Mitunter kann es sehr lehrreich sein, Grünen beim Denken zuzuschauen. »Linke, Wissenschaft und Technik«-Kolumnist Marcus Meier hat genau das in diesen Tagen getan – er besuchte den »1. Verbraucherpolitischen Ratschlag« der NRW-Landtagsgrünen. Dort suchte man »Wege aus der Plunder- und Plündergesellschaft«. Immerhin: Wer genau hinhörte, konnte ein paar kapitalismuskritische Töne vernehmen.
Wir kaufen Dinge, um sie dann schnell wieder wegzuwerfen. Dabei stoßen wir an ökologische Grenzen: Klimawandel, Abholzung, Wasserverknappung, Verlust der Artenvielfalt. Wir sind in einer »Wachstumsideologie« verfallen. Und wir haben einen falschen Wohlstandsbegriff: Während die einen ihren Reichtum als Indikator für Erfolg und Wohlstand sähen, müssten sich die anderen ihrer materiellen Armut schämen. Das ist in etwa die Grundanalyse von Hans Christian Markert, dem Sprecher für Umwelt-, Verbraucherschutz- und Anti-Atom-Politik der grünen Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen.
Am Dienstag war der Parteilinke Gastgeber eines »Verbraucherpolitischen Ratschlages«, der »Wege aus der Plunder- und Plündergesellschaft« suchte. Dabei wurde zunächst »die Konsumentenseite« beleuchtet – denn zwar, so Markert, unterlägen Konsummuster einem komplexen Ursachen-Bündel, zwar sei der »Glaube an Selbstbeschränkung« falsch und naiv. Doch durch »strategischen Konsum« ließe sich »die Welt ein Stück weit verändern«. Er könne zudem ein »Vehikel der Politisierung« sein.
Markert hat gar einen neuen »grünen« Konsumentypus ausgemacht, der sich beispielsweise eher an der Langlebigkeit statt an der Vielzahl seiner Produkte ergötzt. Mit dieser Einschätzung steht der Grüne nicht alleine: Webseiten zum Thema ethischer, ökologischer, sozialer, nachhaltiger und fairer Konsum sprießen seit Jahren hervor wie die Maiglöckchen im Monat, der dem April folgt. Immer mehr Kleinstunternehmer bieten entsprechende Produkte an.
Und Wissenschaftler wie Aktivisten erfinden immer neue Begriffe, um vermeintliche oder tatsächliche neue Konsumententypen zu beschreiben: Zu den Postmaterialisten, die der Soziologe Ronald Inglehart bereits vor 20 Jahren besang, haben sich mittlerweile
Lohas und
Lovos gesellt, die einem »Lebensstil der Gesundheit und Nachhaltigkeit« respektive »der freiwilligen Einfachheit« frönen. Was immer das auch im Einzelfall genau bedeuten mag.
Das Interesse an solchen Phänomenen steigt offenbar auch, jedenfalls war der grüne Ratschlag gut besucht: Rund vierzig Grünen-Politiker aller Ebenen, aber auch Umweltaktivisten und einfache Bürger waren in den Saal E1 D06 des Düsseldorfer Landtages gekommen.
Erwartungsgemäß blieb dort der Aufruf zur Revolution oder zum Generalstreik der Konsumenten aus. Und doch ließ sich dort eine Menge über die real existierende kapitalistische Murkswirtschaft erfahren.
Das lag vor allem an den beiden geladenen Referenten. Der Regisseur Valentin Thurn stellte seinen Film
»Taste the Waste« vor, in dem er die massive Verschwendung von Lebensmitteln dokumentiert und anprangert. In der nördlichen Hemisphäre werde rund die Hälfte aller Lebensmittel weggeworfen. So würden schon beim Bauern Kartoffeln aussortiert, nur weil sie kleinere optische Mängel aufwiesen. Thurn spricht von einem »kosmetischen Perfektionswahn«. Auch der Handel werfe palettenweise Nahrungsmittel weg, weil deren Mindest(!)-Haltbarkeitsdatum abgelaufen sei.
Nein, sagte Thurn, in deutschen Supermärkten habe er nicht filmen dürfen. Die Informationsstrategie der Handelskonzerne sei nach seiner Erfahrung simpel: Zunächst würden sie behaupten, nie etwas wegzuwerfen. Wenn sich diese Position nicht mehr halten lasse, würde behauptet, die eigentlich noch essbaren Lebensmittel gingen an die Tafel-Vereine, wo sie an Bedürftige verteilt werden. Doch dafür sei die Menge des Weggeworfenen schlicht zu groß – es gibt laut Thurn bei uns schlicht nicht genügend Bedürftige, um all das zu absorbieren, was die Supermärkte an Lebensmitteln aussortieren.
Die »Nachfrage für die Tonne« erhöht jedoch die Weltmarktpreise der Nahrungsmittel. Das locke Spekulanten an. Die Hungernden zahlen die Zeche – beziehungsweise: eben nicht, weil sie sich den Kauf einer hinreichenden Menge Nahrungsmittel nicht mehr leisten können.
Klimagerechter Konsum?Klaus Müller, früher grüner Umwelt-Minister Schleswig-Holsteins, heute Chef der Verbraucherzentrale NRW, berichtet durchaus launig zum Thema »klimagerechter Konsum«. Der kommt leider noch nicht so richtig in Fahrt: Zwar finden 81 Prozent aller Deutschen es wichtig, einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten und 87 Prozent sind gar bereit, 10 Euro mehr im Monat für Ökostrom zu zahlen. Doch die Realität zeigt: Die wenigsten wechseln tatsächlich.
Das größte Klimaschutzpotenzial liegt für Müller bei der Wärmedämmung alter Häuser. Doch trotz vielfältiger finanzieller Anreize weise Deutschland eine jährliche Sanierungsrate von nur einem Prozent auf. Will meinen: Von hundert Häusern wird nur eines pro Jahr energetisch auf Vordermann gebracht. Müller führte das insbesondere auf das Mieter-Vermieter-Dilemma zurück: Der Mieter habe hohe Heizkosten, könne aber nichts ändern. Der Vermieter könnte sanieren, hat aber keinen wirklichen Anreiz dazu. Er muss ja nicht die Heizrechnung, wohl aber die Handwerker bezahlen.
»Da hat Rot-Grün sich im Bund nicht rangetraut«, resümierte Müller. Allerdings sei das Dilemma auch nicht einfach zu aufzulösen – eine praxistaugliche Antwort hält Müller jedenfalls für nobelpreiswürdig. Kleiner Tipp: Die Antwort hängt mal wieder mit der Eigentumsfrage zusammen...
Ein grüner Lokalpolitiker aus dem Bergischen Land berichtete derweil von ganz anderen Problemen mit der dortigen Immobilien-»Heuschrecke«: »Bei unseren
GAGFAH-Wohnungen reden wir eher über überflutete Keller als über Wärmedämmung!«
Auch was die Effizienz seiner Haushaltsgeräte betrifft, so schneidet Deutschland laut Müller europaweit mit am schlechtesten ab: Bei uns brummen beispielsweise die ältesten Kühlschränke. Doch wann eigentlich lohnt sich der Neukauf eines effizienteren Geräts? Will meinen: Wann ist es sinnvoller ein Gerät, dessen Herstellung Material und Energie verschlag, zu entsorgen durch ein neues, das ja ebenfalls nicht ökorrekt aus Adams Rippe geschnitten wird?
Wann ist der Zeitpunkt optimal? Irgendwann zwischen dem 15 und 18 Lebensjahr, sagte Müller. Wenn das Gerät denn so lange hält. Nicht nur der Verbraucherschützer klagt über die Kurzlebigkeit vieler Produkte, ein Problem, das er durch verlängerte Garantiezeiten und einen besseren Reparaturservice abgemildert sehen will.
Wenn es dann doch irgendwann ein Neukauf ansteht, baut sich die nächste Hürde auf: Allein schon bei der Kennzeichnung der Energieeffizienz (die ja nur ein Aspekt der Öko-Bilanz ist!) gibt es Problem: Zwar hört es sich gut an, wenn ein Gerät mit der Effizienzklasse A+ prahlt – das klingt nach einer Eins mit Sternchen. Viele Verbraucher würden auch ein A oder ein B noch für ziemlich gut halten.
Doch eigentlich gilt das nur für die Effizienzklassen A++ oder A+++. Bis auf Weiteres jedenfalls, die Inflation der Pluszeichen ist noch nicht beendet. Einfach hat es der potenzielle Käufer also nicht.
»Die Politik trägt zur Verwirrung bei, die Hersteller schießen massiv gegen eine übersichtliche Kennzeichnung«, berichtete Müller. Laut seiner Statistik könnten private Haushalte in Deutschland übrigens 40, die Wirtschaft jedoch 71 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr einsparen.
Verbraucher- und Umweltschützer fordern längst ein sogenanntes Top-Runner-Programm nach japanischem Vorbild: Die Verbrauchswerte der sparsamsten und umweltverträglichsten Geräte (eben: der »Top Runner«) sollen zum allgemeinen Standard erhoben werden. Daran müssen sich die anderen Hersteller kurz- bis mittelfristig orientieren. Ansonsten drohen ihnen Strafen oder sogar Verkaufsverbote. Die Folge: Immer schärfere Standards.
So könnte man wohl in der Tat einen dynamischen »
Wettlauf ums effizienteste Produkt« auslösen. Allerdings würde ein Top-Runner-Programm natürlich einen massiven Markteingriff bedeuten – für Hersteller wie Markt-Ideologen immer noch ein Schreckensszenario. Die Widerstände sind erheblich: 2004, in seiner Zeit als Bundesumweltminister, lobte Grünen-Politiker Jürgen Trittin den Top-Runner-Ansatz in den höchsten Tönen. Allerdings weitestgehend folgenlos.