Marcus Meier
25.11.2011
Klima

Nur eine kennt die Wahrheit

Nämlich Nele Neuhaus. Deswegen schrieb sie einen Roman über die »Klimalüge«. Der wurde ein Bestseller.

Er führte die »SPIEGEL«-Bestsellerliste an, der »Stern« lobte ihn als »realitätsnahen Ökothriller«: Nele Neuhaus` Kolportage-Krimi »Wer Wind sät« beschreibt die Klimaforschergemeinschaft als eine Betrügerbande, die schlicht gierig ist »nach Profit und Einfluss«. Marcus Meier hat sich eine Lesung der erfolgreichen Autorin angeschaut – und war erstaunt, wie ausufernd Neuhaus die Akribie ihrer eigenen Recherchen lobte.
Die Frau mit dem silbernen Kreuz über der schwarzen Bluse wird in Hilden als »Herbst-Highlight« angekündigt. Die Stadtbibliothek ist gut gefüllt an diesem Montagabend im November. Endlich finde mal eine »richtige Bestsellerautorin« den Weg in die Mittelstadt bei Düsseldorf, schwärmt die Chefin des Hauses. Noch nie hat »jemand mit solch einer Erfolgsstory« in der laut Eigenwerbung »sportbegeisterten, bildungsorientierten und familienfreundlichen Stadt der kurzen Wege« gelesen.

Helfer schleppen immer neue Stühle heran. Frauen in schicken Röcken schenken Rotwein ein. Gut hundert Menschen, meist weiblichen Geschlechts, meist nicht mehr ganz jung, wollen hören und sehen, wie Nele Neuhaus liest. Ihr aktueller Kriminal-Roman »Wer Wind sät« spielt, wie seine vier Vorläufer, im Taunus. Es geht um eine Art Windkraftmafia und eine Bürgerinitiative, die dagegen ankämpft. Irgendwann tauchen die ersten Leichen auf, darunter – Achtung, Anspielung: – ein Feldhamster.

Doch in Hilden erzählt Neuhaus erstmal Anekdoten – von Schulstreichen, von der Verlagssuche, vom Schreiben an sich. Lange habe ihr Roman »Schneewittschen muss sterben« auf Platz eins der Amazon-Bestsellerliste gestanden – »bis ein gewisser Thilo Sarrazin auf die Idee kam, auch ein Buch zu schreiben«. Das Publikum johlt.

»Klimalüge«: Angst für Milliarden?
Regionalkrimis sind Buchhändlers Liebling. Fiktiver Mord und Totschlag werden dann als besonders schön empfunden, wenn man die Eiche neben der Leiche persönlich kennt. Neuhaus jedoch lässt nicht nur im Taunus, nicht nur deutschlandweit die Kassen klingeln. Mittlerweile sind ihre Krimis in 15 Sprachen übersetzt worden.

In »Wer Wind sät« begeben sich auch Neuhaus' Figuren auf Weltreise. Sie müssen nämlich eine gigantische Verschwörung aufdecken. Alle mal herhören: Mag ja sein, dass die Spitzen der Klimaforschung sich in den Grundsatzfragen einig sind. Aber nur, weil sie eine Betrügerbande bilden!

»Gemeinsam hatten sie praktisch alle weltweiten Wetter- und Klimadaten in Richtung globale Erwärmung manipuliert.«, lässt Neuhaus, Tochter eines CDU-Politikers, einen ihrer Romanheldern sagen. »Eine vorsätzliche Täuschung, um die Hypothese vom menschgemachten Klimawandel aufrechtzuerhalten. Bewusst hatten sie die Ängste von Milliarden Menschen geschürt.«

Übermächtiger, gieriger Weltklimarat?
Fast alle Daten manipuliert, globale Erwärmung phantasiert, Milliarden Menschen terrorisiert – okay. Aber warum, Frau Neuhaus, zur Hölle warum? »Aus reiner Gier nach Profit und Einfluss.« Doch wer genau sind »sie«? Das real existierende IPCC, der Weltklimarat, die Crème de la Crème der Forschung also, heißt in Neuhaus` Roman... eben IPCC. So viel künstlerische Freiheit muss sein!

Neuhaus' Helden wollen die »betrügerischen Machenschaften« des IPCC aufdecken und so »einen gewaltigen Skandal« erzeugen. Zunächst müssen sie aber »noch auf detaillierte Informationen« warten, um dann »nachweisen« zu können, »welches Interesse der Chef des IPCC« an der Verschwörung hat. Leider kommt keine allzu große Spannung auf, denn Neuhaus kann einfach nicht die Klappe halten: »Er hat nämlich seine Finger in Geschäften, bei denen es um milliardenschwere Investitionen geht – und deren Erfolg von den Empfehlungen des IPCC abhängt.«

»Es ist unfassbar«, seufzt einer von Neuhaus Helden, und er ahnt nicht, wie recht er hat.

Im Sound der »Truther«-Bewegung
Was nun? Offen zu legen gilt es nicht weniger als die »Wahrheit hinter der Klimalüge« (Neuhaus) – spätestens hier tönen die Figuren (Neuhaus: »Man kann sich mit ihnen identifizieren«) im Jargon der »Truther«-Bewegung. Die »Wahrheitler« erklären das gesamte Weltgeschehen durch das bewusste Handeln ebenso mächtiger wie skrupelloser dunkler Mächte – bei massiver Manipulation der Massen. Egal, ob 9/11, Mondlandung oder eben der Klimawandel: alles nur ein Schwindel.

Natürlich spielt für die »Truther« jeder von uns seine Rolle im großen Unheilsplan, sei es als Marionette, sei es als Strippenzieher; mit Ausnahme der Truther selbst, versteht sich. Die sind weder Täter noch Opfer, sondern Durchblicker. Glauben sie zumindest. Ihr Weltbild ist erstaunlich manichäisch: Das Reich der Finsternis muss durch das Lichtreich besiegt werden. Schwarz gegen Weiß – einen Grauton kann es nicht geben. Es darf ihn nicht geben. Er wäre Verrat...

Auch Neuhaus' Helden rufen aus: »Wir sind die Guten. Sie haben dich betrogen und ausgenutzt. Sie haben die ganze Welt belogen.« Nun drohen den »idealistischen Gutmenschen« plötzliche Unfälle. Schließlich legen sie sich mit dem übermächtigen IPCC an. Ein paar Zeilen später sind wir plötzlich wieder im Taunus, wo Friederike Franzen wie versteinert auf der vorletzten Stufe der Treppe stehen bleibt. Und »O mein Gott!« ruft.

Nur ein Krimi?
Man könnte all das als Folklore abtun: Es ist ja schließlich – Bestseller hin, Bestseller her! – nur ein Krimi, einer mit etwas irrem Plot vielleicht, einer, in dem sich allzu viele Menschen mit allzu komischen Namen tummeln. Nur ein Krimi? Genau das ist das Problem: Hier kommt eine dumme, gefährliche und wissenschaftsfeindliche Ideologie im unterhaltsamen Gewande daher. Und trifft auf das Bedürfnis, reale Bedrohungen zu verdrängen.

Schließlich sind die Wahrheiten, die uns die Klimaforschung darbietet, in der Tat ausgesprochen unbequem. »Hey«, mag da mancher Neuhaus-Leser ausrufen, »gab es da nicht tatsächlich diesen Skandal beim IPCC? Und wurde nicht auch dem realen Chef des Klimaforscher so in etwa vorgeworfen, er verdiene an seinen Analysen in seiner Eigenschaft als Unternehmer? Klingt doch alles ganz plausibel, soweit...«

Neuhaus lässt ihre fiktionalen Gestalten Schachtelsätze sagen wie: »Nachdem Waldsterben und Ozonloch nicht funktioniert haben, um die Menschen zu erschrecken und zu steuern, kam ihnen eine Klimakatastrophe, die der Mensch zu verantworten hat, gerade richtig.« Oder: »Mit dem sogenannten Klimaschutz kann man heute einfach alles rechtfertigen, jedes Verbot, jede Steuererhöhung.« Der deutsche »Klimapapst« ist selbstredend »regierungsnah«, was auch immer das im Rahmen der Verschwörung bedeuten mag.

So geht das über Seiten weiter. Und am Ende der Story steht tatsächlich jener Skandal, der »die internationale Global-Warming-Fraktion zweifellos in schwerwiegende Erklärungsnöte bringen wird.«

Die Botschaft kommt an
Aber kann man Neuhaus für die Aussagen ihrer Figuren überhaupt in Haftung nehmen? »Dieses Buch ist ein Roman«, schreibt die Wurstunternehmersgattin. Die Geschichte sei frei erfunden. Keine Person, keine Institution wolle sie »diskreditieren oder diffamieren«.

Neuhaus' Fans sehen das ein wenig anders. Einige sind froh, dass sich ihre Autorin der »Klimaverschwörung« zugewandt hat. Mancher wünscht sich mehr davon: »Auf die Hintergründe der Klimalüge hätte durchaus noch näher eingegangen werden können.« Andere monieren: »Die großen Verschwörungstheorien passen einfach nicht in den Taunus.« Die Botschaft ist angekommen.

Hunderttausende haben das Druckwerk nebst seiner unsubtilen Botschaften verschlungen. Der »Stern« sprach von einem »realitätsnahen Ökothriller«. Von solcher Resonanz können Klimawandel-Leugner ansonsten nur träumen. Wenn RWE einen irren Physiker aus den USA in den Ruhrpott karrt, damit er dort den Konsens der Klimaforschung verspottet, dann beeinflusst das vielleicht manchen Entscheidungsträger.

Wenn »FAZ« und »Welt« vor einer »Ökodiktatur« im Namen des Klimaschutzes warnen und der »Focus« verkündet, der Klimawandel sei »gut für uns«, dann ist allenfalls ein Teil der rechten Stammklientel begeistert. Wenn das selbst ernannte »Europäische Institut für Klima und Klima« (EIKE) sich wie in diesen Tagen zur Konferenz trifft, um die angeblichen Lügen des IPCC anzuprangern, dann bleiben die Hobbyforscher unter sich.

Nele Neuhaus hingegen ist Pop.

Recherche? »Wahnsinng wichtig«!
Nein, über das »betrügerische« IPCC redet Nele Neuhaus in Hildens Stadtbücherei nicht. Auch die entsprechenden Roman-Passagen meidet sie. Madame preist lieber ein ums andere mal ihre akribische Recherche: Die sei »wahnsinnig wichtig für meine Bücher«. Sie lässt sich, wie sie betont, beraten. Unter anderem von Gerichtsmedizinern, Polizei-Praktikern, Zoo-Direktoren und selbst Vorgartenbesitzern. Ihr Hauptziel, sagt Neuhaus, sei Unterhaltung.

Auf der heute beginnenden EIKE-Konferenz wird übrigens auch Tilman Kluge referieren. Der Umwelt-Fachbereichsleiter des Hochtaunuskreises widmet sich dem Thema »Der Schein trügt: Was haben windige Verträge mit Windkraft zu tun?«. Windige Windkraft, Klima und Taunus – wie bei Nele Neuhaus! Kann jemand vielleicht mal daraus eine Verschwörungstheorie stricken, dann bitte aber einfach für sich behalten?