Sprungmarken: Inhalt, Navigation.
Suchen auf neues-deutschland.de:

Erweiterte Suche

Von Angelika Graf 29.10.2011 / Debatte

Eine Crackpfeife ist kein Feierabendbier!

1
Angelika Graf, geb. 1947 in München, ist die Drogenbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion und Vorsitzende der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60 plus.

Die Entkriminalisierung von Süchtigen ist ein richtiger Ansatz, die Legalisierung harter Drogen muss jedoch als ein verhängnisvoller und fahrlässiger Irrweg betrachtet werden. Fest steht: Eine Suchterkrankung kann nicht durch die Polizei geheilt werden. Süchtige brauchen mehr Unterstützung und Hilfsangebote, um aus der Sucht herauszukommen oder notfalls mit ihrer Sucht zu leben. Die SPD verfolgt diesen Ansatz seit langem. So haben wir etwa im Jahr 2002 die diamorphingestützte Substitutionsbehandlung für schwerstkranke Opiatabhängige als Modellprojekt gestartet und 2003 mit dem »Aktionsplan Drogen und Sucht« den Ansatz der Schadensreduzierung und Überlebenshilfe als eigenständige Säule der Drogenpolitik eingeführt. In diesem Rahmen sind beispielsweise Drogenkonsumräume in den Bundesländern entstanden - leider noch nicht in allen. Zuletzt hat der Bundestag die Übernahme einer streng reglementierten Heroinabgabe an Schwerstabhängige in die Regelversorgung beschlossen. Das alles war ohne eine Legalisierung harter Drogen möglich.

Eine Legalisierung kann den völligen Verzicht auf jede staatliche Kontrolle bedeuten. Diese Art der Legalisierung würde vor allem dem Drogenhandel nützen. Für die Entkriminalisierung Süchtiger andererseits ist eine generelle Legalisierung keine Voraussetzung, wie die bestehenden und ausbauwürdigen Regelungen belegen.

Eine staatlich kontrollierte Abgabe harter Drogen würde zwar die Gefahr, dass diese unreine Mittel enthalten, reduzieren. Das kann allerdings zu einem fahrlässigen Gefühl der Sicherheit führen und zu dem Eindruck, für den Konsum solcher harter Drogen gäbe es eine Erlaubnis - nach dem Motto: »staatlich geprüft und für gut befunden«. Die zerstörerische und bei einer Überdosierung tödliche Wirkung der harten Drogen und ihr oft massives Abhängigkeitspotenzial können dadurch unterschätzt werden.

Möglichkeiten, Süchtige mit der Information über Hilfsangebote direkt zu erreichen, gibt es bereits mit den weiter auszubauenden Drogenkonsumräumen. Ausgewählte Modellprojekte zum Drugchecking für Abhängige - Projekte, die mit Beratung kombiniert werden - sollten ebenso in Betracht gezogen werden.

Wesentliche Probleme würden durch eine undifferenzierte Freigabe von Drogen nicht gelöst. Die perspektivische Existenzvernichtung, die viele Dauerkonsumenten harter Drogen erleben, bliebe bestehen - gesundheitliche und finanzielle Probleme, Arbeitsplatzverlust, Vereinsamung. Im Unterschied zur Substitutionstherapie fände keine Begleitung der Süchtigen statt. Das Signal, das von einer generellen Legalisierung harter Drogen ausginge, wäre zudem eines der Verharmlosung. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Drogen - von der Rauschwirkung bis zur Suchtgefahr - würden verwischt. Zigaretten und Alkohol sind ebenfalls schädlich, Raucher setzen mit ihrer Sucht in der Regel aber nicht ihre wirtschaftliche und soziale Existenz aufs Spiel - Cracksüchtige schon. Wer ein Bier trinkt, wird davon nicht zum Alkoholiker - bei Heroin oder Crystal kann bereits der erste Konsum direkt in die Sucht führen.

Wegen der hohen Suchtgefahr halte ich es für gefährlich, die Verfügbarkeit harter Drogen erleichtern zu wollen. Es steht für mich außer Frage, dass eine Legalisierung eine deutliche Erhöhung der Zahl der Erstkonsumenten und damit der Süchtigen zur Folge hätte. Auch diejenigen, die einen Gang zum Dealer scheuen oder gar keinen kennen, könnten problemlos harte Drogen erhalten.

Wer den Weg der Legalisierung harter Drogen gehen will, muss die Konsequenzen bedenken. Wenn harte Drogen auf eine Ebene mit Alkohol und Tabak gehoben werden sollen, warum sollen dann Crystal, Heroin, Kokain und Ecstasy nicht offiziell in Clubs oder Kneipen oder am Kiosk erhältlich sein? Wer legalisieren will, kann nicht nur »ein bisschen« legalisieren.

Die Alternative zur Legalisierung von harten Drogen ist die Entkriminalisierung der Süchtigen. Diese müssen wir vorantreiben, auch bei der weichen Droge Cannabis, wo wir eine bundeseinheitliche »Geringe-Mengen-Regelung« bezüglich der Straffreiheit brauchen. Entkriminalisierung ist aber etwas anderes als Legalisierung.

Ich halte es für keinen guten Trend, wenn Politik sich durch eine alles zulassende Drogenpolitik als modern, jugendlich und »spaßfreundlich« inszenieren will, um insbesondere für junge Leute attraktiver zu wirken. Psychosen und Wahnvorstellungen, Zahnausfall, Herzstillstand sowie Vereinsamung - alles Folgen von harten Drogen - sind aber kein Ausdruck einer Spaßkultur. Die Aufgabe der Politik ist es, zu differenzieren, aufzuklären, zu warnen, zu schützen und Betroffenen Hilfe zu leisten.

Streitfrage: Sollen sogenannte harte Drogen legalisiert werden?

Auf ihrem Parteitag in Erfurt beschloss DIE LINKE unter anderem die Legalisierung bzw. die kontrollierte Abgabe sogenannter harter Drogen wie Heroin oder Kokain an Süchtige. Kurz darauf gab es Kritik von verschiedenen Seiten, auch innerhalb der Partei. Tatsächlich könnte der umstrittene Beschluss auch als Reaktion darauf verstanden werden, dass im gegenwärtigen Deutschland die Verwendung von Rauschmitteln jeder Art zum Alltag gehört. Spuren »harter« Drogen finden sich heute nicht nur auf dem Bahnhofsklo, sondern auch auf Bundestagstoiletten. Man könnte also fragen, ob es nicht an der Zeit wäre...

Beiträge dieser Debatte:

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

1 Kommentar zu diesem Artikel

Kommentar schreiben (Login erforderlich)
  • SukramNatuscha, 23. Nov 2011 15:07

    Unüberlegt!

    Die Strafverfolgung von selbstschädigenden Individuen widerspricht dem Grundgesetz. Ihre gestarteten Modelle zur Schadensminimierung sind unzureichend. Sie setzen eine Legalisierung harter Drogen mit einer stark steigenden Konsumentenanzahl gleich, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass Menschen keine gedankenlosen Wesen sind, die sich todesmutig in Gefahr bringen und keine Ziele im Leben haben. Drogensüchtige haben i.d.R. einen Suchthintergrund. Und (exessive) Konsumenten harter Drogen (Ecstacy ist KEINE harte Droge!) haben auch aus verschiedensten Gründen zu diesen Suchtmitteln gegriffen
    (keine Lebensperspektive, massive familiäre Probleme, soziales Umfeld usw.). Diesen Suchtkranken muss Hilfe bereitgestellt werden. Auf die Konsumfreude der Bürger gibt es auch andere Einflüsse als das Strafrecht. Ihre einseitig aufgestellte "Drogenfreigabe=starke Konsumzunahme-Gleichung" ist aus Sicht der Volkswirtschaft, Psychologie, Soziologie irreführend und nur halbherzig gedacht. Natürlich sollen die derzeit illegalen Drogen nicht so verharmlost werden wie Nikotin und Alkohol und natürlich sollen diese Rauschmittel nicht bunt im Supermarkt aufgestellt sein. Und deshalb gibt es natürlich auch verschiedene Wege der Legalisierung! (siehe Alkoholpolitik Norwegen)
    Ehrliche Aufklärung, die Abwägung von Risiken und damit einhergehend die aufgestellten Freigabebeschränkungen würden die Gefahren senken. Die Stärkung von eigenverantwortlichem Handeln sowie die Übertragung von Vertrauen zu den Bürgern unserer demokratisch-freiheitlichen Gesellschaftform sind keine Fehler. Trotz der Spaßgesellschaft und der risikoreichen Lebensführung mancher Menschen ist der "Otto Normalverbraucher" ein Mensch, der in seinem Leben andere Prioritäten hat (Familie, Kinder, Arbeit, Sport) und somit auch niemals ungehemmt seine Gesundheit aufs Spiel setzt. Die Legalisierung von "nicht harten Drogen" ist überfällig, die Verfügbarkeit und vor allem Reinheit "harter Drogen" lässt sich legal besser steuern.

    • Permalink

Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Ihre Meinung zu diesem Artikel

Frisch gebloggt
26.05.2012 | Marcus Meier

Sind Frauen die besseren Politiker?

24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

Änderungen in der nd-Community

Alle Blogs

Facebook
Twitter

Zum Shop

Vernetzung

»nd in der Schule«

Medienkompetenz und politische Bildung
nd-Sonderbeilagen

Beilagenplan 2012

Die Sonder- veröffentlichungen in der Übersicht
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.
Sprungmarken: Seitenanfang, Navigation.

Werbung:

Werbung:

Sprungmarken: Seitenanfang.