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Foto: Daniel Seiffert
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Als »lachenden Mörder« hat einst Klaus Theweleit in seiner epochalen Studie »Männerphantasien« den faschistischen Mann beschrieben und darin den Blutrausch der Täter, die Freude an der Darstellung des Tötens und die Lust an der eigenen Auflösung in diesem brutalen Akt herausgearbeitet. Sein später Schüler Jonathan Littell hat die an deutschen Männern entwickelte Thesen jüngst auf den belgischen Faschisten Leon Degrelle übertragen. Der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau biegt jetzt aus anderer Richtung kommend in diesen Analysepfad über die Lust am Massenmord ein. Sein Stück »Hate Radio« zeigt das Hebbel am Ufer.
An einem Stückauftrag über den Völkermord in Ruanda sitzend - und letztlich daran scheiternd, weil er das Grauen nicht fiktional aufzubereiten in der Lage war - stieß Rau auf den Radiosender RTLM (Radio Television Libre des Mille Collines; Freies Radio und TV der 1000 Hügel). Dieser Sender war wenige Monate vor dem Ausbruch des Mordrauschs von Hutu-Präsident Habyamarina installiert worden, um Propaganda gegen die Tutsi-Bevölkerung im eigenen Lande und im Exil sowie moderate Hutu in den Äther zu schicken.
RTLM entwickelte sich schnell zum populärsten Sender des Landes, besonders unter jugendlichen Zuhörern. Die Djs spielten eine Mischung aus aktuellen westlichen Hits und Liedern populärer afrikanischer Interpreten. Die Moderatoren bedienten sich des Straßenslangs und rissen etwa Witze über den eigenen exzessiven Alkoholgenuss. Nebenbei hetzten sie gegen Tutsi. Zudem setzte RTLM stark auf interaktive Formate, schaltete Zuhörer auf Sendung und referierte, was andere Anrufer gesagt hatten. Während des Genozids selbst übernahm die Station eine Rolle als »Rhythmusgruppe des Mordens«, wie es eine Untersuchung der Menschenrechtsgruppe Article 19 auf den Punkt brachte.
Todessehnsüchtige Songs der Grundge-Band »Nirvana« oder der Techno-Hit des Jahres 1994 »I Like To Move It« bildeten den Soundtrack für Aufforderungen wie »Ihr habt Pfeile, ihr habt Speere, ihr habt eure traditionellen Instrumente«, mit denen die Zuhörer recht unverblümt zum Mord an denen aufgefordert wurden, die sich nicht als »gute Hutu« ausweisen konnten. Kritische Journalisten und Oppositionelle wurden als Feinde bezeichnet und durch das Nennen der Nummernschilder ihrer Wagen direkt zum Töten freigegeben. Manche der Mordaufrufe waren die Folge direkter Denunziationen durch Anrufer beim Sender. Seinen Zuhörern leistete der Sender den fragwürdigen Service, aufgehetzte Hutu durch Bekanntgabe zukünftiger Massakerorte zur Beteiligung zu mobilisieren und den potenziellen Opfern Hinweise auf zu meidende Gegenden zu liefern.
Eine aus vielen Stunden Tonmaterial herauskondensierte typische Sendung zum Höhepunkt des Tötens wird vom 1.-4. Dezember im nachgebauten Studio von RTLM im HAU2 produziert. Die Rolle der Moderatoren und des DJs übernehmen ruandische Performer, die selbst zur Opfergruppe der von dem Sender befeuerten Morddelirien gehörten. Die Produktion wurde vorher in Kigali am Originalort gezeigt und führte zu einer Initiative, das Gebäude des Senders als Genozidmemorial zu erhalten. Die ursprüngliche RTLM-Moderatorin Valerie Bemeriki, die damals einen Kultstatus genoss, jetzt eine Gefängnisstrafe absitzt und in »Hate Radio« von Nancy Nkusi verkörpert wird, bestätigte Regisseur Rau bei einem Besuch im Gefängnis die Authentizität der Studioeinrichtung.
In Ruanda löste die Produktion nach anfänglicher Skepsis - die aktuelle Sprachregelung verbietet etwa die Begriffe »Hutu« und »Tutsi« - Diskussionen über dem Umgang mit der Vergangenheit aus. Bei den Aufführungen in Europa werden vermutlich mehr die Diskrepanz zwischen der Coolness der Moderatoren und des Inhalts ihrer Botschaften sowie die Eibettung von ethnischem Hass in die Vibrationen der Popkultur im Mittelpunkt stehen. Der Abend endet mit Nachrichten von der Fußball-WM 94 und dem Prolog der damaligen Tour de France. Für sein Ensemble sieht Rau die Performance als »ultimativen Sieg«: «Was gibt es denn mehr, als nicht nur überlebt zu haben, sondern sich jetzt mit so einer Performance in die Gegner selbst versetzt zu haben und das öffentlich zu zeigen?«
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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