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Von Gunnar Decker 17.11.2011 / Kino & Film

Der Brückenbauer

»Wandlungen – Richard Wilhelm und das I Ging« von Bettina Wilhelm

Hermann Hesse schrieb über ihn, er sei »ein Vorläufer und ein Vorbild, ein Mensch der Harmonie, der Synthese zwischen Ost und West, zwischen Sammlung und Aktivität«. Gemeint ist Richard Wilhelm, der als junger Missionar 1899 nach China kam - jedoch nie einen Chinesen getauft hat. Vielmehr zeigt er sich von der alten chinesischen Kultur fasziniert, übersetzt Konfuzius, Laotse und das wichtige Buch des Daoismus »I Ging. Das Buch der Wandlungen«. Wilhelm gehört zu den frühen Kulturvermittlern zwischen östlichem und westlichem Denken, tritt später in einen engen geistigen Austausch mit C.G. Jung. Auf der Suche nach den »Rätselfragen der Menschheit« ist nun auch diese minutiös von Lebensstation zu Lebensstation gehende Filmdokumentation.

Sympathisch erscheint an »Wandlungen - Richard Wilhelm und das I Ging«, durchaus ein Stück deutscher Kolonialgeschichte im Gewand von Missionsgeschichte spiegelnd, der biografische Zugang der Filmemacherin: Bettina Wilhelm ist die Enkelin auf den Spuren des Großvaters. Wandlungen: Am Anfang der typische Weg eines württembergischen Kirchenkaders - Tübinger Stift, Kontakt zum legendären Pfarrer Blumhardt in Bad Boll (Wunderheiler, Exorzist und einer der ersten Landtagsabgeordneten der SPD), dessen Tochter er schließlich heiratet. Dann der Weg des christlichen Missionars in das deutschen Kolonialgebiet in China, wo er ein Hospital baute und eine Schule gründete, die heute seinen Namen trägt. Seine Büste steht vor dem Gebäude - man schätzt Wilhelm im modernen China, eben weil er nicht als Kolonisierer hierher kam, sondern als Brückenbauer zwischen den Welten. Aus dem sich im Besitz der Wahrheit Dünkenden war schnell ein Lernender in einer fremden Kultur geworden, der die chinesische Sprache so zu beherrschen lernte, dass er die wichtigen Bücher der chinesischen Weisheit ins Deutsche zu übertragen vermochte.

Doch die imperialen Interessen der Weltmächte holen auch den von einer Kultursynthese aus östlichem und westlichen Geist träumenden Richard Wilhelm immer wieder ein. Die brutale Niederschlagung des Boxeraufstandes 1901 durch deutsche Truppen - ein Schock. 1911 endet das chinesische Kaiserreich, Angehörige der alten Elite flüchten in das deutsche Gebiet. Zugleich beginnt der Aufbruch der Republik China in die Moderne. Beide zugleich faszinieren Wilhelm: die Hüter der Traditionen ebenso wie die Aktivisten des Fortschritts.

Bettina Wilhelm, selbst noch in China geboren, besucht mit der Kamera die Orte ihrer Kindheit - und findet überall Baustellen. Die alten Stadtgebiete weichen gesichtslos modernen Hochhäusern und Einkaufszentren, wie sie auch in New York, Frankfurt am Main oder Moskau stehen könnten. Diese von Stefan Zweig bereits vor einem Menschenalter beklagte »Monotonisierung der Welt« ist das Gegenteil der von Richard Wilhelm gewollten Kultursynthese.

In den 20er Jahren endgültig nach Deutschland zurückgekehrt, übernahm Wilhelm den Lehrstuhl für Chinakunde in Frankfurt am Main, wurde dabei von der akademischen Sinologie immer wieder attackiert, weil er sich stärker auf Intuition und Erfahrung verließ als seine akademischen Kollegen. Im Umfeld von Graf Keyserlings »Schule der Weisheit«, in dem er sich bewegte, sah er sich ebenso wie C.G. Jung dem Vorwurf der Esoterik ausgesetzt. Der Film urteilt hierüber nicht, er erzählt vielmehr eine ungewöhnliche Lebensgeschichte aus der aufschlussreichen Doppelperspektive der Enkelin und der filmischen Chronistin. Wilhelm selbst starb 1930 an den Folgen einer verschleppten Tropenkrankheit.

Hermann Hesse hatte ihm noch im Dezember 1929 zustimmend geschrieben: »Wenn ich die paar großen geistigen Erlebnisse beichten sollte, die mir zuteil geworden sind, so wären es Nietzsche, Indien (Bhagavad Gita und die Upanishaden), Ihr Chinawerk und etwa noch die Berührung mit den Anregungen Freuds und Jungs.«

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