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Von Ulrike Henning 18.10.2011 / Gesund leben

Ungesundes Marketing

Ärzte unterschätzen Manipulationstechniken der Pharmaindustrie

Alle Patienten wollen, dass ihr Arzt vernünftige Entscheidungen trifft. Dafür sollte er ausgebildet sein. Auf die Verschreibung von Medikamenten wollen jedoch auch die Hersteller Einfluss nehmen. Sie machen es Ärzten oft schwer, rational im Sinne ihrer Patienten zu handeln.

Zehn bis zwanzig sogenannte Fachzeitschriften erhält Wolf-Dieter Ludwig pro Woche, »unbestellt und kostenlos«. Der Onkologe und Klinikchef, der zugleich die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft leitet, nannte auf dem Jubiläumskongress der BUKO-Pharma-Kampagne, der kürzlich in Bielefeld anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Organisation stattfand, einige Merkmale dieser Publikationen: Werbung schon auf dem Deckblatt, im Inhalt vor allem Kongressberichte, keine Informationen über Interessenkonflikte der Autoren mit der Pharmaindustrie. Die Beiträge werden nicht durch unabhängige, gleichrangige Wissenschaftler begutachtet, es gibt weder den kritischen Leitartikel noch Leserbriefe. Durchaus zu finden sind hingegen Werbung für Luxusgüter, Beilagen für das Wartezimmer und immer können die Mediziner mit Hilfe der Hefte CME-Punkte erwerben, das sind Punkte für eine »kontinuierliche berufsbegleitende Fortbildung«. 250 Punkte müssen Ärzte in fünf Jahren nachweisen, ansonsten drohen ihnen Vergütungsabschläge oder gar der Entzug der Zulassung. Zertifiziert werden die Fortbildungsmöglichkeiten wiederum durch die Ärztekammern. Auch diese Institutionen scheinen die Beeinflussung durch die Pharmaunternehmen zu unterschätzen.

Ärzte sollten nicht der Illusion aufsitzen, mit ihren internationalen Fachzeitschriften seien sie auf der sicheren Seite. So waren in den Jahren 2005 und 2006 32 Prozent der Beiträge im »New England Journal of Medicine« (NEJM) industriefinanziert, 22 Prozent im renommierten »The Lancet«. Der insgesamt immer größere Anteil der industriefinanzierten Forschung ist jedoch so schnell nicht wieder zurückzudrängen, wenn nicht gleichzeitig mehr öffentliche Gelder für unabhängige Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden. Pharmaunternehmen tun eine Menge dafür, dass sich Mediziner nach ihren Wünschen richten.

Andererseits gibt es zwischen medizinischen Fachgesellschaften, einzelnen Ärzten, Kliniken und Herstellern eine regelrechte informelle Handelskultur. Ärzte sind häufig der Meinung, auf Grund ihres Expertenwissens seien sie nicht zu manipulieren. Der Pharmareferent lässt Tablettenmuster da, die ja für wenig begüterte Patienten eine nette Geste sein können. Und die bunt bedruckten Taschen, Kugelschreiber und Notizblöcke, die auf den Fachkongressen verschenkt werden, kann immer jemand gebrauchen. Kostenlose Fortbildungen mit anschließendem Essen scheinen der Zunft eher zu schmeicheln, als dass sie Misstrauen erzeugen.

Die Marketingausgaben der Pharmaindustrie sind in der Regel höher als ihre Forschungsetats. Und sie machen sich bezahlt. Hätten sie auf den Umsatz keine Auswirkung, gäbe es sie längst nicht mehr. Schlimmer noch: Die Einflussnahme fängt immer früher an. Andreas Wulf von »medico international« berichtet, dass bereits Lehrveranstaltungen an medizinischen Hochschulen von Herstellern gesponsort werden. Dazu passt auch, dass Kursangebote über das System und das Funktionieren pharmazeutischer Werbung nur in wenigen bundesdeutschen Reformstudiengängen zu finden sind. Die allgemeinen Lehrpläne für angehende Ärzte sind weit davon entfernt, diese Zusammenhänge kritisch zu beleuchten.

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • Rotspoon, 18. Okt 2011 13:44

    Warum sollten die Ärzte das unterschätzen?

    Sie profitieren doch auch davon

    • Permalink

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