Auch am Streiktag selbst ging die Verteufelung des sozialen Protests in Großbritannien weiter. Der konservative Premierminister David Cameron verurteilte die Arbeitsniederlegungen in Schulen und Krankenhäusern als unverantwortlich, und sein Schatzkanzler George Osborne wusste, dass sie sowieso nichts bringen. Sparen im öffentlichen Dienst sei nun mal unabdingbar, die Gewerkschaften müssten zurück an den Verhandlungstisch. Als wenn es dort etwas zu verhandeln gegeben hätte. Die Regierung versucht, ein rigides Sparprogramm durchzudrücken, und wundert sich sich, dass sich die Betroffenen wehren.
Denn die fühlen sich verschaukelt: Viele von ihnen müssten länger arbeiten als bisher gedacht, mehr in die Rentenkasse einzahlen - und würden am Ende trotzdem weniger herausbekommen. Weil mit ihrem Geld auch die rasant gestiegene Staatsverschuldung abgebaut werden soll, was vor allem den Rettungspakten für unverantwortlich agierende Banken geschuldet ist. Soziale Gerechtigkeit sieht anders aus. Dabei könnte schon das energische Vorgehen gegen Steuerbetrüger dem britischen Fiskus jedes Jahr 70 Milliarden Pfund bringen. Doch die konservativ-liberale Regierung will lieber Tausende Finanzbeamte feuern. Es war gestern einer der bislang größten Streiktage in der britischen Gewerkschaftsgeschichte, mit über zwei Millionen Beteiligten. Und es wird nicht der letzte dieser Art gewesen sein, sollten Cameron und Co. nicht umdenken. Längst ist der Funke auch auf die Privatwirtschaft übergesprungen. So kann es schon in der nächsten Woche zum ersten landesweiten Streik in der Bauindustrie seit über drei Jahrzehnten kommen.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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