Es ist eines jener Delikte, die nicht gezählt werden, wenn die offizielle Statistik von 46 Todesopfern rechtsextremer Gewalt seit 1990 spricht. Am 28. März 2005 erstach der Neonazi Sven Kahlin, damals 18, den Punk Thomas S. auf einem Dortmunder U-Bahnhof. Er provozierte zunächst verbal, um dem Opfer dann ein Messer in die Brust zu rammen, das er versteckt mitgeführt hatte. Thomas S. verblutete noch am Tatort.
Die rechte Szene war begeistert, verklebte Plakate: »Wer der Bewegung im Weg steht, muss mit den Konsequenzen leben«. Das Ergebnis der juristischen Aufarbeitung: Sieben Jahre Haft. Nach Jugendstrafrecht. Wegen Totschlags. Ohne politischen Hintergrund.
Die Strafe musste Kahlin nur zu zwei Dritteln absitzen. Im September 2010 wurde er vorzeitig entlassen, seine Reststrafe zur Bewährung ausgesetzt. Die Auflagen waren mild: Maßhalten beim Alkohol, einen sozialen Trainingskurs belegen, nach Arbeit suchen.
»Gesinnung kann man nicht verbieten«, betonte seinerzeit Oberstaatsanwältin Ina Holznagel - bemerkenswerterweise kurz nachdem ein Gutachter Kahlin eine positive Prognose erstellt hatte: Weitere Straftaten seien nicht zu erwarten. Die Behörden verzichteten selbst darauf, dem Aktivisten der »Skinheadfront Dorstfeld«, der früh Mitglied einer »Kameradschaft« wurde, den Kontakt zur rechten Szene zu untersagen.
Kaum in Freiheit, redete Kahlin auf einem Nazi-Marsch in Hamm. »Meine Gesinnung ist im Knast nicht gebrochen worden«, tönte er. Auf seinem T-Shirt stand: »Was sollten wir bereuen?« Die Kameraden johlten. Und selbst »Bild« fragte: »Wieso darf so einer auf Bewährung (...) frei herumlaufen?«
Nein, Gesinnung kann man nicht verbieten: In der Nacht zum 12. Dezember 2010 überfiel ein Trupp Neonazis zum wiederholten Male die alternative Kneipe »Hirsch-Q«: Elf Schläger in Bomberjagen und Springerstiefeln, bewaffnet mit Baseballschlägern, Reizgas und einem Messer, quälten die Gäste, zerrten sie auf die Straße, verletzten einige schwer.
Die Täter werden der »Skinheadfront Dorstfeld« zugerechnet. Unter ihnen: Sven Kahlin, der in Tatortnähe - kurzfristig - sogar festgenommen wurde. Gerüchtweise heißt es, es sei bei ihm ein Messer gefunden worden. Seitdem wird gegen den auf Bewährung Entlassenen ermittelt - wegen schwerer Körperverletzung und Landfriedensbruch. Er ist aber weiter auf freiem Fuß.
Dortmund ist eine rechte Gewalthochburg mit mindestens vier Toten binnen zehn Jahren und vielen Verletzten. Es ist eine Stadt, in der Antifaschisten und Gewerkschafter eine Verschleppungstaktik bei entsprechenden Ermittlungen beklagen, während militante Nazis vor laufender Kamera die Samthandschuhe verspotten, mit denen sie angefasst werden.
Und immer wieder - Sven Kahlin. Noch heute rechtfertigt Staatsanwältin Holznagel die vorzeitige Entlassung im Jahr 2010: Delinquenten würden sich so besser eingliedern. Was dagegen die beiden neuesten Opfer rechtsextremer Gewalt in Dortmund, 16 und 17 Jahre alt, dazu sagen, ist nicht überliefert. Am Samstag wurden die türkischstämmigen Jugendlichen von einer Gruppe von fünf bis sechs »szenetypisch« gekleideter Nazis provoziert, mit ausländerfeindlichen Parolen beleidigt, zu Boden geschlagen, auch danach noch mit Tritten und Schlägen traktiert. Sie trugen, sagt Holznagel, »erhebliche Blessuren« davon. Am Tatort festgehalten wurde ein gewisser Sven Kahlin. Nun, ja nun sitzt er in Untersuchungshaft.
Und nun kommt auch Fahrt in die »langwierigen Ermittlungen« - wie Holznagel sagt - zum Überfall auf das »Hirsch-Q«. Plötzlich konnte die Oberstaatsanwältin sogar Spezialisten finden, die das suboptimale Bildmaterial einer Überwachungskamera auswerten können. Immerhin. Ein Jahr nach der brutalen Tat.
Die Mordserie von Neonazis wirft weiter Fragen auf. Täglich kommen neue Details ans Licht. Doch vor allem die Arbeit von Polizei und Verfassungsschutz gibt Rätsel auf. Mehr
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