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Rainer Trampert, geb. 1946, ist Publizist. Er arbeitete fast zwei Jahrzehnte in der Erdölindustrie, war Betriebsrat bei Texaco und zwischen 1982 und 1987 Bundesvorstandssprecher der Grünen. 1990 verließ er die Partei.
Foto: privat
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Die Marktwirtschaft ist ein schäbiges und widerspenstiges System, weil sie das Leben und die Erde ruiniert und sich zugleich als Rettungsdienst anbietet. Sie muss ständig expandieren, Kapital anhäufen, Märkte ausdehnen, sich Rohstoffe, Böden und fremden Mehrwert aneignen, um Konkurrenzvorteile zu erzielen und die sinkende Profitrate auszugleichen; sie sorgt für Erderwärmung, Wirbelstürme und Überschwemmungen und nimmt dankend Anschlussaufträge entgegen. Die Marktwirtschaft wird Holland neue Deichsysteme, schwimmende Städte und Schiffe für den Nahverkehr anbieten (in der Recycling-Version: 20 Prozent Preisaufschlag) und 200 Millionen Menschen in Bangladesch dem Meer überlassen. Sorry! Keine Aufträge und ohne Moos nichts los.
Nach dem Marktgesetz ist alles Unproduktive dem Untergang geweiht. Marx sprach vom Zwang zur Kapitalvernichtung, Schumpeter von der »schöpferischen Zerstörung«, das »Handelsblatt« stellt sachlich fest: »Der letzte Tag, an dem die Marktwirtschaft funktionierte, war der Tag, an dem Lehman pleiteging.«
Marktwirtschaft ist die Übertragung der darwinistischen Naturordnung »Fressen und Gefressenwerden« auf die menschliche Gesellschaft. Sie betreibt die permanente Selektion unter Staaten, Unternehmen und Individuen nach den Kriterien: »stark« und »schwach«. Unternehmen ruinieren Konkurrenten, starke Staaten plündern schwache, unten regelt der Arbeitsmarkt, welches Individuum einen Preis erzielt und welches auf Halde kommt. Der Sieger benötigt keine Moral, der Verlierer ist dem Spott ausgesetzt - oben als Niete in Nadelstreifen, unten als Sozialschmarotzer.
Dem Zwang zur Expansion gehorchend, antwortet das Marktsystem auf die Umweltschäden der einen Industriestufe mit dem Draufsatteln der nächsten. Die dritte (»grüne«) industrielle Revolution ist ein Reflex auf die verzehrende Schadensdynamik (die Katastrophenschäden waren im ersten Halbjahr 2011 fünfmal so hoch wie im Durchschnitt der letzten zehn Jahre), die Antwort besteht in der Industrialisierung der letzten Freiflächen. Meere, Berge, Wälder, Äcker und Wüsten werden vollgepflastert mit industriellen Monokulturen, Stromtrassen, Solar- und Speicherfabriken, Windparks, die Unmengen von Beton und Energie verschlingen. Für Kabelstrecken, die Europa mit Wüstenstrom versorgen sollen, wird man in der halben Welt nach Kupfer baggern. Da kein Windrad, keine Photovoltaik, kein Hybrid-Antrieb, kein E-Mobil ohne seltene Erden auskommt und China Monopollieferant ist, werden Afrika, Osteuropa, Australien und Kanada umgegraben. Von der Umstellung auf »sanfte Energie« zu sprechen, ist ein plumper Werbetrick.
Kriege sind vorprogrammiert, zumal der »grüne« Industrieschub zusammenfällt mit der Nach-Industrialisierung der halben Menschheit: China, Indien, Brasilien, Indonesien, Türkei. Heute kommen in den USA auf 1000 Einwohner 860 Pkw, in China 19. Für die Angleichung der Verkehrsdichte wird man tausend Stoffe aus der Erde holen und den Anbau von »grünen« Treibstoff-Pflanzen forcieren, die überall auf der Welt Lebensmittel-Pflanzen verdrängen und für Hungerkatastrophen sorgen. Um klimabedingte Verwüstungen zu kompensieren, kaufen China, Indien, Saudi-Arabien und andere Staaten in Afrika fruchtbare Böden auf Vorrat - vollkommen marktgerecht. Beim nächsten Krieg um Wasser oder Wüstenstrom wird Claudia Roth, die Vorsitzende der Grünen, sagen, es gehe diesmal um die Rettung der Welt und den regelmäßigen Schulbesuch der Nomadenmädchen.
Die »ökologische« Marktwirtschaft ist genauso eine Lüge wie die »soziale« Marktwirtschaft. Alle sozialen Abfederungen mussten dem Marktdarwinismus in Streiks, Aufständen und Revolutionen abgerungen werden. Nur für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall haben Metaller ein halbes Jahr gestreikt. Sobald die Kämpfe abflauen, holt das System sich zurück, was früher mühsam erkämpft wurde. Auch Umweltschutz muss dem System abgerungen werden. Der Staat nimmt bisweilen Rücksicht auf soziale Kämpfe. Der Atomausstieg gehört nicht dazu. Nachdem der grüne »Ausstieg« noch Laufzeiten von 32 bis 40 Jahren garantierte, ohne rechtliche Verankerung, damit die nächsten acht Regierungen sie weiter verlängern könnten, bekam die CDU nach der Katastrophe in Japan Angst vor der Selbstzerstörung, außerdem erkannten die CDU und Siemens das Wachstumspotenzial der neuen Industrialisierung.
Eine sanfte Produktionsstruktur und solidarische Arbeits- und Lebensverhältnisse, die arme Länder entwickeln, statt sie zu berauben, ist nur als Bruch mit dem Marktdarwinismus denkbar, also nur in einer von Grund auf demokratisch (genauer: rätedemokratisch) verfassten Planwirtschaft mit Wahl- und Abwahlrecht.
Als die »soziale Marktwirtschaft« noch »Kapitalismus« hieß, waren die Illusionen eher gering. Spätestens aber seit die moderne Ökologie-Bewegung die »Nachhaltigkeit« entdeckte, versucht sie, Marktgesetze und Profitinteressen in Einklang zu bringen mit romantischen Vorstellungen von einer heilen, idyllischen Natur. Gelingt es einer solchen »ökologischen Marktwirtschaft«, den Kapitalinteressen der Konzerne zu trotzen? Oder haben wir es hierbei nur mit einem »grünen Imperialismus« zu tun, in dessen Folge die Grünen als technokratische Partei die Aufgabe erfüllen, den Kapitalismus zu modernisieren...
"sie sorgt für Erderwärmung, Wirbelstürme und Überschwemmungen und nimmt dankend Anschlussaufträge entgegen."
Stimmt, aber eine fehlgeleitete Planwirtschaft wie in der Sowjetunion hat dazu nicht minder beigetragen.
die sowjetische Planwirtschaft?
Hier haut er nur gewaltig auf die Pauke, so zu sagen im Rundumschlag.
Die Sowjetuniom war - wie alle RGW-Staaten - über den Weltmarkt der "Logik" des Marktes unterworfen, was letztlich ein Faktor ihres Sheiterns war.
Abgesehen von externen Zwängen gab es auch intern gewaltige ökologische Fehler (Beispiel Aralsee ist ja allgemein bekannt). Der Grund waren Fehleinschätzungen und fehlende wissenschaftliche Erkenntnisse (während im Kapitalismus marktgetriebene Kurzsichtigkeit maßgeblich hinzukommt), aber es gibt eben auch in Zukunft keien Garantie, dass im Sozialismus solche Fehler nicht passieren.
Ja, es gab auch im so genannten Sozialismus Raubbau an der Natur. Und wie dein Beispiel klar stellt, in nicht unerheblichen Maße. Auch eine geplante Wirtschaft wird vor Fehlern nicht gefeit sein. Allerdings ist das Wissen über ökologische Zusammenhänge heute weitaus größer und die moderne Datenverarbeitung und Kommunikation bietet enorme Möglichkeiten eine Wirtschaft so zu gestalten (demokratisch zu planen), dass Ressourcenverbrauch und Resilienz der Ökosysteme in Einklang stehen. Fakt ist jedenfalls, dass ein Marktsystem aufgrund des Zwangs zum Wachstum (Profitmaximierung unter Konkurrenzbedingungen) effektiv die natürlichen Grundlagen Zerstört und eine alternative Wirtschaftsordnung zwingend notwendig ist.
Mit besten Grüßen
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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