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Von Bernd Kammer 04.11.2011 / Berlin / Brandenburg

Forscher und Mahner

Zum Tode des Stadtsoziologen Hartmut Häußermann

»Die kulturelle Revolution der Viertel frisst ihre Kinder«, schrieb Hartmut Häußermann. Besser konnte man es wohl kaum auf den Punkt bringen, was in Vierteln wie Prenzlauer Berg, Friedrichshain und jetzt vielleicht Nord-Neukölln passiert. Viele junge Menschen - Studenten, Künstler - ziehen in die Kieze mit modernisierungsbedürftigen Wohnungen. Für Investoren werden die Gebiete attraktiv, sie sanieren, und die Mieten steigen. Die ärmeren »Pionier-Wohner« werden verdrängt, mit laut Häußermann oft auch »nicht ganz legalen Mitteln«. Für die Stadtpolitik gebe es zwar nur wenige Möglichkeiten, diesen Aufwertungstrend zu steuern, aber die, die sie habe, »könnten durchaus stärker genutzt werden«.

Diese Stimme der Mahnung wird künftig fehlen, und nicht nur in dieser Stadt. Der Soziologe Hartmut Häußermann ist Anfang der Woche im Alter von 68 Jahren nach schwerer Krankheit verstorben. Mit ihm verliert Deutschland einen seiner profiliertesten Stadtforscher. Von 1993 bis zu seiner Emeritierung 2008 lehrte und forschte er als Professor für Stadt- und Regionalsoziologie an der Humboldt-Uni. In den 60er Jahren hatte er auch in Berlin studiert, als AStA-Vorsitzender an der Freien Universität Berlin organisierte er mit Rudi Dutschke die Studentenproteste.

»Häußermann war einer der bekanntesten - wenn nicht der bekannteste - Vertreter der Stadtsoziologie in Deutschland und seine Arbeit inspirierte Generationen von Studierenden und jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern«, sagte Professorin Talja Blokland, die »seinen« Lehrstuhl am Institut für Soziologie der Humboldt-Uni vor drei Jahren von ihm übernommen hatte. Mit seinem unermüdlichen Engagement habe er stadtpolitische Diskussionen insbesondere in Berlin geprägt und immer daran erinnert, dass Stadtentwicklung nicht losgelöst von sozialen Fragen betrachtet werden kann.

So hat er auch früh die wachsende soziale Kluft in deutschen Großstädten erkannt, zugleich aber vor Panikmache gewarnt. Im nd-Interview kritisierte er die soziale Polarisierung, plädierte aber auch für die Schaffung von Wohnraum für Einkommensstärkere.

Bissig konnte der Stadtforscher die Entwicklung Berlins nach dem Mauerfall beschreiben. »Stadtsimulation« nannte er etwa den heutigen Potsdamer Platz, am Kudamm sah er nicht viel mehr als »hochkreativen Konsum«, die City West als vermeintlich zweites Stadtzentrum fand er einfach nur »lächerlich«. Als in Prenzlauer Berg Plakate gegen zugezogene Schwaben auftauchten, wunderte sich der gebürtiger Schwabe, der nun am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg wohnte, über das »provinzielle Bewusstsein«.

Ob es um den Wandel ganzer Stadtteile durch den Zuzug von Besserverdienern ging, um die Verdrängung alteingesessener Mieter oder um die Flut von Shoppingmeilen in den Innenstädten - Häußermann beurteilte diese Entwicklungen kritisch, sah aber Metropolen nicht als fest gefügte Gebilde. Eine auf Jahrzehnte zementierte »Kiezkultur« lehnte er ebenso ab wie die Unterwerfung des Wohnungsbaus unter rein wirtschaftliche Erwägungen. Städte, sagte er, hätten aber zunehmend ihre Rolle als Ort der sozialen Integration verloren.

Der Stadtforscher führte die Debatte nicht nur theoretisch. Eng mit seinem Namen wird das »Quartiersmanagement« verbunden bleiben, mit dem die sozialen Gegensätze in den Kiezen durch gezielte Maßnahmen abgefedert werden sollten. Grundlage dafür war 1998 eine Untersuchung im Auftrag des Senats über die sozialräumliche Entwicklung in Berlin. Das Programm wurde an bisher 33 Brennpunkten in Berlin umgesetzt. Häußermann formulierte Empfehlungen für ein »Monitoring Soziale Stadtentwicklung«, das heute dem Senat als Frühwarnsystem für soziale Fehlentwicklungen dient. Mit dem Tod Professor Häußermanns »verlieren wir einen wichtigen Mitstreiter im Kampf für den sozialen Zusammenhalt in unserer Berliner Stadtgesellschaft«, zeigte sich Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) gestern tief betroffen.

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