Von Andreas Schug
26.10.2011

Vier Wochen bis zum Castor

Es gibt gute Gründe, auch dem nächsten Atommülltransport in die Quere zu campen. Ein Plädoyer

Vor einem Jahr gab es kein anderes Thema als die Atomkraft. Die Proteste gegen den Castortransport waren die größten in der Geschichte. Jetzt beherrscht die Finanzkrise die Nachrichten und erschwert die Mobilisierung der Atomkraftgegner.

Nur ein paar Monate ist es her, dass Hunderttausende ihrem Ärger Luft machten. Damals roch es brenzlig nach einem vorzeitigen Ende von Schwarz-Gelb. Bis Bundeskanzlerin Merkel die Anti-Atom-Demonstranten mit einem Ausstieg ruhig stellte, der nicht viel mehr war, als der Status quo im Herbst davor. Als das Energiepaket am 30. Juni den Bundestag passierte, waren hauptberufliche Aktivisten wie Christoph Bautz (Campact), Jochen Stay (Ausgestrahlt) und Uwe Hiksch (Naturfreunde) fast unter sich.

Jetzt mischt sich ab und zu eine rotgelbe »Atomkraft? Nein Danke!«-Sonne in die Occupy-Bewegung gegen die Macht der Finanzmärkte, doch das Thema steht nicht wirklich weit oben auf der politischen Agenda. Das merken auch die Aktiven, die zum nächsten Castor ins Wendland mobilisieren. Auf der Deutschlandkarte von »Ausgestrahlt« im Internet sieht man erst rund 20 Busse, die am 26. November - also in vier Wochen - zur Auftaktdemo nach Dannenberg fahren wollen. Auch Plakate oder Flugblätter sind in den Städten kaum zu sehen. Zum Streckenaktionstag am kommenden Sonnabend sind an weniger als 30 Orten Aktionen eingezeichnet. Vor einem Jahr, als es um die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken ging, waren es Hunderte.

Es wirkt ganz so, als ob die Antiatom-Szene, die damals innerhalb kürzester Zeit gewaltige Massendemonstrationen organisiert hatte, in den Dornröschenschlaf entschlummert wäre. »Irgendwann muss es auch mal gut sein, wir haben ja jetzt den Ausstieg«, sagen manche, andere meinen, der Müll müsse schließlich irgendwo hin oder finden die Euro-Krise gerade drängender und protestieren daher lieber gegen die staatlich gestützte »Allmacht der Märkte« und etablieren in den Occupy-Camps neue Demokratieformen.

Atomkraftinitiativen und Umweltverbände haben in den vergangenen Monaten eine Reihe neuer Fakten über die strahlenden Gefahren veröffentlicht und so dazu beigetragen, dass das scheinbar abgehakte Thema dennoch immer wieder ins Bewusstsein drang. Denn fatal wäre es, wenn Gorleben aus dem Blickfeld geraten würde.

Schließlich sprechen genug Gründe dafür, auch dem Castor in die Quere zu campen. Zum Beispiel, um zu zeigen, dass Fukushima nicht vergessen ist. Neun deutsche Atomkraftwerke mit einem miserablen Sicherheitsstandard aus den 70er und 80er Jahren sind stets für einen GAU gut. Gleichzeitig ist das Klagerecht der Anwohner - etwa wegen möglicher Flugzeugabstürze - im Juni flugs ausgehebelt worden. Und die Lagerhalle von Gorleben? An der »Kartoffelscheune« sind die Strahlenwerte überhöht, deshalb wurden sie jahrelang schöngerechnet. Dort darf selbst nach dem Ausstiegsgesetz kein Castor mehr hin. Das ist den Politikern egal, wie zuletzt auch der Gorleben-Untersuchungsausschuss gezeigt hat: Die Gutachten ließ man so lange zurechtbiegen, bis der Salzstock offiziell als Endlager feststand - ohne dafür geeignet zu sein.

Deshalb gilt es jetzt, der Regierung nicht auf den Leim zu gehen und die Endlagerpläne für Gorleben vom Tisch zu fegen. »Occupy Castor!« Es hilft ja nichts anderes.

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