Zehn bis zwanzig sogenannte Fachzeitschriften erhält Wolf-Dieter Ludwig pro Woche, »unbestellt und kostenlos«. Der Onkologe und Klinikchef, der zugleich die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft leitet, nannte auf dem Jubiläumskongress der BUKO-Pharma-Kampagne, der kürzlich in Bielefeld anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Organisation stattfand, einige Merkmale dieser Publikationen: Werbung schon auf dem Deckblatt, im Inhalt vor allem Kongressberichte, keine Informationen über Interessenkonflikte der Autoren mit der Pharmaindustrie. Die Beiträge werden nicht durch unabhängige, gleichrangige Wissenschaftler begutachtet, es gibt weder den kritischen Leitartikel noch Leserbriefe. Durchaus zu finden sind hingegen Werbung für Luxusgüter, Beilagen für das Wartezimmer und immer können die Mediziner mit Hilfe der Hefte CME-Punkte erwerben, das sind Punkte für eine »kontinuierliche berufsbegleitende Fortbildung«. 250 Punkte müssen Ärzte in fünf Jahren nachweisen, ansonsten drohen ihnen Vergütungsabschläge oder gar der Entzug der Zulassung. Zertifiziert werden die Fortbildungsmöglichkeiten wiederum durch die Ärztekammern. Auch diese Institutionen scheinen die Beeinflussung durch die Pharmaunternehmen zu unterschätzen.
Ärzte sollten nicht der Illusion aufsitzen, mit ihren internationalen Fachzeitschriften seien sie auf der sicheren Seite. So waren in den Jahren 2005 und 2006 32 Prozent der Beiträge im »New England Journal of Medicine« (NEJM) industriefinanziert, 22 Prozent im renommierten »The Lancet«. Der insgesamt immer größere Anteil der industriefinanzierten Forschung ist jedoch so schnell nicht wieder zurückzudrängen, wenn nicht gleichzeitig mehr öffentliche Gelder für unabhängige Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden. Pharmaunternehmen tun eine Menge dafür, dass sich Mediziner nach ihren Wünschen richten.
Andererseits gibt es zwischen medizinischen Fachgesellschaften, einzelnen Ärzten, Kliniken und Herstellern eine regelrechte informelle Handelskultur. Ärzte sind häufig der Meinung, auf Grund ihres Expertenwissens seien sie nicht zu manipulieren. Der Pharmareferent lässt Tablettenmuster da, die ja für wenig begüterte Patienten eine nette Geste sein können. Und die bunt bedruckten Taschen, Kugelschreiber und Notizblöcke, die auf den Fachkongressen verschenkt werden, kann immer jemand gebrauchen. Kostenlose Fortbildungen mit anschließendem Essen scheinen der Zunft eher zu schmeicheln, als dass sie Misstrauen erzeugen.
Die Marketingausgaben der Pharmaindustrie sind in der Regel höher als ihre Forschungsetats. Und sie machen sich bezahlt. Hätten sie auf den Umsatz keine Auswirkung, gäbe es sie längst nicht mehr. Schlimmer noch: Die Einflussnahme fängt immer früher an. Andreas Wulf von »medico international« berichtet, dass bereits Lehrveranstaltungen an medizinischen Hochschulen von Herstellern gesponsort werden. Dazu passt auch, dass Kursangebote über das System und das Funktionieren pharmazeutischer Werbung nur in wenigen bundesdeutschen Reformstudiengängen zu finden sind. Die allgemeinen Lehrpläne für angehende Ärzte sind weit davon entfernt, diese Zusammenhänge kritisch zu beleuchten.
Sie profitieren doch auch davon
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
Psyche unter Verschluss Studie stuft 15 Prozent der Heranwachsenden als selbstmordgefährdet ein
Ich will nicht, ich muss In Deutschland leiden rund 1,5 Millionen Menschen an einer Zwangsstörung
Sind Frauen die besseren Politiker?
Preis: 15,90 €
Preis: 15,90 €
Werbung:
Werbung: