Von René Heilig
02.12.2011

Nach drei Wochen noch immer am Anfang

Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt bitten die Bevölkerung um Hinweise zur NSU-Mörderbande

Bei der Aufklärung der Mordserie des »Nationalsozialistischen Untergrundes« und der Aufdeckung seines Unterstützer-Netzwerkes setzten Ermittler jetzt verstärkt auf die Unterstützung der Bevölkerung, sagte Generalbundesanwalt Harald Range am Donnerstag. Die bisherigen Ermittlungsergebnisse erscheinen dürftig.

Gemessen an der Schwere der Taten des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) und dem Aufwand, der zu ihrer Aufklärung betrieben wird, sind die Ermittlungsergebnisse nach drei Wochen mehr als dürftig. 421 Polizisten sind an den Ermittlungen beteiligt, 50 weitere hat das BKA gerade aus den Ländern angefordert. Doch vermutlich wird das nicht reichen, um den 1998 untergetauchten und zuletzt in Zwickau wohnenden Nazi-Zellen-Mitgliedern auf die Schliche zu kommen. Auf ihr Konto geht die bundesweite Mordserie an neun Migranten in den Jahren 2000 bis 2006. Außerdem steht die Terrorgruppe im Verdacht, 2007 in Heilbronn eine Polizistin erschossen und deren Kollegen schwer verletzt zu haben. Die Zelle soll zudem 2001 und 2004 zwei Sprengstoffanschläge mit insgesamt 23 Verletzten in Köln verübt haben. Mindestens 14 bewaffnete Banküberfälle hat sie vermutlich begangen, bei denen sie insgesamt mehr als 600 000 Euro erbeutet hat.

Gestern luden Generalbundesanwalt Harald Range und der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) Jörg Zierke erstmals zu einer Pressekonferenz. Im wesentlichen deckten sich die Angaben mit Erläuterungen in der geheimen Sitzung des Bundestagsinnenausschusses vom Vortage. Zierke versuchte auch gestern in Karlsruhe zu erklären, warum die Ermittlungen so schwierig sind. Ein wesentlicher Grund: Das Nazi-Terror-Trio Beate Tschäpe (in U-Haft) sowie Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos (nach einem Banküberfall am 4. November in Eisenach »tot aufgefunden« - so Range) hätten nichts dem Zufall überlassen.

Bislang ruhen die meisten Hoffnungen auf den rund 2500 sichergestellten Asservaten: 500 stammen aus dem Wohnmobil, in dem die beiden Männer starben, 1800 aus dem Brandschutt der gemeinsamen Wohnung in Zwickau. Doch war es überhaupt eine gemeinsame Wohnung? Der geringe Wasserverbrauch spricht dagegen, lassen Ermittler durchblicken - und stehen vor neuen Rätseln.

Interessant, doch ohne Antwort von Range und Zierke, ist die Frage, ob die angeblich abgetauchte Beate Tschäpe staatlicherseits »gedeckt" worden ist und »unter anderem auch für thüringische Sicherheitsbehörden« aus der rechten Szene berichtet hat. Entsprechende Hinweise dringen aus dem Erfurter Landeskriminalamt.

Der Thüringer Verfassungsschutz schweigt, auch der Präsident des Bundesamtes Heinz Fromm bleibt ungenau und verweist auf Informationslücken. Zwar habe sein Bundesamt Informationen nach Erfurt gegeben, umgekehrt jedoch seien nur wenige relevante Informationen zurück gekommen. Seltsam ist auch Fromms Einlassung, dass das Bundesamt bei der Analyse der Nazi-Szene durchaus von terroristischen Ansätzen ausgegangen ist, aber ab 2005 »weichere« Formulierungen verwandt habe.

Das BKA glaubt zu wissen, dass die Dreiergruppe oder einzelne Mitglieder nicht die ganzen 13 Jahre, in denen sie aus dem Blickfeld der Behörden verschwunden waren, streng konspirativ gelebt haben. Die Ermittler versuchen, »offene Zeiträume zu füllen«. Sie betreffen zwei oder gar drei Jahre. Dazwischen gibt es Hinweise auf ein ganz ungezwungenes Leben der drei Neonazis. Sie machten Urlaub auf Ostsee-Campingplätzen, schlossen Urlaubsbekanntschaften, schickten den neuen Bekannten Videos (mit Paulchen-Panther-Musik) zur Erinnerung an einen schönen Urlaub.

Gesichert scheint auch, dass die Nazi-Gangster (offenbar unter falschen Identitäten) 56 Fahrzeuge angemietet haben. Ein Drittel davon waren Wohnmobile. Einige dieser Anmietungen bringt das BKA mit Anschlägen und Morden in Köln, Rostock, Nürnberg, München, Dortmund und Heilbronn zusammen. Gerade der Mord und der Mordversuch an zwei Heilbronner Polizisten gibt dem BKA Rätsel auf. Überlegungen zum Motiv, die in den Heimatort der Polizisten, Oberweißbach, führen, wo sich auch Neonazis zusammenrotteten, sind vage. Es gibt keinen Hinweis darauf, warum die Mörder sich gerade kleine Gewerbetreibende als Opfer gewählt haben. Total ohne Antwort bleibt bislang die Frage, warum das Morden 2007 endete. Im selben Jahr wurde die Bekenner-DVD - von der erst unlängst zwölf Exemplare verschickt wurden - gefertigt. 2007 versetzte man auch einen hessischen Verfassungsschützer, der seine Zeugenschaft an (zumindest) einem der Morde verschwiegen hatte, aus dem Geheimdienst.

In den kommenden Monaten und vielleicht Jahren, so Zierke, werde man sich alle ungeklärten Altfälle vornehmen, um mögliche Verbindungen zur NSU erkennen,