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Von Gunnar Winkler 24.09.2011 / Kolumne
Gastkolumne

Pflege ist kein Verschiebebahnhof

Bild 1
Der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Gunnar Winkler ist Präsident der Volkssolidarität.

Der Bundesgesundheitsminister hat das angekündigte Konzept für eine Pflegereform nicht vorgelegt. Damit werden die dringend notwendigen Verbesserungen für über 2,3 Millionen Pflegebedürftige, für rund 1,5 Millionen zum Teil ganztags pflegende Angehörige und allein 300 000 Beschäftigte im ambulanten Pflegebereich erneut bis auf weiteres verschoben.

Die Volkssolidarität mit ihren 265 000 Mitgliedern und 17 000 Mitarbeitern, darunter vielen in Pflegediensten und -einrichtungen, bringt sich seit langem in die Debatte über gesetzliche Neuregelungen in der Pflege ein. Nicht erst seit diesem Jahr fordern wir eine umfassende Reform der Pflegeversicherung.

Dabei kann und muss es zunächst und vor allem darum gehen, allen Menschen, die der Pflege bedürfen, ebenso wie ihren Angehörigen solche Bedingungen zu schaffen, welche die mögliche und erforderliche Lebensqualität nicht nur bewahren – sondern verbessern. Menschenwürde und nicht Finanzierbarkeit muss an vorderster Stelle stehen.

Aus unserer Sicht muss endlich neu bestimmt werden, was unter Pflegebedürftigkeit zu verstehen ist. So darf die bisherige Diskriminierung Demenzkranker in der Pflege nicht weiter fortgesetzt werden, gerade die Bedürfnisse pflegebedürftiger Menschen mit demenziellen und psychischen Erkrankungen müssen besser berücksichtigt werden. Statt Pflege im Minutentakt muss es Ziel sein, Pflegebedürftigen soweit wie möglich ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Es ist auch längst an der Zeit für pflegende Angehörige, die einen enormen körperlichen, mentalen, zeitlichen und auch finanziellen Beitrag zur Pflege ihrer Angehörigen leisten, Bedingungen für eine verbesserte Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Pflege und entsprechende Anerkennung in der Alterssicherung zu schaffen.

Eine bessere pflegerische Versorgung schließt gleichfalls ein, die Pflegeberufe deutlich aufzuwerten. Angemessene Entlohnung und verbesserte Ausbildungsbedingungen – wie eine die jetzigen einzelnen Pflegeberufe übergreifende Ausbildung – gehören dazu. Es ist auch nicht hinnehmbar, dass zum Beispiel der Mindestlohn für die neuen Bundesländer seitens der Regierung niedriger festgelegt wurde als in den alten Ländern – gleiche Arbeit verlangt gleichen Lohn.

Nicht zuletzt müssen die unbestrittenermaßen erforderlichen zusätzlichen finanziellen Mittel solidarisch erbracht werden. Das Pflegerisiko darf nicht weiter privatisiert werden. Derzeit sammelt die private Pflegeversicherung Überschüsse in Milliardenhöhe an, während die soziale Pflegeversicherung bei knappen Finanzen weit über 90 Prozent der Versorgungsleistungen erbringen muss. Dieser Zustand muss beendet werden. Auch der Weg über Kopfpauschalen in der Pflege wäre – wie schon bei der Gesundheit – der falsche.

Konstruktive Lösungsvorschläge für notwendige Veränderungen liegen seit über zwei Jahren auf dem Tisch. Die regierende Politik muss sich endlich auch hier ihrer Verantwortung stellen – eine vorbeugende Pflegereform ist heute notwendig, wenn ein künftiger »Rettungsschirm Pflege« vermieden werden soll.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Mindestlohn und Lohnuntergrenzen

    Gewerkschaften und LINKE verfolgen das Ziel gesetzlicher Mindestlohn schon seit Jahren. Die SPD in ihrer Programmatik auch, mit Abstrichen. Nun kommt die CDU mit der Idee, durch eine Kommission festlegte und von der Bundesregierung bestätigte Untergrenzen für Löhne einzuführen. Kommt jetzt der Mindestlohn über den Umweg »feste Lohnuntergrenze«? Mehr

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5 Kommentare zu diesem Artikel

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  • Rotspoon, 24. Sep 2011 11:06

    Nein, Pflege ist kein Verschiebebahnhof

    Pflege ist die ENDSTATION. Wer hat sie erfunden,wer hat sie installiert, wem nützt sie?

    • Permalink

  • Berndchen, 24. Sep 2011 12:06

    Re: Nein, Pflege ist kein Verschiebebahnhof

    Pflege war mal 'ne Marktlücke.

    • Permalink

  • gaertnerei, 24. Sep 2011 13:37

    Pflegesituation

    Der Leserbrief von Wilhelm Wöhl aus Nordhausen hat mich sehr berührt. Ergänzend habe ich den Artikel von Gunnar Winkler gelesen. Der Eindruck entsteht, die Probleme sollen nicht gelöst werden. Ich stelle mir vor, was mir bevorsteht, sollte ich auf Pflege angewiesen sein. Das Gefühl als Kostenfaktor gesehen und behandelt zu werden ist unerträglich. Kann das eine menschliche Grundlage für diesen Bereich, der doch im Wachsen begriffen ist, sein? Pflegeheime, Seniorenheime schießen wie Pilze aus dem Boden. Es scheint sich für die Betreiber zu lohnen. Auf derart "motivierte" Menschen möchte ich nicht angewiesen sein.
    Das Ängste aufkommen bei hilfsbedürftigen Menschen, Pflege nicht mehr bezahlen zu können, ist nicht zu akzeptieren. Wo ist der Ausweg? Familienhilfe? Ich bin 61, habe bald 7 Enkel und arbeite Vollzeit. Ich würde sehr gern meinen Kindern zur Seite stehen und meine Enkel begleiten, so lange sie mich brauchen. Vorzeitige Rente ist leider nicht drin, die Abzüge sind enorm. Meine Kinder müssen auch durch ihre Arbeit die eigene Altersvorsorge im Blick haben und sind voll ausgelastet. Ich kann nicht erwarten, dass sie meine Pflege mal übernehmen. Ein Pflegeheim werde ich mir mit großer Wahrscheinlichkeit nicht leisten können.
    Die Worte von Herrn Wöhl: "Wir kämpfen hier allein." , bereiten mir Schmerzen!
    Für mich sieht es so aus, als ob das auf vielen Gebieten so ist. Jeder kämpft für sich allein. Das macht es der herrschenden Politik so einfach, Probleme der Menschen ungelöst zu lassen.
    Wo ist die politische Kraft, die hier Veränderungen schaffen könnte?
    Ich möchte Herrn Wöhl und seiner Frau Kraft wünschen und Zuversicht auch wenn mich der Beitrag nachdenklich und traurig gemacht hat.
    Brigitte Gärtner

    • Permalink

  • Rotspoon, 24. Sep 2011 14:41

    @GAERTNEREI, Sorge, aber sorge nicht zuviel

    Die Frage ist nicht, ob Du später einmal einen Platz im Pflegeheim wirst bezahlen können Sie werden Deine Ersparnisse erfassen, falls Du ein Häusgen dein eigen nennst, werden sie es beleihen. Wehe Dir, wenn Du in den letzten 10 Jahren vor Deiner Einweisung in ein Pflegeheim Deinen sieben Enkeln per Banküberweisung kleine oder große Geldgeschenke gemacht hast - sie werden alles gnadenlos zurück fordern. Falls das alles nicht reicht, wird Dein fürsorglicher Staat einspringen und die Differenz zwischen Rente und Heimkosten aus Steuergeldern bezahlen.

    Falls Du aber im Pflegeheim landest, sagen wir wegen beginnender Demenz mit Pflegestufe Eins, werden sie alles daran setzen, Dir die Pflegestufe Zwei und Drei zu verpassen. Erst wenn Du ganz flach liegst, kaum noch einen Mucks von Dir gibst, klingelt die dort Kasse richtig.

    Eine Hoffnung lasse fahren, nämlich die, es könnte eine politische Kratft Dir helfen. Vergiß es. Es gibt sie nicht.

    Es gibt aber einen Ausweg, so zu sagen um das Pflegeheim heraum zur letzten Ruhestätte: Glotze aus dem Fenster werfen (aber vorsichtig!), nicht wöchentlich mit Mama Hand in Hand zum Onkel Doktor pilgern, alle Pillen und Tropfen ins Klo (oder falls Du umweltbefußt handeln willst, in die Restmülltonne), gesund essen: Obst und Gemüse, so viel wie möglich ungekocht, Fleisch nicht braten oder grillen und verachte alles Zuckersüße. Falls Du einen hast, durchs ganze Jahr täglich mindestens drei Stunden im Garten arbeiten. Falls nicht, täglich bei Wind und Wetter stramme Gänge. Schlage Dir nach 18 Uhr nicht den Magen voll und gönne Dir abends ein Bierchen oder einen Schoppen, rauche mit Genuß Dein Zigarettchen und laß den lieben Gott einen guten Mann sein.

    • Permalink

  • Rotspoon, 24. Sep 2011 14:56

    Der eigentliche Skandal sind nicht die Pflegekosten.

    Es muß gefragt werden, WARUM wir zum Pflegefall werden.

    Die medizinische Versorgung funktioniert - zwar mit abnehmender Tendenz - immer noch bestens. Falls es im Kniegelenk und in der Hüfte zu arg zwickt, bauen sie uns ein Ersatzteil ein. Keiner muß in diesem Land Hungers sterben. Und komme mir keiner mit dem dämlichen Argument, das wäre so, weil wir immer älter werden.

    Wenn ich mich so unter meinen Bekanten und in der weiteren Verwandschaft umschaue, dann fahren immer jene ins Pflegeheim, die NICHT MEHR GEBRAUCHT werden, die den KONTAKT zu ihren Mitmenschen warum auch immer verlieren, die mit Genuß täglich dreimal sieben Sorten PILLEN SCHLUCKEN.

    • Permalink

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