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Geht es den deutschen Studenten ganz gut?

Elitenforscher Michael Hartmann über die weltweiten Bildungsproteste

Am Donnerstag gingen in Deutschland Tausende von Studierenden auf die Straße, um gegen die Mängel im Bildungssystem zu demonstrieren. Studentenproteste gibt es derzeit weltweit. Allen gemein ist die Angst der jungen Generation vor einer unsicheren sozialen und beruflichen Zukunft. Über Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Proteste sprach Jens Wernicke für »nd« mit dem Darmstädter Soziologen und Elitenforscher Michael Hartmann
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Michael Hartmann

ND: Herr Hartmann, haben die Proteste von Schülern und Studierenden an so unterschiedlichen Orten weltweit Ihrer Einschätzung nach etwas miteinander gemein?
Hartmann: Ja. Die Gemeinsamkeit der Proteste ist die Angst um die eigene Zukunft der Protestierenden. Die konkreten Anlässe und Ziele unterscheiden sich jedoch.

Inwiefern?
Nun, in Chile und Großbritannien geht es beispielsweise in erster Linie um die Kosten des Studiums. In Chile ist ein Studium aufgrund der umfassenden Privatisierung des Bildungsbereichs unter Militärdiktator Pinochet schon seit den 1970er Jahren ein Privileg der Wohlhabenden und Reichen. Die Protestierenden wollen das nun ändern, den Zugang zum Studium durch ein weitgehend kostenloses öffentliches Bildungssystem ermöglichen. In Großbritannien sind die durch einen Beschluss der Regierung Cameron drastisch gestiegenen Studiengebühren, von 3000 (rund 3500 Euro) auf jetzt durchschnittlich 8500 Pfund, das Hauptthema. Die Jugendlichen haben Angst, diese Kosten nicht aufbringen zu können.

Und in den USA und anderen Ländern?
Auch in den USA spielen die Kosten eine Rolle. Die öffentlichen Universitäten, die früher deutlich geringere Studiengebühren nahmen als die privaten Universitäten, werden immer teurer. Da die staatlichen Mittel stark gekürzt werden, in Kalifornien z.B. um ein Fünftel, suchen die Hochschulen nun nach anderen Einnahmequellen. So haben die bekannten kalifornischen Universitäten - wie etwa Berkeley - die Studiengebühren in den letzten fünf Jahren verdoppelt, auf nun 12 000 Dollar, umgerechnet 8900 Euro. Das reicht ihnen aber immer noch nicht. Sie versuchen außerdem, möglichst viele Studierende von außerhalb Kaliforniens zu gewinnen; denn von Bewerbern aus den anderen US-Bundesstaaten oder von Ausländern können dreimal höhere Gebühren verlangt werden. Die Einnahmen aus Studiengebühren machen im Haushalt dieser Unis inzwischen einen genauso großen Posten aus wie die öffentlichen Mittel. Dazu kommt bei den Protestierenden in den USA aber auch die Angst, die enormen Schulden durch die erforderlichen Studienkredite aufgrund der schlechten Lage am Arbeitsmarkt nicht zurückzahlen zu können. Bei den Jugendlichen in Spanien und Griechenland hingegen stehen die schlechten Berufsperspektiven ganz eindeutig im Mittelpunkt der Proteste. Man ist gut ausgebildet, findet aber keinen Job. Durch die Haushaltskürzungen der letzten Zeit hat sich dieses Problem noch enorm verschärft.

Das heißt, bei den Protesten allerorten wird vor allem über Zukunftschancen »verhandelt«, die jungen Leute wollen mehr Perspektive und Sicherheit? Warum?
Die massive Wirtschaftskrise hat die Perspektiven in den meisten Ländern drastisch verschlechtert. Dazu kommt, dass es immer mehr Absolventen höherer Bildungsgänge gibt, die damit rechnen müssen, entweder überhaupt keinen Job zu bekommen oder aber nur einen unterhalb ihres Qualifikationsniveaus. Das ist besonders problematisch, wenn man sich für ein Studium zuvor hat hoch verschulden müssen. Dann hat man die Schulden, kann sie aber nicht zurückzahlen. Das trifft in erster Linie auf die USA zu, treibt aber auch in Großbritannien die Menschen auf die Straße.

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Welche Perspektive bietet ein Hochschulstudium überhaupt noch?

Und wie sieht es in Deutschland aus?
In Deutschland ist die Lage diesbezüglich trotz aller Probleme noch vergleichsweise gut. Es gibt eine relativ geringe Jugendarbeitslosigkeit von unter 10 Prozent, verglichen mit beispielsweise fast 40 Prozent in Spanien. Auch die Berufsperspektiven sind für die meisten Studierenden noch gut oder zumindest akzeptabel. Zwar erreicht nur noch eine Minderheit nach dem Studium die Einkommen und Positionen, die früher für Akademiker üblich waren. Das ist nicht überraschend, wenn ein Drittel eines Jahrgangs studiert und nicht mehr fünf oder sechs Prozent wie noch bis in die 1960er Jahre. An die Stelle des klassischen Akademikers ist der Hochschulabsolvent getreten, der keinen eigenen Sozialtypus mehr darstellt, sondern in vielerlei Hinsicht ein normaler Beschäftigter ist. Dennoch verdient die Mehrheit von ihnen immer noch überdurchschnittlich und die Arbeitslosigkeit liegt deutlich unter dem Durchschnitt.

Den deutschen Studierenden geht es also eigentlich ganz gut?
Nein, das will ich nicht sagen. Das Bildungssystem ist sozial immer noch sehr selektiv und angesichts doppelter Abiturjahrgänge und der Aussetzung des Wehr- und Ersatzdienstes macht sich die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen deutlich bemerkbar. Auch nehmen die psychischen Probleme unter Studierenden aufgrund des wachsenden Drucks zu. Verglichen mit den südeuropäischen Ländern oder den USA, Großbritannien und Chile sind die Probleme aber nicht so existenziell.

Wie beurteilen Sie denn die Bildungsproteste hierzulande?
Diese Proteste haben einen wichtigen Erfolg gebracht. Die Studiengebühren sind ein Auslaufmodell, zumindest für die nächsten zehn Jahre. Aufgrund der starken Bewegung traut sich kaum noch ein Politiker, offensiv für sie zu werben. In allen anderen Fragen ist die Bilanz aber weniger positiv. Die Proteste haben dort relativ wenig erreicht. Es gibt keine durchgreifende Verbesserung der Studiensituation, weil die öffentlichen Mittel mit dem Anwachsen der Studierendenzahl nicht Schritt halten, und die vollmundigen Versprechungen vor der Einführung des Bachelor/Master-Modells haben sich auch bestenfalls zu einem ganz kleinen Teil erfüllt. All das zeigt, dass man nur mit massiven Protesten wirklich etwas ändern kann.

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