Der Ratssaal im Rathaus Schöneberg ist rappelvoll. Rund 400 Schüler und Schülerinnen sowie Lehrkräfte von 47 Schulen jedes Typs sind nach Schöneberg gekommen, um einen Schultag lang zu diskutieren, zu lernen und Erfahrungen auszutauschen - sowie zu tanzen, rappen, zeichnen und Theater zu machen. Die Landeskoordination »Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage« hatte zum jährlichen Treffen geladen.
»›Fremdarbeiter‹ ist doch eher ein Wort, das von Nazis oder der NPD benutzt wird«, sagt ein Schüler. »Neutrale oder linke Aufrufe würden das Wort ›fremd‹ nicht als besondere Kennzeichnung verwenden.« Im Workshop »Bunt und Braun? Ideologien und Propaganda der Neonazis« gehen die SchülerInnen gemeinsam mit Frank Metzger vom Antifaschistischen Pressearchiv und dem Bildungszentrum e.V. (apabiz) der Frage nach, was hinter den Parolen der Nazis steckt. »Gibt es eine Nähe zu linken Themen oder der ›gesellschaftlichen Mitte‹«, fragt Metzger die SchülerInnen. Zu Beginn sollen die Jugendlichen Zitate besprechen und diskutieren, ob die entsprechenden Aussagen rechts, links oder schlichtweg neutral sind. »Die Zahl von Arabern und Türken hat durch falsche Politik zugenommen, sie haben aber keine produktive Funktion außer im Obst- und Gemüsehandel.« Das Zitat aus dem rechtspopulistischen Buch Thilo Sarrazins wird schnell erkannt. »Sarrazin ist doch SPD, aber das ist rechts«, sagt ein Mädchen. Metzger geht mit den Jugendlichen rechte Parolen und NPD-Wahlkampfslogans durch und macht an Beispielen deutlich, wie leicht sich dikriminierende Ansichten hinter vermeintlich neutralen Botschaften verstecken lassen.
Der Workshop von apabiz ist einer von insgesamt 20. Sie finden in zwei Phasen statt. In anderen Räumen des Rathauses wird beispielsweise zum Thema Mobbing an Berliner Schulen diskutiert. Stefan Müller von Mann-O-Meter e.V. fragt die Jugendlichen »Biste schwul, oder was?« und spricht mit ihnen über Homophobie, Homo-, Bi- und Transsexualität. »Kopftuch, Türk-Pop und Ramadan«: Das Mobile Beratungsteam »Ostkreuz« lud die SchülerInnen zum Austausch über Jugendkulturen zwischen Islam und Islamismus.
In einigen Workshops ging es mehr ums Praktische als ums Diskutieren und Themen bearbeiten. Unter anderem konnten sich die Jugendlichen in Rap, Streetdance und im Theater erproben. Wie unterschiedlich die SchülerInnen Liebe und Geschlecht in der Einwanderungsgesellschaft wahrnehmen, ist in diesem Jahr Schwerpunktthema der integrierten Fachtagung »Islam & Ich - Jung sein im Land der Vielfalt«, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Jugend und Frauen.
»Mit GSG-9-Einsätzen allein können wir Rassismus nicht beikommen«, sagt Sanem Kleff, Leiterin der Landeskoordination von »Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage« mit Blick auf die Ausmaße des in den letzten Wochen bekanntgewordenen Naziterrors und die letzten Festnahmen. »Jetzt sind plötzlich alle schockiert und fragen, wie diese Menschen so werden konnten, wie sie sind.« Man müsse dann ansetzen, wenn sich die zugrunde liegenden Ideologien verfestigen und ausbilden, so Kleff. Prävention. Je früher, desto besser. Und wo, wenn nicht in der Schule, fragt Kleff dann noch.
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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