn die Gattung so robust ist, wieso bedarf sie dann des menschlichen Schutzes? »Weil Ameisen gern am Waldrand leben. Und weil wir Autobahnen verbreitern, Landstraßen und Kanäle bauen und so ihre Nester zerstören.« Verbringt man so viel Zeit wie Katrin Möller mit der Waldameisenpopulation, kommt man ihr – nicht nur gefühlsmäßig – näher. Frau Möller und ihre Mitstreiter haben, seit die Brandenburger Ameisenschutzwarte besteht, 700 Nester umgesetzt. An etwa 50 Rettungsumsiedlungen war die Biologin beteiligt. Ihr Wissen darüber, wie man das macht, hat sie in Lehrgängen weitergegeben.

Wird ein Ameisennest umquartiert, braucht man Spaten und atmungsaktive Behälter – stabile Papiertüten etwa und aussortierte Bettbezüge. Schicht um Schicht, ganz vorsichtig, wird zunächst der Hügel abgetragen und in den nummerierten Behältern verstaut. Dann gilt es, wiederum Schicht um Schicht, den unterirdischen Teil auszugraben (keinesfalls darf die Königin ganz unten im Nest vergessen werden). Spätestens jetzt sind die Spediteure mit den kleinen Krabblern übersät. Auch Katrin Möllers Pkw, der als Umzugswagen dient, verwandelt sich in ein großes Terrarium, in dem die aufgeregten Tierchen spazierengehen. Am neuen Standort muss das Nest wieder aufgeschichtet werden, Reisig dazwischen, um Luft und Platz für den Wiederaufbau zu schaffen. Den Rest muss das Volk dann selbst besorgen, in mühevoller Fleißarbeit, an die es gewöhnt und in der es geübt ist.

Es versteht sich beinahe von selbst, dass Katrin Möller nicht auf die Idee kommt, im Ameisenschutz einen Luxus zu sehen. Auch unsere Frage, ob Ameisenschutz nicht Luxus reicher Länder sei, empfindet sie als abwegig. Ihr ist schon klar, dass wir anderswo sehr viel weniger rücksichtsvoll mit der »Umwelt« umspringen. Zum Beispiel mit tropischen Regenwäldern, die Monokulturen weichen müssen, weil die Nachfrage nach Biosprit steigt. Schon seit längerem ist Katrin Möller deshalb Förderin des World Wide Fund For Nature (WWF). Aber sie hat auch Argumente für den heimischen Ameisenschutz: »Wir können uns nicht um die Welt kümmern, ohne ›Ordnung‹ vor der eigenen Haustür zu halten. Auch die hiesigen Ökosysteme sind ja nicht unwichtig fürs Klima. Und wenn wir das Holz, das wir brauchen, nicht aus den eigenen Wäldern bekommen, wo sollen wir es hernehmen?«

Es sind gute Argumente. Katrin Möller glaubt daran. Die Argumente bleiben auch gut, hält man eine andere Sicht dagegen: Vor der eigenen Haustür zu kehren, ist entschieden profitabler als vor einer entlegenen, fremden. Unser Füße jucken und brennen. »Das hört wieder auf«, sagt Katrin Möller.