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Von Hans-Dieter Schütt
11.10.2011

Karl Marx und Klopse

Bereits kürzlich, als Gregor Gysi in seiner eigenen Gesprächsreihe am Deutschen Theater zu Gast war und von Jakob Augstein befragt wurde, gab die zungenflinke linke Eminenz die witzige Auskunft, er könne auch sehr gut zuhören. Wahrscheinlich sah man noch im zweiten Rang des Theaters, wie diese Worte mit den Augen zwinkerten.

Jetzt, am Sonntag, musste er mehr als zwanzig Minuten - zuhören! Der Herr des Verfahrens stillgelegt! Erstmals bei »Gregor Gysi trifft Zeitgenossen« verwandelte ein Eingeladener die Interviewsituation in ein Solo. Und in welch Juwel des Genres! Harry Rowohlt (Foto: dpa) hatte von seiner Tätigkeit in einer Literatur-Jury erzählt - die treffe sich in Kassel, und er führe regelmäßig hin, um sich überstimmen zu lassen. Jetzt las er den Monolog seines jüngsten Günstlings, Jan Neumann: Es ist das Handy-Telefonat eines Theaterbesuchers, der Minuten vor Beginn der Vorstellung angerufen und zum Organisator einer vielköpfigen Rundumaktion wird. Man kennt das ja: gegenseitige Hilfe, wenn Nachbarn in Urlaub fahren. Aber sie kehren leider zurück. Es verknotet sich nun ein Katzenrettungsdrama mit einer Schlüsselübergabekomödie, alles mündet in der telefonischen Entdeckung eines Ehebruchs, bei dem Klopse eine Rolle spielen ?

Rowohlt liest. Liest? Spielt. Die Stimme des zwischen Theaterbesuchern eingeklemmten Telefonierenden (er heißt Wagner und hat Wagner als Klingelton) flüstert, schwitzt, brüllt (die alte Mutter am anderen Ende!), befiehlt, spreizt sich - brausender Beifall. Daher nochmal der Name des Autors. Jan Neumann. Dessen Lobby heißt Harry Rowohlt. Uraufführung auf Berlins schönster Bühne!

Harry Rowohlt. Englisch-Übersetzer ersten Grades. Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt und der Schauspielerin Maria Pierenkämper. Ausbrecher aus ordentlich zu erledigenden Familientraditionen. »Pooh's Corner« hießen die ZEIT-Kolumnen, die ihn berühmt machten (»das war, was mir durchs Resthirn rauschte und weg musste«). Übersetzer? Nein. Rowohlt ist Erfinder, Erfühler, Ertaster englischsprachiger Werke auf ihrem Wege ins Deutsche, darunter Frank McCourts »Die Asche meiner Mutter« - »ich musste oft weinen und nahm zu, weil im Buch so viel Hunger herrscht«. Die deutsche Sprache nennt er »präzise, poetisch, kriminalfallfreundlich« - man muss jeden Satz bis zu Ende lesen, dort erst kommt die Auflösung: das aufhellende Verb«.

Es ist ein vergnüglicher Vormittag. Das sind Gysi-Stunden meist. Was ist diesmal das Vergnügliche?Rowohlt ist ein gütiger Mensch, der seine frechen, stichtiefen Wahrheitsreden so führt, dass man keinen einzigen Moment an Zynismus denkt, sondern nur immer an Naivität. Das unterscheidet diesen Klugen von den kabarettistischen, zeitungskolumnistischen, brettltingelnden Ungutmenschen der (linken) Szene, deren Texte und Reden sichtbar, riechbar durchnässt sind vom Schweiß, den es kostet, immer nur kalkulierend kalt und verächtlich sein zu wollen. Gegen die ist der wahrlich rücksichtslose Rowohlt ein liebenswerter Bär. Das macht auch der Bart, schon denkt man sich Marx als Ahnherr, besser: Bruder großen Witzes. Und nicht zufällig wird Rowohlt zum Schluss mit geballter Faust grüßen.

Was die Rücksichtslosigkeit betrifft: »Spiegel«-Literaturmann Volker Hage bezeichnet er als einen, der »wegen Blödheit aus der ZEIT rausgeschmissen wurde - andere gehen gleich zum ?Spiegel?«. Der verdienstvolle Hans Wollenschläger hat »Ulysses« von Joyce in zehn Jahren ins Deutsche übertragen - »ja, in der langen Zeit lernen andere richtig englisch«. Einer seiner Großväter stotterte und hatte eine Hasenscharte, »weswegen der Mann vernünftigerweise Pantomime wurde«.

Geboren wird Rowohlt 1945, im Luftschutzkeller, ein Zehnmonatskind, »immer kam ein Bombenangriff dazwischen, also wartete ich«. Rowohlt erzählt witzig, weise, Wehmut ist im trockenen Schnodder versteckt. Einmal besuchte er Verwandtschaft im Osten, da kam die Stasi - »die zwei hießen Horst und Manfred, da wusste ich sofort Bescheid« - und wollte ihn werben, »nee, wahrscheinlich wäre ich zum IM ?Dödel? ernannt worden«. Er besitzt die Ehrennadel des FC St. Pauli, weil er den HSV als »Tennisclub mit Fußballabteilung« bezeichnete. Auch ist er SPD-Mitglied, »1972 im Affekt eingetreten«. Er nennt sich »Erwerbsnomade«, der noch heute mit Ehrfurcht auf Übersetzer in der DDR blickt: Sie hatten einen hohen literaturgesellschaftlichen Status, sie brachten einen »Hauch Welt« ins Dorf.

Rowohlt wirkt, als würde ein scheuer, kindlicher Flaneur aus Wilhelm Genazinos Romanen früh um zehn ein paar hochwertige Whiskys nehmen (Single Malt!) und dann doch lieber das Spaziergängertum tauschen mit einem Platz an der Theke. Übrigens trinkt er seit Jahren nicht mehr, ist aber kein trockener Alkoholiker, sondern »ein selten saufender Säufer«, der sich nur noch ausgewählte Male im Jahr »die Kante gibt«. Was im Moment, da er Letzteres betont, so erlösend klingt wie jener Gegenchor, der aufs Urteil gegen Gretchen (»Ist gerichtet!«) flötet: »Ist gerettet!« Der Grund, um sich aus ehrenwerten Flüssigkeiten zurückzunehmen: eine Nervenkrankheit, die sich langsam ins Innere frisst. »Aber sie hat keine Chance, denn wenn sie im Innern ankommt, bin ich längst tot.«

Es ist ein Morgen mit einem Liebhaber des Iren Flann O'Brien, der fast auf den Tag, am 5. Oktober, vor hundert Jahren geboren wurde - jenem Erzähler, der von seinen Gestalten schrieb, sie führten »ein so liederliches wie farbenprächtiges Leben«; unaufhörlicher Regen in uralten Zeiten wird umgehend fassbar, wenn so ein Satz fällt: »Damals gab es Fisch auf den Feldern.« Könnte von Rowohlt sein, dem guten, alten Penner aus der »Lindenstraße« - er spielt diese Rolle wohl, weil er beides ist, aufgeräumt liederlich wie ergraut farbenprächtig. Man kann diesen freifrechen Gelegenheitskünstler mit jeder Art plebejischer Wirklichkeit verwechseln, aber aus grauen Gründen des Realen leuchtet er auch fröhlich fremd als Graubartkakadu. Hat sein Zentrum im Nebendraußen, wo Menschen und Dinge immer auf jenem Sprung sind, den sie, o Gnadenvolle!, in der Schüssel haben.

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