Von Marcus Meier, Düsseldorf
12.11.2011

Anleger werden noch immer ausgenommen

Gewerkschafter und Verbraucherschützer fordern einen Finanz-TÜV

Bankkunden werden bei der Geldanlage immer noch schlecht beraten - auch im Jahr vier der Finanzkrise. Darüber sind sich der DGB und die Verbraucherzentralen einig, wie gestern in einem Fachgespräch im Düsseldorfer DGB-Haus deutlich wurde.

Der Fall ging kürzlich durch die Medien. Einer 87-jährigen Dortmunderin wurden 2008 komplizierte Fonds-Anlagen mit 20 Jahren Laufzeit angedreht. »Ein gutes Beispiel, wie die Verhältnisse in der Branche sind«, berichtete Roman Eberle, bei ver.di NRW zuständig für Finanzdienstleister. »Der Kollege, der das Produkt verkaufte, hatte bestimmt ein superschlechtes Gewissen, aber der Druck war wohl zu groß.« Dicke Provisionen kassiert habe die Bank, nicht der Berater, betonte Eberle. Nicht nur zwischen den Mitarbeitern, sondern auch zwischen einzelnen Filialen werde der Wettbewerb geschürt: Wer ist am besten dabei, umstrittene Produkte »abzuverkaufen«? »Der Kunde wird ausgenommen wie eine Weihnachtsgans«, Mitarbeiter würden gedemütigt und bedroht.

Noch begegnen sich Kunde und Berater in der Realität nicht auf Augenhöhe, klagte Klaus Müller, Vorstand der Verbraucherzentrale NRW. Viele Kunden überließen Entscheidungen dem Bankberater. Der jedoch führe kein klassisches Beratungs-, sondern ein Verkaufsgespräch. Müller forderte mehr Transparenz, mehr bankunabhängige Beratung - und eine Umkehrung der Beweislast zu Ungunsten der Banken.

An Finanzmärkten sei ein »generelles Umschwenken notwendig«, betonte der grüne Landes-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel. Bisher habe es nur Teilverbesserungen gegeben. Beschäftigte stünden zu Unrecht in der Kritik. Schuld sei der Provisionsdruck - hinter dem »eine Systematik« stehe, die nach der Krise sogar noch zugenommen habe.

Kontrovers diskutiert wurde der Einsatz verdeckter Ermittler in der Finanzbranche, wie er in der Aufsichtsbehörde BaFin erwogen wird. Für Remmel ist dies eine »durchaus geeignete Erkenntnisquelle«, um Fehlentwicklungen zu entdecken. Der Betriebsratschef der Sparkasse einer Ruhr-Großstadt forderte dagegen, die Bankberater nicht an den Pranger zu stellen. »In den Knast gesteckt werden« sollten die Bankvorstände. »Sie glauben nicht, wie schnell der Druck auf die Beschäftigten abnehmen würde.« Derzeit spreche der Sparkassenverband DSGV Empfehlungen aus, die sich nicht von der schlechten Praxis der Privatbanken unterscheiden, so der Betriebsrat. Vertriebsstarke Mitarbeiter würden mit Reisen belohnt, von oben werde eine Neiddiskussion geschürt. Ver.di-Funktionär Eberle berichtete, dass der Arbeitgeberverband der Genossenschaftsbanken mit Pseudogewerkschaften eine Leistungskomponente eingeführt habe, die bis zu zwei Monatsgehälter umfasse.

Einig waren sich die Redner in der Forderung nach einem »Finanz-TÜV«, einer bei der BaFin angesiedelten zentralen Aufsichtsbehörde. »Kein Produkt ohne Zulassung und Aufsicht«, betonte Claus Matecki vom DGB-Bundesvorstand.


Lexikon

Eine Provision ist ein meist als Prozentsatz berechnetes Entgelt für eine Verkaufs- oder Vermittlungstätigkeit. Es wird im Finanzbereich üblicherweise vom Kunden über eine Bank oder Versicherungsgesellschaft an den Vermittler (etwa einen Makler oder eine Agentur) gezahlt. Banken und Sparkassen sind per Gesetz verpflichtet, Provisionen bei Kommissionsgeschäften offenzulegen. In der Praxis geschieht dies häufig nur lückenhaft. nd

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