Ganz so tief hätte Yves Grafenhorst gar nicht in der Vergangenheit nach einer Motivationshilfe wühlen müssen. Vor dem Spiel gegen den THW Kiel kramte der Linksaußen des SC Magdeburg das Video vom 20. Dezember 2006 aus dem Schrank: Bilder vom 39:24-Heimsieg, Kiels höchste Bundesligapleite. Die bislang letzte Niederlage des THW in der Liga datiert vom 4. Mai 2011 - ebenfalls in Magdeburg. Eine solche Überraschung lag auch am Dienstagabend lange in der Luft. Am Ende einer umkämpften Partie setzte sich jedoch der Favorit aus Kiel mit 33:26 (12:13) durch und feierte saisonübergreifend seinen 17. Sieg in Serie.
Grafenhorst war dennoch stolz. »Es gibt kaum Mannschaften, die Kiel 50 Minuten Paroli bieten können«, so das Magdeburger Eigengewächs. Ganz genau genommen waren es 48 Minuten. Bis dahin führten die Magdeburger 22:20. Mit einer starken Abwehrleistung hielten sie den Druck auf den Gegner konstant hoch und zwangen den sonst so souveränen Rekordmeister zu etlichen Fehlern. Dabei ragte aus einem guten SCM-Team Torwart Gerrie Eijlers mit zehn Paraden noch heraus.
Dann aber kam beim THW Andreas Palicka ins Tor und Christian Zeitz aus dem halbrechten Rückraum immer besser ins Spiel. Vier Minuten und drei spektakuläre Paraden Palickas später stand es plötzlich 22:26. Zeitz, mit neun Toren bester Werfer, traf in dieser Zeit allein drei Mal. »Da war unsere Moral geknackt«, so Magdeburgs Trainer Frank Carstens. Mit der sicheren Führung im Rücken zauberten die Kieler am Ende noch. Ein wunderschöner Kempatrick zwischen Aron Palmarrson und Christian Sprenger sowie ein unglaublicher Drehwurf von Filip Jicha waren der Abschluss einer lange spannenden Partie.
»Spiele gegen Magdeburg sind mit die schwersten, immer wie ein kleiner Krieg. Das macht Spaß«, freute sich Palicka. Yves Grafenhorst suchte derweil nach Gründen für den Einbruch. Neben der eigenen Abschlussschwäche und einigen technischen Fehlern sei die Spielunterbrechung nicht förderlich gewesen. »Die Luft in der Halle war raus«, so der 27-Jährige. In der 38. Minute fiel die Anzeigetafel aus, minutenlanges Warten auf dem Spielfeld war die Folge.
Diese Begründung ließ sein Trainer nicht gelten. »Die Halle hat eine kurze Lunte«, so Carstens und hätte spätestens beim 22:20 wieder gebrannt. Vor allem der gegnerische Torhüter sei ausschlaggebend gewesen: »Palicka hat uns schon im Pokal fertiggemacht.« Dennoch war der 40-Jährige »zufrieden mit einem über weite Strecken sehr guten Spiel« seiner Mannschaft.
Zufrieden ist Carstens auch mit der Entwicklung des Vereins. »Vor drei Jahren war der SCM fast weg«, weiß er. Die Zeiten des Missmanagements unter Bernd-Uwe Hildebrandt sind noch immer nicht restlos aufgearbeitet. Wie gestern bekannt wurde, will die Staatsanwaltschaft Magdeburg den ehemaligen Manager erneut anklagen. Wegen Steuerhinterziehung von 800 000 Euro.
Umso mehr freut sich Carstens, dass der Verein jetzt wieder »wirtschaftlich stabil« ist. Dank Sponsoren und der treuen Fans. Gegen Kiel kamen 6466, im Schnitt sind es 5756 - 1200 mehr als vor zwei Jahren. Auch sportlich läuft es gut. Als Carstens 2010 kam, war sein Ziel, mit dem SCM in drei Jahren wieder international zu spielen. Dies gelang schon im ersten Jahr - nach dem 48:24 im Hinspiel gegen Ljubuski ist das Achtelfinale im EHF-Pokal so gut wie sicher.
Aktuelle Ausgabe: 22.05.2012
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