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Von Michael Hametner 24.11.2011 / Feuilleton

Der stille Skeptiker

Zum 85. Geburtstag des Schriftstellers Werner Heiduczek

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Titelgrafik von Stefan Walter zum Essayband von Werner Heiduczek

Im Roman »Tod am Meer« stellt der Schriftsteller Jablonski mehrere Fragen: »Welchen Sinn hat das Schreiben? Werden die Schmerzen auf der Welt geringer, die Freunden größer, das Sterben begreifbarer?« Die Gretchen-Frage für die DDR-Literatur aber war wahrscheinlich diese: Ist die Kunst wahrer als das Leben oder das Leben wahrer als die Kunst? Werner Heiduczek ist jener Jablonski aus dem Roman »Tod am Meer«, genauso wie dieser schwebt er durch eine geplatzte Ader im Kopf zwischen Leben und Tod. Heiduczek schafft es zu überleben, was der Romanfigur nicht gelingt. Jablonski hinterlässt ein Manuskript mit einer radikalen Selbstabrechnung, dessen Fazit die Erkenntnis ist: Das Leben ist wahrer als die Kunst! Nur wenn du im Leben bestehst, kann deine Kunst bestehen. Alles andere läuft auf billigen Selbstbetrug hinaus.

»Tod am Meer«, der 1977 in der DDR erschienene Roman, stellt zu dieser Zeit den radikalsten Versuch dar, Leben und Schreiben in Lüge und Kompromiss zu beenden. Im Angesicht einer lebensgefährlichen Erkrankung war Heiduczek nach schmerzlichen Umwegen an diesen Punkt gelangt. Weil er am Rande seines Romans Vergewaltigungen deutscher Frauen durch russische Soldaten berührte, intervenierte der sowjetische Botschafter. Eine zweite Auflage von »Tod am Meer« wurde auf Eis gelegt, was Heiduczek mit erstaunlicher Gelassenheit hinnahm. Er konnte und wollte nicht mehr hinter die Wahrheit zurückfallen. Die Wahrheit war ausgesprochen.

Heiduczek gehört zum Jahrgang 1926 wie Erich Loest und Günter den Bruyn. Und wie beide war er geblendet von dem, was die DDR bei ihrer Gründung versprochen hatte: das bessere Deutschland. Heiduczek wurde Neulehrer, Schulinspektor und bald sogar Schulrat von Merseburg. Sah sich aber schnell als verlängerter Arm von Schulfunktionären, die von ihm verlangten, in abweichende Lebenswege einzugreifen. Dazu wollte er sich nicht hergeben und bot einiges auf, um dem Einfluss des Volksbildungsministeriums zu entkommen. Kurioserweise half ihm beim Ausstieg aus dem Schuldienst ein Pädagogikstudium. Heiduczek wechselte Anfang der 60er Jahre zur Literatur, stand aber unverändert treu im Glauben an die Sache. Sein 1968 veröffentlichter Roman »Abschied von den Engeln« und die 1971 folgende Erzählung »Marc Aurel oder ein Semester Zärtlichkeit« fielen nicht groß aus dem Muster einer Literatur heraus, die ihren Protagonisten Hilfe für ein Leben im Einklang mit sozialistischen Positionen angedeihen ließ. Etwas Kratzen an der Oberfläche gehörte zur Selbstberuhigung dazu, der größere Teil war ein fauler Kompromiss. Dem Autor brachten beide Bücher so viel Erfolg, dass sich Heiduczek einen Nationalpreis ausrechnete. Vermutlich war das seine letzte große Eitelkeit.

Als Heiduczek Mitte der 70er Jahre an einer Hirnblutung erkrankt, fällt er in eine tiefe Krise. An der Schwelle zum Tode war ihm klar geworden, dass er für die literarische Karriere seine Seele verkauft hatte. Eine Erkenntnis, die bereits vor dem Roman »Tod am Meer« in ihm gewachsen war. 1974 bei der Arbeit am Parzival-Stoff stellte er fest: »… die wahre Tumbheit Parzivals bestand darin, dass er nicht Eigenes zu denken wagte, Glauben für Wissen nahm und Nachäffung für menschliche Würde. Unbedachter Gehorsam ließ ihn herzlos werden.« Mit dieser Beschreibung kam Heiduczek sich und seinem Wahrheitsanspruch auf die Spur.

Dass sein 1977 im Mitteldeutschen Verlag publizierter Roman »Tod am Meer« einen anderen Menschen und Schriftsteller aus ihm gemacht hatte, bewies er, als er danach vor allem Märchen verfasste. Keinesfalls verabschiedete er sich dabei vom kritischen Blick auf die DDR. Mit seinem Märchen »Das verschenkte Weinen« widersprach er einem Gesellschaftsbild, das Tragik und Unglück leugnete. Astrid verschenkt das Weinen, um ihrem geliebten Hondez zu einer Operation zu verhelfen, die ihm das Augenlicht wiederbringt. Sie ahnt nicht, dass sie ohne die Fähigkeit zur Trauer eine Andere wird und ihre Liebe zu Hondez stirbt.

Mit seiner Kritik an der proklamierten DDR-Idyllik blieb »Das verschenkte Weinen« lange Zeit ungedruckt. Aber Heiduczek war kein Kompromiss mehr abzuhandeln. Auf die Frage, wie er für sich die Form des Kunstmärchens fasse, erinnert er gern an den Mythos vom Schwan, der in seiner Todesstunde zum letzten Mal und am schönsten singt. Dabei hat er das Märchen geschaffen, sagt Heiduczek. Diesen poetischen Grundgedanken hat er sich in seinen Märchen zueigen gemacht. Manchmal formulierte er es auch anders: »Märchen sind ein Quell, der vom Paradies ausgeht und die Erde bewässert.«

Dass im Herbst 2011 eine überraschend große Zahl von Romanen noch einmal den Erinnerungsraum DDR aufsuchen und prüfen, welche Nachrichten die DDR an die Gegenwart sendet, darf Romane wie Werner Heiduczeks »Tod am Meer« nicht ausblenden oder überflüssig machen. Im Gegenteil. Ein Roman wie Heiduczeks »Tod am Meer« bezeugt einen Weg zur Wahrheit, als für die Wahrheit noch ein hoher persönlicher Einsatz zu zahlen war. Für Eugen Ruge, den Deutschen Buchpreisträger von 2011, für Antje Ravic Strubel, Angelika Klüssendorf, Julia Franck und Judith Scharlansky ist Werner Heiduczeks Roman »Tod am Meer« ein Vorläufer. Er sollte in dieser Rolle nicht vergessen sein.

Heiduczek ist sich nach dem Ende der DDR treu geblieben. In Essays spürt er neuen Verwerfungen und Verführungen nach, für die er heute dieselbe Verachtung zeigt wie für seinen Opportunismus der frühen Jahre. Wie tief ihm die Suche nach Wahrheit ins Fleisch gefahren ist, hat er 2005 in seiner Autobiografie »Die Schatten meiner Toten« vorgeführt. Schonungslos - das ist sein Schreiben seit »Tod am Meer« geblieben - gibt er Auskunft, als würde es wieder um Tod und Leben gehen.

Dass sie ihm mit den Märchen, den Essays und seiner Autobiografie nach der Wende keinen Fensterplatz im deutsch-deutschen Literaturexpress reserviert haben, beschäftigt ihn selbst am wenigsten. Mein Werk, sagt er, kann warten. Er ist sich sicher, dass etwas bleiben wird, was sie irgendwann von ihm hervorholen und lesen werden.

Clemens Meyer, sein junger Bewunderer, hat gerade den im Leipziger Plöttner-Verlag erschienenen Essayband »Vom Glanz und Elend des Schreibens« von Werner Heiduczek mit einem Vorwort eingeleitet, darin heißt es: »Die Literatur und die Literaten und Künstler und die Menschen und Jahre, die er in diesen Essays beschreibt, haben Haltbarkeitswert, stahlen aus bis ins Heute, das Gestern ist immer gegenwärtig.« Das ist seine Beständigkeit. So ist er geblieben, was er immer war: ein stiller Skeptiker.

Werner Heiduczek: Vom Glanz und Elend des Schreibens. Essays. Plöttner Verlag. 160 S., geb., 16,90 €.

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