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Von Ina Beyer, Vancouver 19.10.2011 / Außer Parlamentarisches

»Wundervoller Schock«

Die kanadischen Adbusters brachten die Occupy-Proteste ins Rollen, jetzt haben sie einen neuen Aufruf gestartet

Das konsumkritische Netzwerk Adbusters war es, das im Juli über das Internet zu den Wall Street Protesten aufgerufen hatte. Dass die Bewegung solche Wellen schlagen würde, damit hätten sie jedoch nicht gerechnet. Jetzt haben sie einen neuen Aufruf gestartet, für den 29. Oktober.

Die Adbusters Media Foundation hat ihren Sitz im Kellergeschoss eines Wohnhauses in der Nähe der Innenstadt von Vancouver. Kaum vorstellbar, dass von hier aus eine globale Bewegung angezettelt worden sein soll. Kalle Lasn hat die Organisation 1989 gegründet, in der sich Abtrünnige der Medienindustrie und Kreative zusammenschlossen, die der Apathie der Konsumgesellschaft etwas entgegensetzen wollten - »Adbusters« eben, was so viel wie »Werbungsknacker« heißt. Unter diesem Titel gibt die Foundation auch ein Magazin heraus, dessen Chefredakteur Lasn ist.

Der 69-Jährige ist auch ein Aussteiger. Der gebürtige Este hatte in der 1960er Jahren als Leiter eines Marktforschungsinstituts in Tokio Karriere gemacht. Dann schmiss er alles hin, weil er, wie er später in einem Interview einmal sagte, die Kälte und Gleichgültigkeit in der Branche einfach nicht länger ertragen habe. Die Adbusters-Kampagnen haben - vielleicht gerade deshalb - etwas Eindringliches an sich. Der »Kauf-nix-Tag« etwa, mit dem die Gruppe einmal jährlich dazu aufruft, einen ganzen Tag lang nicht zu konsumieren und dadurch vielleicht überhaupt erst zu hinterfragen, wie viel wir ständig für nur ein bisschen mehr »kaufbare Lebensfreude« ausgeben. Oder andere Aktionen, bei denen der Inhalt von Werbeanzeigen so verfremdet wird, dass ihr ursprünglicher Sinn kippt. Das Adbusting (von engl. »ad« - Werbung und »bust« - zerschlagen) spielt dabei nicht aus rein ästhetischen Gründen mit Botschaften, sondern wendet diese gegen sich selbst. Auf diese Weise wollen Adbuster den mit Werbebotschaften vollgestellten, öffentlichen Raum »zurückerobern« - zumindest theoretisch.

In Deutschland erlangte die Gruppe mit ihrer Absolut-Wodka-Kampagne größere Aufmerksamkeit. Viele erinnern sich noch an die Bilder: an den Galgenstrick in Form einer typischen Absolut-Flasche, darüber der Spruch »Absolute Hangover« (absoluter Kater). Oder die zusammengesackte Flasche mit dem schiefen Hals, über der »Absolute Impotence« steht. Die Umdeutungen brechen die ursprüngliche Botschaft und verweisen zugleich auf die Verantwortungslosigkeit der Werbebranche, der es nur um Profite, nicht aber um die möglichen Folgen ihrer Arbeit geht.

»Zelt mitbringen«

Kalle Lasn veröffentlichte zur Jahrtausendwende ein »Manifest der Anti-Werbung«. Darin beschrieb er Methoden, mit denen der Inhalt von Werbebotschaften manipuliert, karikiert oder ins Absurde geführt werden kann. Mit seinen Ideen zum »Culture Jamming« traf Lasn einen Nerv. Street-Art-Aktivisten in verschiedenen Ländern begannen, danach zu arbeiten und sie weiterzuentwickeln. Lasn gründete daraufhin ein Netzwerk, das nach seinen Angaben heute global rund 90 000 Jammer vereint.

Über eben dieses Netzwerk wurde im Juli der Aufruf zu den Wall Street Protesten verbreitet. »Die Proteste in Tunesien, Ägypten und anderswo hatten uns in Aufregung versetzt«, erklärt Lasn. Sie hätten zugleich die wachsende Wut in den USA gespürt. Immer mehr Menschen verloren ihre Jobs, ihre Häuser, während die Banker an der Wall Street keine Verantwortung für die immensen Schäden tragen mussten, die sie angerichtet hatten. Die Spekulationen an der Wall Street gingen einfach weiter. »Wir spürten, dass die Zeit für soziale Proteste auch in Nordamerika gekommen war.«

Über Twitter posteten sie: »Am 17. September wollen wir 20 000 Leute sehen, die nach Manhattan ziehen, Zelte, Küchen und friedliche Barrikaden aufbauen und die Wall Street für ein paar Monate besetzen.« Und im Adbusters-Magazin wurde ein Poster veröffentlicht. Es zeigt eine Ballerina, die auf einem Stier balanciert. Darüber steht in Rot die Frage: »Was ist unsere eine, gemeinsame Forderung?« Darunter: »OccupyWallStreet. 17. September. Zelt mitbringen.« Beides zusammen war schließlich der Auslöser für die Proteste. Eine neue Kampagne war geboren. Der Rest ist Geschichte.

Hätte er gedacht, dass sich die Bewegung in einem solchen Maße ausdehnt? »Wir wussten, dass die Sache in New York größer werden würde«, erläutert Lasn. Das konnten sie bereits aus den Reaktionen auf den ersten Twitter-Eintrag erkennen. Sobald der Aufruf online stand, rissen die Kommentare nicht mehr ab. Aber dass sich daraus eine globale Bewegung entwickelt, damit hatten sie nicht gerechnet. »Das war ein wundervoller Schock für uns.« Lasn glaubt, dass die Bewegung einen langen Atem haben wird. »Die Wirtschaft hat vor Jahren mit ihrer Globalisierung begonnen«, sagt er. »Diese Bewegung wird unsere Forderungen als Menschen globalisieren.«

»Kristallklare Forderung«

Lasn kennt die Kritik, dass die Forderungen der Bewegungen zu diffus seien, um wirkliche Veränderungen zu bewirken. Er hat auch dazu eine Idee. Anfang November treffen die Staats- und Regierungschefs der G20 in Cannes zusammen. Sie hoffen, ein paar Tage davor - am 29. Oktober - Millionen Menschen auf die Straße zu bringen, »die dann zum ersten Mal gemeinsam eine kristallklare Forderung erheben«. Und welche soll das sein? »Wir brauchen eine Robin-Hood-Steuer«, sagt Lasn. Für europäische Aktivistenohren klingt die Tobin Tax nach nichts Neuem, die USA und Großbritannien verhindern ihre Einführung jedoch seit Jahren. »Wir haben die einmalige Chance, bei diesem Treffen so viel Druck auszuüben, dass Obama und Cameron ihre Meinung ändern müssen«, meint Lasn. »Nur so können die ausufernden Spekulationen an den Finanzmärkten eingedämmt werden.«

Ob die Idee ähnlich großen Anklang findet wie die Occupy-Proteste an sich, ist fraglich, wie eben so vieles derzeit an dieser Bewegung. Bis zum 29. Oktober aber ist es nicht mehr lang. Man wird sehen, ob die internationale Occupy-Bewegung ihn als neuen »Tag für eine Revolution« annimmt.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

  • Occupy Bewegung - Sturm der 99 Prozent

    Die antikapitalistische Bewegung »Occupy Wall Street« breitet sich täglich weiter aus. Attac und neu gegründete Facebookgruppen der Occupy-Bewegung rufen auch in Deutschland zum Protest auf.
    Mehr

  • Soziale Bewegungen

    Die Ereignisse des Jahres 2011 bringen die Erfahrung zurück, dass soziale Bewegungen und Proteste nicht nur überraschend zustande kommen können, sondern dabei kreativ ihre eigenen »neuen« Aktions- und Praxisformen erfinden. Was sind gemeinsame Elemente der transnationalen Aufbrüche und wie passen die Protestaktionen in der Bundesrepublik dazu? Mehr

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5 Kommentare zu diesem Artikel

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  • drmath, 19. Okt 2011 15:35

    Der Finanzmarkt ist chaotisch und strukturell nicht kontrolierbar!! 1/2

    Die Derivate werden mit, zum Teil Varianten,
    der berühmten, nobelprisgekrönten, Black-Scholes Formel berechnet.
    DDer dort verwendete stochastische Prozesskalkül, der Wiener Prozess oder Brownsche Bewegung,
    das Ito-Integral, legt unbeschränkte, d.h. bis "unendliche", Schwankung, Volaitilität, in kürzester Zeit
    zugrunde. Er enthält auch ein "Drift" Anteil, der einem Zinssatz entsprechen soll.

    Dies unbescränkte Schwankung der Kurse, real ein extrem hohen Volatilität,
    ist seit längerm Gegstand ausführlicher "Sorgedebatten" in den einschlägigen Zeitungen,.

    Von 1000 bis 8000 DAXpunkten, also 700 %, reicht die Spanne des DAX in den letzten Jahren.
    Kein Wunder, dass ma da Renditen von 25 % für "selbsrverstöändlcih hält, wenn man der Volitiltät nach
    dem Grundastz: Billig Kaufen, teuer verkaufen in den Supercomputer für den Computerhandel,
    mathematisch noch "frisiert", implementiert.
    Da der Finanzmarkt dereguliert wurde, gibt es da
    sogar erstaunlich wenig Hindernisse zu umschiffen.

    Die Eigenschafte der unbeschränkten Schwankung, Volatilität,
    der Brownschen Bewegung, des Wiener Prozesses,
    sind jedem diplomierten Wirschaftsmathematiker
    bekannt.

    Die Finanzmathematiker halten sich aber seltsamerweise recht zurück mit ihrem Wissen.

    Übrigens heist "effektiver Finanzmarkt" nur, dass man durch besere
    Informationen genauso dumm
    vor dem chaotischen ZUFÄLLIGEN Kursverhalten steht.
    Wenn der Merkt "effektiv" ist.
    Das wurde jahrelang in derFinanzmathematik diskutiert.
    Die Finanzmathematik verwenden also auch effektive "Täuschungen"
    durch falsch "sprechende Namen".


    Das passt zu ihrem jahrzehntelangem "beredeten Schweigen".

    • Permalink

  • drmath, 19. Okt 2011 15:36

    Re: Der Finanzmarkt ist chaotisch und strukturell nicht kontrolierbar!! 2/2

    MAN MUSS DEN ZUFALL AUS DER GELDVERWALUNG HERAUSHALTEN.
    Der Finnzmarktr in seiner "Funktion",
    durch umfasnede Versataatlichung heraushalten!!!Bei den vielen unabhängigen
    Markteilnehmer, Milliarden Menschen,
    ist das die einzige Möglichkeit für die "Infrastruktur"
    einer fast Totalgeldwirstchaft.

    Das geht nur mit paralamentarischen Mehrheiten,
    in der BRD nur mit der LINKEN!!!

    Die andern Parteien sind da Heuchler:

    Da ist nämlich, die Deregelierung seitens der WELLTPOLITIK, GRÜN_ROT; SCHRZ_ROT;SCHWARZ_GELB Inklusive,
    Ergebnis eines vaosrauiseilenden Gehorsams des Wegfalls von Finanzströmen GEWESEN (Verlaufsform).
    Die Politiker wissen es auch schon lange!! Schon bei der Zustimmung!!!

    Ich meine nur, weil Attac und Grennpeace immer ein so GRÜNENnahes IMAGE haben!!

    Die fordern es nicht!!

    Wie hart doch sonst Politiker sein können!! (Spardiktate!!)
    Nur bei den geldgierigen Hartherzigen brechen sie
    schon prophylaktishc ein.
    Die staatlcihen auch Landsabnken und die Steuereinnahmen
    gehen dabei voir die Hunde.

    Die Finazmarktverluste werden nämlich garantieret
    irgednwie steuerlich "abgeschrieben".

    Das die Schweizer UBS auch 20 Milliarden verloren hat,
    kann man es noch nicht einmal so recht auf die Schweizer
    Banksitten schieben.

    • Permalink

  • Rotspoon, 19. Okt 2011 18:24

    Großartig,@DRMAT

    Wie Du die Brouwnsche Mulekularbewegung mit dem Wiener-Prozess verknüpst. Nun weiß auch der letzte Dummbatz, wie das System funktioniert.

    • Permalink

  • drmath, 19. Okt 2011 20:50

    Re: Großartig,@DRMAT - Finanzmathematik erklärt!!

    Im Vergleichzum Gesamtkurs (DAX zum Exempel) sind die Einzekkäufe und Einzelverkäufe der eintelnen Aktien an eienm Tagoder in einer Minute wie kleine Stöße von Molekülen auf eine größeres, Blütenpoel z. B.; Objekt.

    Daher die große Anwenndbarkeit dieses Grundmodels der stochastischen Prozesse. Der damit verbundene Ito-Kalkül spielt fast die Rolle wie die üblicheDifferentaion und IntegrAtion in der normalen "Analysis" als "stochastische Integration".

    Die Theorie darüber gehört zum Grundwissen jedes Wirtschatsstmathematikers.
    Sie fülllt ganze Bibliotheken. Allein ihre Anwendung auf den Finanzmarkt auch.

    Es (z.B. der DAX, ale Aktienkurse) ist wie ein nur durch Strömungen "vorwärts" "Drift") bewegtes, füherloses Schiff, von Wind und Wellen ("Zufall") hin und herbewegt.

    Oder wie das Wetter, da es eine Temperaturausgelichsdifferentialgleichung ist.

    Es gibt auch andere mathematiache Modelle, sehr sehr viel seltener als die Black-Scholes Formel für Derivate verwendet,

    An eine Kontroille kann in keinem Modell, z. B. in der deterministischen NICHTLINAREN CHAOSTHEORIE auch nur erfolgversprechend "gedacht" werden, ohne der Lüge zu verfallen.

    JEDE POLITIKER SOLLTE DAS WISSEN!!
    Jeder Mathematikker sollte sich das ihm wohlebekannnte Chaos des Wiener Prozesses vor Augen halten, ehe er gegen sein Wissen (für GELD und/oder "gute Worte") das Gegenteil öffentlich vertritt - einem Politiker oder seinem Chef ZU DIENSTEN in der Dienstleistungsgesellschaft)!!

    Gerade in "Entscheidungsphasen".


    Insbesonderer seitdem die Riesenaktienbörsen Chinas, Russlands und des Ex-Ostblocks hinzugekomen sind, ist der Brownsche Bewegungseffekt
    wegen der immensen Vermögen, die da global gehandelt werden und schon in Besitz sind, überhaupt nicht mehr zu unterdrücken.

    Es hilft nur Verstaatlivhung, Vergesellschaftung des gesamten Finanzsektors. Alles ander wird ein "Langer Schrecken mit schrecklichen Krisen und Enden". Wie schon oft gehabt.

    • Permalink

  • Rotspoon, 20. Okt 2011 13:16

    Das schöne am Leben ist

    daß mensch die Welt auch dann verstehen kann, wenn ihm dieses Rucken und Zucken der Moleküle sch....egal ist. Und noch dies: Was wir da haben, ist eine Krise, Schreck hin oder her, das Ende ist sie nicht.

    • Permalink

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