Von Reiner Oschmann, London
27.10.2011

Olympia 2012 entzweit London

Nach den Krawallen ist vor den Spielen Straßengespräche in Stratford, im Schatten des Olympiastadions

Je weiter entfernt Briten vom Londoner Olympiapark wohnen, desto größer ist ihre Vorfreude auf die Olympischen Spiele nächsten Sommer. Je näher dran sie leben - das neue Stadion in Stratford liegt im ärmsten Stadtbezirk -, desto galliger die Stimmung.
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Das Stadion der Olympischen Sommerspiele 2012 in London-Stratford - schon jetzt ein Besuchermagnet.

Eine Besonderheit von Großereignissen ist, dass sie bereits vor Austragung Kollateralschäden anrichten. Olympische Spiele sind Großereignisse, und Begleitschäden richten sie vor dem ersten Wettkampf in London tatsächlich an, wo sich nächsten Juli, wie es so schön heißt, die Jugend der Welt zum Kräftemessen trifft.

Schon heute ist vieles neu an der U-Bahn-Station Stratford im Osten der Stadt. Stratford gehört zum Bezirk Newham. Der liegt unweit des alten Hafengebiets und des City Airports, der vor gut 20 Jahren gebaut wurde, damit die Banker in der Quadratmeile des Geldes noch schneller ihr Unheil verrichten können. Manches wirkt wie in Ostdeutschland in den ersten Jahren nach dem Mauerfall: neue Straßen, neue Gebäude, neue Tank- und Bushaltestellen, selbst die Bäume hängen mancherorts noch in den Seilen, weil sie eben erst angesetzt wurden.

Werbung für ein Einkaufszentrum

Maria und Larissa sind die ersten, die ich auf Olympia 2012 anspreche. Ihre U-Bahn-Uniform weckt Hoffnung auf Ortskenntnis und Auskunft zu den Schauplätzen der Spiele, von denen sich viele im Radius weniger Kilometer um den Bahnhof befinden. Maria ist seit zwei Jahren, Larissa seit sieben Monaten in der Stadt. Beide kommen aus Rumänien, finden das Leben in London »auch ohne Olympische Spiele dreimal interessanter als in der Heimat«. Sie kennen Wege und Verkehrsverbindungen zu den Wettkampfstätten, empfehlen mir als erstes aber »einen Besuch im Einkaufszentrum Westfield. Das ist gerade erst eröffnet worden und das größte in Europa.«

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Abteilungsleiterin Kirsten Lindemann: Newham ist unter allen Londoner Gemeinden die ärmste.

Die 43-jährige Kirsten Lindemann aus Dortmund muss das kurz darauf nur geringfügig geraderücken: das größte Europas in den Grenzen einer Großstadt. Frau Lindemann hat zwei Jahrzehnte in der internationalen Hotellerie gearbeitet, ehe sie vor Monaten als Abteilungsleiterin Catering im Kaufhaus John Lewis begann, dem größten Einzelunternehmen in Westfield. Von der obersten Verkaufsetage bei John Lewis, der größten britischen Kaufhauskette, offizieller Partner der Spiele 2012 und als Unternehmen im Besitz seiner Mitarbeiter, hat man einen grandiosen Blick auf den Olympiapark, in dem das Stadion, das verwegen aussehende Wassersportzentrum und der im Bau befindliche rote Aussichtsturm »The Orbit« herausragen. Das Stadion selbst ist fertig, und auch die sonstigen Arbeiten liegen im Zeitplan.

»Wer sich nicht freut, ist nicht bei Trost«

Kirsten Lindemann, eine bodenständige, kritische Frau, die sich in London »der Freundlichkeit der Menschen wegen sehr wohlfühlt«, weiß Bescheid, in welchem sozialen Umfeld sich das jüngste John-Lewis-Haus bewegt: »40 Prozent aller Mitarbeiter kamen direkt aus der Arbeitslosigkeit. Für sie ist die Sanierung eines Gebiets, das noch vor wenigen Jahren weithin Ödland und vergiftete Industriebrache war, ein zählbarer Gewinn. Der Bezirk Newham ist unter allen Londoner Gemeinden der ärmste. Hier ist die Jugendarbeitslosigkeit unter 24 am höchsten, und wie ernst die Lage für viele ist, können Sie auch daran sehen, dass sich John Lewis neulich verpflichtete, allen Schülern einer Klasse, die aus besonders armen Verhältnissen kommen, fünf Jahre das Frühstück in der Schule zu bezahlen.«

Der Borough of Newham zählt eine Viertelmillion Einwohner. Neben Brent im Nordwesten ist er einer von zwei Bezirken Londons, in denen ethnische Minderheiten (35 Prozent Asiaten, 20 Prozent Schwarze) die Bevölkerungsmehrheit stellen - ein Fakt, der sich auch im Shopping Centre Westfield vermittelt. Alwin Xavier (50), ein Schwarzer, der als Briefträger im West End arbeitet und seit Langem in Newham wohnt, freut sich auf Olympia. »Wer das nicht tut, kann nicht ganz bei Trost sein.«

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Straßenfeger James Kiely: Die Spiele werden dem Stadtbezirk gut tun.

Ähnlich sieht es James Kiely (27), Straßenfeger vor einem Parkhaus des Westfield-Komplexes. Er glaubt, die Austragung der Spiele werde »dem Stadtbezirk gut tun«. Er habe im Bekanntenkreis festgestellt, »dass die Jüngeren Olympia begrüßen, während Ältere Ängste hegen«.

»Für die Einheimischen eine Zumutung«

Die Olympia-Organisatoren um den Mittelstrecken-Olympiasieger Sebastian Coe, der fünf Jahre als Parlamentsabgeordneter der Konservativen in Westminster saß, betonen natürlich den »langfristigen Nutzen der Bauten des Olympiaparks für London wie für das Vereinigte Königreich - es gibt neue Sportmöglichkeiten, Wohnungen und Häuser sowie Geschäfts- und Transportverbindungen innerhalb einer völlig neu geschaffenen urbanen Parklandschaft«. Diese Aussicht lässt sich auch beim Rundblick von der »View Tube« ahnen, einem kleinen Hügel nahe der Bahnstation Pudding Mill Lane, wo es neben Fernrohren und einem Café schon Souvenirs mit den hässlichen und überteuerten Devotionalien zu Olympia 2012 gibt.

Zwei Kilometer weiter, in der High Street, dem Verkehrs- und Einkaufszentrum des alten Stratford, wo um die Mittagszeit übliches Londoner Gewusel herrscht, im schäbigen Ortskern sind keine Hymnen auf die Spiele zu hören. Ein 72-Jähriger, der sich als John vorstellt, »lange in der Army, auch in Deutschland war« und vorm Rathaus die Teilnehmer eines Treffens der Anonymen Alkoholiker begrüßt, gewinnt Olympia wenig Erfreuliches ab. »Ich habe mein Leben in Newham verbracht, aber in den letzten vier Wochen habe selbst ich mich hier nicht mehr zurechtgefunden. Jeden Tag waren Bushaltestellen verlegt, bis der Nahverkehr zuletzt mehrfach ganz zusammenbrach. Für die Einheimischen eine Zumutung!«

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Arbeitslose Florence und Sohn Mike: Wir haben nichts von Olympia.

Florence (34), als Achtjährige aus Ghana nach Britannien gekommen, sagt - und es klingt wie ein Echo dessen, was John zuvor erklärt hatte: »Olympia bedeutet für uns hier jede Menge Umsturz, und wir haben nichts davon. Die Busse fahren nicht, wie sie sollen, die Gemeindesteuern steigen, die Eintrittspreise für Olympiawettkämpfe sind für uns jenseits von Gut und Böse, und es gibt keinerlei Preisnachlässe oder Karten auch nur für einen Wettkampf für unsere Kinder.«

Straßenkrawalle habe es im August in Stratford nicht gegeben, sagt Florence. »Aber nach der ersten schlimmen Randale in Tottenham hatten wir mehrere Tage massiv Polizei.« Florence, die bis Februar als Angestellte gearbeitet hat und wegen einer Krankheit ihrer Tochter seitdem zu Hause bleiben muss, hat wie alle Passanten, mit denen man über die Krawalle vom Sommer spricht, kein Verständnis für die »Riots«. »Das war sinnlose Gewalt. Sie hat mich schockiert. Es gibt andere Wege, soziale Anliegen - soweit sie die Randalierer überhaupt hatten - vorzutragen.«

»Die Millionen sind verschwendet«

Garry Walker (55), den ich im Hof der anglikanischen Kirche von St. John’s treffe, scheint nur auf die Chance gewartet zu haben, seinen Ärger abzureagieren. Der Computerfachmann, der der Kirche an Wochenenden bei Schreibarbeiten hilft, lebt seit 15 Jahren in Newham und ist nicht gewillt, den Spielen in Stratford einen Funken Gutes abzugewinnen. »Die Millionen, die dafür ausgegeben werden, sind verschwendet. Gleich gar nicht glaube ich an bleibende Werte. Und das Allerletzte, woran ich glaube, ist die Aufwertung des Viertels durch die Spiele. Allenfalls werden Olympia und Westfield die Einheimischen verdrängen, weil sie sich das Leben hier nicht länger leisten können.« Sagt Garry, drückt seine Zigarette vor St. John’s aus und macht sich wieder an den Computer. Olympia entzweit London, jedenfalls in dem Teil, wo die Spiele über die Bühne gehen.

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