In den Spitzbbogenfenstern des blassgelben Hauses in der Frühlingsstraße 23 in Zwickau hängen Inserate. »Hier entstehen in den nächsten Wochen drei Zweiraumwohnungen«, ist zu lesen. Der Anspruch erscheint irrwitzig, denn die rechte Hälfte des Gebäudes ist eine Ruine: Mauern sind weggesprengt oder abgerissen, Balken sind verkohlt. Hier befand sich die Wohnung, deren drei Mieter als »braune Terrorzelle« bekannt wurden, nachdem Beate Z. den Unterschlupf am 4. November nachmittags in die Luft jagte.
Was brachte die drei dazu, sich 2008 in diesem gutbürgerlichen Viertel niederzulassen; was zog sie nach Zwickau, wo zumindest Z. wohl bereits seit 1999 lebte? Das fragen sich nicht wenige der vielen Passanten, die dieser Tage in die Frühlingsstraße kommen und Fotos des von Polizisten bewachten Hauses schießen. Das fragen sich auch viele Einwohner in Sachsens viertgrößter Stadt, die in bundesweiten Nachrichten täglich von der »Zwickauer Terrorzelle« lesen. Antworten haben sie nicht gefunden. Von »großer Sprachlosigkeit« spricht Sabine Zimmermann, Regionalchefin des DGB und Bundestagsabgeordnete der LINKEN.
Diejenigen, die nach Antworten suchen, sind uneins. Zwickau sei nur »Übernachtungsstätte« für das rechte Trio gewesen, sagt Bernd Meyer, Finanzbürgermeister der Stadt, die »kein Hort von Nazis« sei. Dass sie gerade hier unterkamen, erscheint so als böser Zufall. Zimmermann indes vermutet, sie hätten sich »bewusst hier angesiedelt« - nicht nur wegen der Anonymität, die eine Stadt mit knapp 100 000 Einwohnern bietet, sondern auch wegen der »gut ausgebauten Nazi-Strukturen«.
Die blühten auf, nachdem der frühere NPD-Stadtchef Peter Klose 2006 in den Landtag einzog - ein Mann, der zu Hitlers Geburtstagen die Reichskriegsflagge aus dem Fenster hängte und bei Facebook noch kürzlich als »Paulchen Panter« firmierte - als jene Comicfigur, die auch im zynischen Bekennervideo der rechten Zelle genutzt wird. Nur Zufall sei das, behauptet Klose, der bis zum Zerwürfnis mit der NPD und seinem Landtags-Aus 2009 ein Bürgerbüro in der Stiftstraße betrieb. Dort beschäftigte er auch Mitglieder des Freien Netzes.
Auch diese militante Struktur, deren Orientierung am Nationalsozialismus durch kürzlich veröffentlichte Einträge aus einem internen Forum belegt ist, ist in der Region gut organisiert. Eine Aktie wird dem Altenburger Thomas G. zugeschrieben. Er war einst im Thüringer Heimatschutz aktiv, dem auch das jetzt aufgeflogene Terrortrio entstammt. G. soll nach Angaben von »Spiegel Online« eine WG-Wohnung just in der Straße angemietet haben, in sich der Kloses Abgeordnetenbüro befand. Ein Vertrauter G.s soll von dort die Freien Kräfte in Zwickau organisiert haben, die als sehr schlagkräftige Truppe gelten.
Freilich: Solche Strukturen gibt es nicht nur in Zwickau. Vielmehr sei es in der Stadt »viel ruhiger geworden, seit Klose weg ist«, sagt IG-Metall-Chef Stefan Kademann. Die NPD konzentriert sich jetzt auf Plauen, wo massiv gegen Ausländer gehetzt wird. Zwickau war aus dem Fokus verschwunden - bis es am 4. November in der Frühlingsstraße krachte.
Dass jetzt von der »Zwickauer Terrorzelle« die Rede ist, hält auch Zimmermann für ungerechtfertigt: »Das hat mit Zwickau und den Zwickauern nichts zu tun.« Deshalb will man nun öffentlich Abstand zu den Tätern und ihrem Gedankengut herstellen: Für kommenden Freitag ist eine Kundgebung geplant, ein »Appell für Demokratie und Toleranz«, bei dem mit Kerzen das Mitleid mit den Opfern bekundet und zu Mut gegen rechte Gewalt aufgerufen, aber auch das Bild der Stadt ein wenig gerade gerückt werden soll: »Wir müssen etwas für unser Image tun«, sagt die DGB-Chefin, die den Bundespräsidenten um seine Teilnahme gebeten hat.
In Zwickau weiß man, dass der Name der Stadt mit dem Terrortrio verbunden zu bleiben droht, auch wenn das Haus in der Frühlingsstraße wieder aufgebaut ist. Gewerkschafter Kademann weist auf einen Zeitungsartikel mit der Überschrift »Gefahr für den Standort«. In und um Zwickau seien viele internationale Unternehmen ansässig, sagt er und betont: »Im Ausland wird genau geschaut, was hier passiert.«
Die Enttarnung des Zwickauer Nazitrios rückt den Kampf gegen rechts wieder in den Mittelpunkt der Debatte. Die Politik erschwert die Arbeit der Initiativen gegen Rechtsextremismus, denn die Projekte haben mit Mittelkürzungen und der Extremismusklausel zu kämpfen. Die Diskussion über ein Verbot der NPD ist in Fahrt - das Verfahren jedoch noch lange nicht in Sicht.
Mehr
Die Mordserie von Neonazis wirft weiter Fragen auf. Täglich kommen neue Details ans Licht. Doch vor allem die Arbeit von Polizei und Verfassungsschutz gibt Rätsel auf. Mehr
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
Sind Frauen die besseren Politiker?
Preis: 4,00 €
Preis: 75,00 €
Werbung:
Werbung: