Von Kurt Stenger
22.11.2011

UBS-Händler vor dem Strafgerichtshof

In London geht das Verfahren gegen Kweku Adoboli in die wichtige Phase / Großbank schrumpft ihre Investmentsparte

Erneut soll ein Strafprozess die Frage klären, wie es sein kann, dass ein einzelner Investmentbanker einen zehnstelligen Betrag verzockt.

Für den seit zwei Monaten in Untersuchungshaft sitzenden UBS-Händler Kweku Adoboli wird es heute ernst. Erstmals muss er vor dem Southwark Crown Court zu einer Anhörung erscheinen. An den Strafgerichtshof, der nur schwere Verbrechen verhandelt, war das Verfahren von einer unteren Instanz im Oktober verwiesen worden. Die Anklage lautet auf Bilanzfälschung und Betrug.

Mitte September hatte die Schweizer Großbank bekanntgegeben, dass der Händler der in London ansässigen Investmentsparte durch unautorisierte Geschäfte Verluste von 1,7 Milliarden Euro verursacht habe. Die UBS, die sich gerade erst von der Finanzkrise erholt hatte, schlitterte erneut tief in die roten Zahlen, Vorstandschef Oswald Grübel trat wenige Tage nach Bekanntwerden des Falls zurück.

Das Gericht muss klären, ob Adoboli allein verantwortlich war oder ob er Rückendeckung seiner Chefs oder Komplizen hatte. Im Prinzip ähnelt der Fall denen anderer Bankenhändler. Im Oktober vergangenen Jahres wurde Jérôme Kerviel von der französischen Großbank Société Générale zu fünf Jahren Haft verurteilt. 1998 trat Yasuo Hamanaka, Kupferhändler der japanischen Sumitomo, eine achtjährige Gefängnisstrafe an. Nick Leeson wurde zu sechseinhalb Jahren verurteilt, nachdem er durch Wetten auf den Nikkei-Index und japanische Staatsanleihen die britische Barings Bank in die Pleite gezockt hatte.

Wie diese drei war auch Adoboli ein aufstrebender kleiner Star unter den Börsenhändlern. Anfänglich kleinere Verluste versuchte der heute 31-Jährige, der 2006 bei der UBS als Trainee begann, durch immer waghalsigere Geschäfte wettzumachen. Erst dadurch wuchsen die Verluste ins Unermessliche. Laut UBS spekulierte Adoboli mit verschiedenen Aktienindexfutures des S&P 500, DAX und Euro Stoxx im Verlauf der letzten drei Monate vor der Anklage. Dabei habe der Händler die Risikolimits überschritten. Dies habe er aber dadurch verdeckt, dass er zum Schein Absicherungsgeschäfte auswies.

Peinlich für die UBS: Insbesondere die Leeson-Affäre hatte in der Welt der Großbanken dafür gesorgt, dass die internen Risikokontrollen erheblich intensiviert wurden. Offenkundig versagten sie zumindest zeitweilig. Jetzt wurde auch bekannt, dass die Londoner Finanzaufsicht die UBS schon 2009 auf »System- und Kontrollfehler« in einem anderen Bereich ihrer Handelsgeschäfte hinwies.

Die Großbank will als Reaktion auf den Händlerskandal nun ihre Investmentsparte noch stärker abspecken als bereits geplant. So sollen die risikogewichteten Aktiva vor allem im Bereich Anleihen, Devisen, Derivate und Rohstoffe um 140 Milliarden reduziert werden. 2000 Stellen fallen weg. Geplant sei eine Sparte, die weniger komplex und weniger risikoorientiert sein solle, teilte die UBS kürzlich bei einem Investorentag in New York mit.


Lexikon

Einst galten Schweizer Banken als die sichersten der Welt - und die UBS (Union de Banques Suisses) war ihre Nummer 1. Die Wurzeln reichen über 150 Jahre zurück. In ihrer jetzigen Form entstand die UBS AG 1998 durch eine Großfusion. Im Zuge der Finanzkrise war es mit der Herrlichkeit vorbei - Fehlspekulationen im US-Hypothekenmarkt brachten zweistellige Milliardenverluste, viele vermögende Kunden kehrten ihr den Rücken. 2007 steuerte zunächst der Staatsfonds Singapurs Kapital bei und wurde Großaktionär. Ein Jahr später verhinderten der schweizerische Staat und die Notenbank die Pleite. 2009 zahlte die UBS 780 Millionen Dollar an US-Behörden, die der Großbank vorwarfen, wohlhabenden US-Bürgern bei der Steuerhinterziehung geholfen zu haben. Zuletzt erholte die UBS sich etwas, bis der Fall in London publik wurde. Aktuell beträgt die Bilanzsumme 1,3 Billionen Euro. nd

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